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Aus: Ausgabe vom 17.09.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Rechte Gewalt 1991

»Es war extrem traumatisch«

Vor 30 Jahren begannen die tagelangen rassistischen Pogrome von Hoyerswerda. Schließlich wurden die Verfolgten aus der Stadt gebracht. Ein Gespräch mit Grit Lemke
Interview: Andreas Hahn und Andreas Siegmund-Schultze
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17. September 1991 in Hoyerswerda: Vor dem Heim für Vertragsarbeiter in der Albert-Schweitzer-Straße tobte der Mob

Vor genau 30 Jahren attackierten Neonazis unter dem Beifall von teils über tausend Schaulustigen in Hoyerswerda tagelang Unterkünfte von ehemaligen DDR-Vertragsarbeiterinnen und -Vertragsarbeitern sowie Asylsuchenden. Sie sind im Alter von fünf Jahren in die ostsächsische Stadt gezogen, dort aufgewachsen und waren im September 1991 Mitte zwanzig. Wie sind Ihnen diese Tage in Erinnerung?

Wir hatten zu der Zeit eine Kunstaktion im »Laden«, dem Klub, der damals das Zentrum der Kulturszene in Hoyerswerda ausmachte. Die Angriffe auf die ehemaligen Vertragsarbeiter aus Mosambik begannen, als wir uns gerade mit Beuys beschäftigten. Die Polizei raste mit Blaulicht vorbei, das Ganze fand zunächst rund 200 Meter entfernt von uns in einem Wohnkomplex statt, in dem ich auch aufgewachsen bin. WK VE, hieß das. Wir sind dann dorthin und haben uns das angesehen. Wie ich diesen und die dann folgenden Tage erlebt hab', deckt sich im Grunde mit den Gefühlen, die bei den Interviews für das Buch immer wieder geschildert wurden. Am häufigsten fiel das Wort Angst.

Kam die Welle der rassistischen Gewalt überraschend?

Nein. Man wusste, dass es Nazis in Hoyerswerda gibt. Angriffe gab es zuvor schon, sie waren fast schon Normalität. 1990 fand erstmals das sogenannte »Negerklatschen« statt, ein Wort, das man in der Stadt dann kannte. Am 1. Mai 1990 waren die Mosambikaner von rechten Skinheads in ihrem Wohnheim angegriffen worden. Extrem erschreckend im September 1991 aber war diese Volksfeststimmung und das Pogromartige. Es waren also nicht einfach »Übergriffe«, als die die Ereignisse bis heute in Hoyerswerda immer wieder bezeichnet werden, sondern es war durchaus ein Pogrom.

Was definiert denn ein Pogrom in diesem Kontext?

Dass es nicht einfach zehn gewalttätige Rechte sind, die agieren – damit begann es ja. Es gab die stadtbekannten Nazis, und diese haben permanent die Vietnamesen in der Stadt angegriffen. Das Neue und Schlimme war, dass es die Zustimmung vieler Nachbarn gab und sich die Leute versammelt, gejohlt und geklatscht haben, während die Polizei tatenlos blieb. In der am 30. August gesendeten MDR-Doku wurden die Aufnahmen des Fotografen Gerd Fügert erstmals gezeigt, er hat damals quasi alles dokumentiert. Auch den ersten Stein, der auf das Vertragsarbeiterwohnheim geworfen wurde. Den hat keine rechte Glatze, sondern ein »Normalbürger« geschmissen.

Sie haben zuvor beschrieben, dass es bereits 1990 zu organisierter Nazigewalt in Hoyerswerda kam. Was wissen Sie noch darüber?

Im Wohnheim der Vertragsarbeiter aus Mosambik wurden Türen und Fenster eingeschlagen. Es waren auch Angreifer aus der Region, aus Leipzig und Berlin angereist. Darauf wurde reagiert wie in den dann folgenden 30 Jahren auch immer. Man hat nicht die Täter zur Verantwortung gezogen, sondern den Angegriffenen gesagt: »Am besten geht ihr nicht mehr auf die Straße«. Schließlich wurden sie in ein anderes Wohnheim geschafft, wo schon Menschen u. a. aus Vietnam und Polen untergebracht waren. Dann lebten quasi alle Nichtdeutschen Hoyerswerdas in der sogenannten Polenmauer (einem Gebäudekomplex in der Albert-Schweitzer-Straße, jW). Die Zeit des rechten Terrors gegen bestimmte Gruppen in Hoyerswerda ging noch zehn Jahre weiter und hat viel mit Kurt Biedenkopf (damaliger CDU-Ministerpräsident Sachsens, jW) und seiner Politik zu tun. Das war quasi ein rechtsfreier Raum.

Was heißt das bezogen auf die Ereignisse im September 1991?

Es war ja alles im Umbruch, eine funktionierende Stadtverwaltung gab es in dem Sinne nicht. Als das Pogrom stattfand, hatten wir nicht einmal einen Bürgermeister, alle waren völlig überfordert. Die wenigen Polizeibeamten, die es in der Stadt gab, haben von außerhalb zunächst keinerlei Hilfe bekommen, die sie dringend benötigt hätten. Ich will niemanden in Schutz nehmen, aber es gibt eben Gründe für dieses gesamte Versagen. Man muss verstehen, was damals passiert ist – und das heißt nicht, dafür Verständnis aufzubringen. Das hat auch mit Würde zu tun – unserer und der der Vertragsarbeiter.

Sie haben von der Unterbringung der früheren Vertragsarbeiter an nur einem Ort gesprochen. Wie hat die Mehrheitsgesellschaft reagiert?

Ich denke, diese Enge bei der Unterbringung hat kaum jemand mitbekommen. Das war 1990. Da haben die ersten Betriebsteile von Schwarze Pumpe (der »VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe« war ein großer Braunkohleveredelungsbetrieb, jW) dichtgemacht. Alles ging den Bach runter, Zehntausende wurden im Nu arbeitslos. Man war mit sich selbst beschäftigt, da hat sich keiner interessiert, wo die Vertragsarbeiter hingesetzt werden. Es gab auch keine Presse, die das kritisch und aufklärend begleitet hätte. Schon gar nicht gab es die Bereitschaft, den früheren Vertragsarbeitern auf Augenhöhe zu begegnen, auch nicht bei mir. Durch die Arbeit am Buch fiel mir auf, dass ich 30 Jahre lang bestimmte Einstellungen unreflektiert mit mir herumgetragen habe.

Also Rassismus als persönliches Ressentiment?

Nein, ich betrachte mich selbst natürlich als »aufgeklärt« und »links«. Der Schlüsselmoment für diese Einsicht war das für das Buch geführte Interview mit dem Mosambikaner David, der die Angriffe in Hoyerwerda erleben musste. Ich will, dass diese Betroffenenperspektive auch zu unserer Geschichte dazugehört. Aber diese habe ich bis dahin nicht wahrgenommen.

In Ihrem Buch »Kinder von Hoy« – ein dokumentarischer Roman voller persönlicher Erinnerungen mit Passagen aus Interviews von befreundeten Menschen, die wie Sie in Hoyerswerda aufgewachsen sind – spielen die Ereignisse vom September 1991 ein wichtige Rolle, aus zahlreichen Perspektiven. Welche Sicht kam in der bisherigen öffentlichen Wahrnehmung zu kurz?

Eigentlich die Sicht aller Beteiligter. In erster Linie aber die Sicht der Opfer. 30 Jahre hat das sozusagen keine Sau interessiert. Mit Ausnahmen: Es gab zum Beispiel ein paar Hoyerswerdaer in einem Hilfsverein, die eine Schule in Mosambik gebaut haben. Sie konnten aber keinerlei öffentliches Bewusstsein für die Opfer schaffen. Die gesamte Erinnerungspolitik der Stadt war darauf gerichtet, sich selbst als Opfer zu inszenieren. Wichtig ist mir aber festzustellen, dass infolge der Stigmatisierung Hoyerswerdas die Sicht seiner Bürgerinnen und Bürger auch nicht von Interesse war. Es gibt ein hegemoniales Narrativ, das viele Medien verbreitet haben. So beispielsweise in einem verhängnisvollen Artikel des Journalisten Matthias Matussek im Spiegel aus dem Jahr 1991, demzufolge der »steingewordene Reißbretttraum realsozialistischer Kaninchenzüchter« eben nur »bösartige, hässliche, dumpfe Menschen« produzieren könne. Dieses Narrativ war wirkmächtig. Es regte auch in Hoyerswerda wenig an, sich mit dem Geschehenen und der weiteren Nazigewalt infolge des Pogroms auseinanderzusetzen. Der Automatismus »Neubausiedlung ist gleich Nazis« ist blanker Unsinn, dennoch tauchte er immer wieder in verschiedenen Facetten auf. Dazu gesellten sich Begriffe wie kulturlos, dumm oder Unterschicht.

Wiederholt wird in der Soziologie über Ostdeutschland oder die DDR behauptet, dass der Rassismus schon immer da war, und die politischen Verhältnisse deshalb so sind, wie sie sind, und auch so bleiben, wie sie sind. Diese Lesart bringt mit sich, das rassistische Ressentiment jedem zu unterstellen. Wie könnte eine differenziertere Erklärung auch für die rechte Gewalt 1990/1991 aussehen?

Die Nazis waren da, und aus dem Nichts kamen sie natürlich auch nicht. Hervorzuheben ist, dass sie in der Stadt lange nicht thematisiert, geschweige denn problematisiert worden waren. Quasi hatte man sich damit eingerichtet. Eine Erscheinung gab es Anfang der 1990er Jahre in der Jugendkultur Hoyerswerdas aber auch: Viele waren heute Nazis, morgen Punks und dann wieder Nazis. Vor dem Pogrom hatten in Hoyerswerda noch Nazis und Linke gemeinsam einen Jugendklub besetzt. Und es war auch so, dass die rechten Jugendlichen wie viele andere vollkommen auf sich selbst gestellt waren. Sie hätten zum Zeitpunk des Pogroms in der Schule oder auf Arbeit sein können, aber es war ja alles an Struktur von heute auf morgen weggebrochen. Entsprechend heterogen waren die sozialen und familiären Hintergründe der Neonazis. Darunter waren auch Kinder von früheren Funktionären oder welche, die bei Pflegeeltern oder in Heimen aufgewachsen waren.

Das sagt aber wenig über den die Angriffe feiernden Mob aus, der ja jung wie alt umfasste …

In Spitzenzeiten waren das wohl tausend Leute, später hatte durch die Berichterstattung in den Medien auch ein rechter Tourismus nach Hoyerswerda eingesetzt. In der Stadt haben damals aber rund 70.000 Menschen gelebt – aktuell sind es nicht viel mehr als 20.000 oder 32.000, rechnet man das eingemeindete Umland hinzu.

Die Mehrheit hat 1991 also nicht gejubelt. Aber die anderen 69.000 haben es nicht geschafft, sich zu artikulieren, da fehlten wirklich Instrumentarien einer Zivilgesellschaft. Viele wussten schlichtweg nicht, wie man sich dagegen organisieren solle. Es gab keine moderne Kommunikation. Künstler aus Westberlin, die damals bei uns im »Laden« zu Besuch waren, hatten vorgeschlagen: »Macht doch eine Telefonkette!« Na toll. Wenn keiner ein Telefon hat? Danke für nichts!

Bei der wenige Tage nach den Pogromen von Berliner Autonomen organisierten Gegendemo, zu der eigentlich viele aus Hoyerswerda kommen wollten, ist viel kaputtgegangen. Da wurden auch Bürger herausgeprügelt, die mitgehen wollten. Beim schwarzen Block, der da angereist kam, herrschte halt die Überzeugung: »Ihr seid alles Nazischweine!« Was natürlich absurd und rassistischem Denken gar nicht unähnlich ist. Ansatzpunkte eines bürgerlichen Engagements wurden damit erstickt.

Man hat zudem die Dimension des Ganzen einfach nicht begriffen. Auch den historischen Charakter und dass die Betroffenen tatsächlich aus der Stadt herausgebracht würden.

Was folgte nach den Tagen des Pogroms?

Die Herrschaft des rechten Terrors in der Stadt ging weiter, nur gegen andere Gruppen. Die Angreifer haben auch durch das Einknicken der Behörden gemerkt, sie können machen, was sie wollen: Selbst wenn man ordentlich draufhaut, gibt es keine Konsequenzen. Keinen Ärger mit der Justiz oder der Polizei. Hilfe für die Betroffenen gab es schon gar nicht. Dann wurden alle terrorisiert und zusammengeschlagen, die den Rechten nicht passten. Ich will nicht sagen: »Linke« – es hat gereicht, in einen Jugendklub zu gehen, einen Vollbart oder lange Haare zu haben. Du wurdest halt irgendwo eingeordnet – und in den nächsten Jahren war die Stadt fest in der Hand von Nazis – auch wenn die Mehrheit das sicher nicht bemerkt hat oder bemerken wollte. Im Februar 1993 wurde der 22jährige Mike Zerna ermordet. Ein Mensch, für dessen Schicksal sich bis heute nahezu niemand interessiert.

Welche Erinnerungen verbinden sich bei Ihnen noch mit dieser Zeit?

Die Schilderungen auch der Interviewpartner für mein Buch sind superdüster. Das Erstaunliche ist, dass es eine Epoche war, über die auch wir im Freundeskreis nie gesprochen haben. Wir wollten das vergessen, es war extrem traumatisch. Der »Laden« ist mehrfach überfallen worden. Da wurde alles kurz und klein geschlagen, und Leute haben sich mit einem Schädelbasisbruch im Krankenhaus wiedergefunden. Ich hab' in einer WG gewohnt, da waren dann plötzlich alle weg. In der Nachbarstraße gab es ein besetztes Haus, das ist immer wieder angegriffen worden.

Schon vorher hat man sich bei uns gern mal geprügelt, das gehörte beim »Dorfbums« oder bei der Disco dazu. Es war normal, dass sich WK VII gegen WK II aufstellte. Wenn jemand am Boden lag, war es gut, dann war Schluss. Das zählte zu einer Art Hau-drauf-Kultur. Aber auf einmal wurde das ernst, und es wurde nicht aus »sportlichen« Gründen draufgehauen, sondern, weil du verletzt werden oder am besten sterben solltest. Gewalt hat also eine ganz andere Rolle gespielt.

Später sind die Rechten zu den Leuten nach Hause gekommen und haben sie dort zusammengeschlagen. Da wusste man, es gibt jetzt eine schwarze Liste. Man war sich seines Lebens nicht mehr sicher – und dazu das Gefühl: Niemand schützt dich.

Sie haben dann Anfang 1992 mit anderen die Flucht aus der Stadt ergriffen.

Ja, wir mussten uns aus der Schusslinie bringen. Kurz davor ereignete sich eine Situation, bei der ein Pärchen überfallen wurde, und ich war mit Freunden auf der anderen Straßenseite. Wir haben sie später überzeugt, dass sie eine Anzeige bei der Polizei erstatten sollten. Die Folge war, dass die Anschrift der Opfer bei einem der Täter landete. Dessen Vater war nämlich bei der Polizei … Einer der Angreifer stand dann eines Tages vor der Tür und hat die Betroffenen aufgefordert, die Anzeige zurückzunehmen. So war das damals.

Das verstärkt natürlich das Gefühl, hier hilft dir niemand.

Das war mehrere Jahre so. Dann hat die Verwaltung in Hoyerswerda angefangen, akzeptierende Sozialarbeit mit den Nazis zu machen und war auch damit schlecht beraten. Niemand hatte damit Erfahrung. Und es gab ja kaum Sozialarbeiter, also was tun? Viele Kindergärtnerinnen waren ohne Job, weil es jetzt viel weniger Kinder in der Stadt gab. Dann sollten sie in den Klubs Sozialarbeit mit den Nazis machen. Alles, was man falsch machen konnte, hat man falsch gemacht. Und dann Biedenkopf als sächsischer Landesvater, der meinte, wir haben hier kein Problem mit Rechtsextremismus. Mitte 1994 ist wegen des Mordes an Mike Zerna das erste Mal jemand zu mehr als einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, dies hat die Lage in der Stadt ein wenig beruhigt. Der »Laden« musste 1994 zumachen, weil niemand mehr dort hinging. Die Leute dachten sich, wenn ich da auftauche, kriege ich auf die Schnauze. Auch im »Laden« haben später Kindergärtnerinnen gearbeitet. Das ist alles völlig schiefgelaufen.

Zu Ihrem Buch »Kinder von Hoy«. Manche der Schilderungen aus Hoyerswerda darin – über eine schwul-lesbische Disco, über einen von Rechten und Linken gemeinsam besetzten Klub oder die Ausrufung der Autonomen Republik Ladanien beispielsweise – sind für einige der Leserinnen und Leser mit Sicherheit ziemlich überraschend, oder?

Das kann ich heute noch nicht wissen, das Buch ist gerade erst in den Handel gekommen. Aber ja, natürlich wird das Leute überraschen, weil bei den Menschen dieses kollektive Narrativ verankert ist. Grau, Platte, Nazis. Das Buch ist auch kein Buch über ein Pogrom, sondern über eine Utopie.

Aber es erscheint genau 30 Jahre nach dem Pogrom …

Weil wir gemerkt haben, dass das Pogrom für uns eben auch einen Punkt des Kippens bedeutete. »Freiheit, Glück und Terror« ist deshalb als Untertitel des Buches gewählt.

Was ist mit Utopie gemeint?

Es gab einfach enge Bindungen der Menschen in Hoyerswerda, an die Arbeitskollektive und die Hausgemeinschaften. Es handelte sich um eine sehr solidarische Kommune. Der einzelne war gut aufgehoben in den Strukturen. Für die DDR war die alternative Klubszene, die die Stadt ausmachte, außergewöhnlich und kaum bekannt. Das war durch Gerhard Gundermann und die Brigade Feuerstein maßgeblich begonnen und dann mit anderen fortgesetzt worden. Hoyerswerda war keine gewachsene Stadt, da standen keine Theater, kein Klubhaus. Die wurden von oben stets versprochen, aber sie kamen nicht, und der damit verbundene Geist in der Stadt war: Etwas gibt es nicht, also müssen wir es selbst machen. Daraus ist diese Klubszene entstanden. 1986 hat dann jemand den Dadaismus entdeckt, dann gab es eine große Dada-Soiree. Wir konnten fast alles machen, was wir wollten. Die Stasi hat sich dafür nicht interessiert, Hoyerswerda war ja weit weg vom Schuss.

Noch mal zum Spiegel und dem »Traum sozialistischer Kaninchenzüchter«. Wie kommt man auf so was?

Es gab ja das Narrativ, dass der DDR-Bürger zum Nazi werden musste: Weil er nach 1990 auf einmal ideologisch frei wurde. Die Instanz, die ihm immer gesagt hat, wo er hinmusste, war weg, es gab keine Werte mehr, schließlich wurde er zum Nazi. Soweit das Narrativ. Dem folgen nicht nur Journalisten, sondern auch Historiker. Ich bin durch meine Arbeit an dem Buch zu dem Schluss gekommen, dass den Leuten tatsächlich etwas fehlte. Aber das war in Hoyerswerda keine Ideologie, sondern die Verankerung in diesen Kollektiven und Einheiten sowie das Gefühl, dass du gebraucht wurdest. Die Schichtbusse haben der Stadt den Rhythmus gegeben – und auf einmal setzt der aus. Es gibt nichts an seiner Stelle. Dass das auf einmal wegbricht, ließ auch den Sinn wegbrechen. Der war aber nicht der Sozialismus, sondern das gemeinsame Produzieren, eben dass du als Individuum gebraucht wirst.

Im Buch wird in den Schilderungen von David deutlich, dass Vertragsarbeiter nicht erst nach 1990 isoliert lebten, sondern auch schon zu DDR-Zeiten Rassismus ausgesetzt waren. Wie passt das mit Solidarität und gemeinsamen Utopien zusammen?

Alltagsrassismus gab es schon vorher, und es war auch nicht gewünscht zu DDR-Zeiten, dass Partnerschaften und Ehen zwischen DDR-Bürgern und Vertragsarbeitern entstehen. Man muss aber auch sagen, und das war David im Gespräch wichtig: Es gab in der DDR Rassismus, aber auch Freundschaften und Verbundenheit.

Waren Ihre Freundeskreise offen für sie?

Man muss leider sagen, nein. Vor dem Pogrom kamen einzelne öfter in den »Laden«, weil das Wohnheim, in dem sie lebten, sehr nah war. Man wusste vielleicht die Namen, aber näher kannten wir sie nicht. Ich frage mich heute manchmal, warum? Andererseits muss man sagen, der »Laden« war einer von den wenigen Orten, wo sie zu dieser Zeit in Hoyerswerda überhaupt hinkonnten.

Sie stellen in der Ende August gesendeten MDR-Doku die Frage, wie eine Gemeinschaft, die Sie als sehr solidarisch wahrgenommen haben, andere so rabiat ausschließen kann. Was ist denn die Antwort darauf?

Ich fand es wichtig, überhaupt die Frage so zu stellen, aber kann sie mir bis heute nicht abschließend beantworten. Nach wie vor erlebe ich in Hoyerswerda, dass man aufeinander achtet und sich hilft. Die Frage war also eher mein Antrieb, das Buch zu schreiben und ist auch eine, die ich mir weiterhin stelle.

Die auch in der Gegend um Hoyerswerda verwurzelte Linke-Bundestagsabgeordnete Caren Lay berichtete in der jW-Ausgabe vom 7. September, dass sich gegenwärtig der »Umgang der Stadt mit dem Pogrom zum Positiven hin entwickelt« und meinte damit, die Angriffe würden nun offener thematisiert. Sie verbringen heute wieder viel Zeit in Hoyerswerda, was sagen Sie zu dieser Einschätzung?

Ich teile sie. Die von sehr jungen Menschen getragene Initiative »Pogrom 91«, die vor zehn Jahren die Stadtgesellschaft zu einem anderen Umgang mit den Ereignissen bewegen wollte, war hervorragend und hat einiges in Gang gesetzt. Diese neue Generation hat gemerkt, in der Stadt gibt es etwas, über das niemand spricht, das Pogrom wurde ja völlig tabuisiert. Damit haben sich die jungen Leute nicht zufriedengegeben. Die sind selbst losgegangen und haben sich an die Aufarbeitung gemacht. Dabei sind sie immer wieder auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Hinter »Pogrom 91« standen auch die Leute der Punkband Pisse, sie kommen alle aus Hoyerswerda bzw. der Umgebung. Sie haben nicht aufgegeben und viel herausgefunden. Ihnen muss man zugute halten, dass die Stadt hingucken musste. Zu den Jahrestagen der Pogrome gab es auch regelmäßige Naziaufmärsche, sie wurden dann irgendwann nicht mehr ignoriert, und es hat sich eine Gegenbewegung herausgebildet. Mehrere Gruppen wie die Initiative Zivilcourage, in der ich auch aktiv bin, haben sich im Folgenden gebildet.

Was macht die Naziszene aktuell?

Derzeit hält sie die Füße still, was wir auch ungewöhnlich finden. Wir vermuten, es liegt daran, dass bald Wahlen sind. Es ist sonst nicht ihre Art. Im benachbarten Bautzen ist die Lage schlimmer.

Gibt es noch andere Gründe für die Veränderung im Umgang mit dem Pogrom?

Mir ist wichtig zu betonen: Diese Entwicklung wurde von unten angestoßen. Erst in diesem Jahr lässt sich ein Umdenken der Kommune beobachten. Durch die Recherche für das Buch und mein Interview mit David, das ich Freunden zu lesen gab, ging uns durch den Kopf, wir müssen auf die Sicht der Betroffenen hinweisen. Der Stadtgesellschaft, die sich seit 30 Jahren als Opfer inszeniert, müssen wir zeigen, wer die eigentlichen Betroffenen sind. Nämlich die Mosambikaner, Vietnamesen, auch Menschen wie Mike Zerna, Linke und eben Teile der Kulturszene.

Die früheren Vertragsarbeiter sind nun auch alle über 60, einige sind schon gestorben. Sie haben bis heute kein Geld, keine Entschädigung bekommen, da ist noch ganz viel offen. Ein Engagement würde in zehn Jahren mit Sicherheit zu spät sein. Dies versuchen die Kulturfabrik und die Initiative Zivilcourage zu forcieren. Auch mit dem neuen Bürgermeister von Hoyerswerda gibt es nun die Bereitschaft seitens der Stadt. Ich hatte mich auf lange Kämpfe eingestellt, und so war es überhaupt nicht. Es gibt 30 Jahre nach den Pogromen zahlreiche Veranstaltungen vom heutigen Freitag bis Sonntag in Hoyerswerda, dabei werden die Ereignisse und Folgen umfangreich thematisiert. Ein derart breites Bündnis, unterstützt von der Stadt – jahrelang war das undenkbar. Im Rathaus hat man eine aufklärerische Gedenkkultur zuvor jahrzehntelang wahrlich verhindert, woran auch der CDU-Vorgänger des jetzigen Bürgermeisters einen erheblichen Anteil hat.

Es gibt auch Kritik. Zum Beispiel, dass auf dem vor fünf Jahren eingeweihten Denkmal in Erinnerung an die Angriffe kein direkter Hinweis auf die Ereignisse zu finden ist, sondern nur ein QR-Code, der auf eine Website mit Informationen zu 1991 führt.

Furchtbar, und es geht weiter mit solchen Aktionen. Auch an das Gebäude des früheren Vertragsarbeiterwohnheims in der Albert-Schweitzer-Straße soll nun ein QR-Code angebracht werden. Dort oder an der Stelle, wo Mike Zerna ermordet wurde, erinnert bisher nichts an die Ereignisse. Nun wird mit der Wohnungsgesellschaft über diesen oder jenen QR-Code an den Tatorten diskutiert. Ich persönlich finde das verlogen und feige, und es bewirkt nichts. Ich habe noch nie jemanden an dem Denkmal stehen geschweige denn den QR-Code scannen sehen. Man ändert aber nicht von heute auf morgen eine vermasselte Erinnerungskultur.

30 Jahre Hoyerswerda sind das eine, aber vor drei Jahren ereigneten sich die rassistischen Übergriffe in Chemnitz. Was sind da Ihre Assoziationen?

Wenn ich so rechte Mobs sehe, erinnert das natürlich stark an 1991. Das ging mir jetzt auch noch mal so, als ich die MDR-Doku gesehen habe. Aber so geht es sicher jedem halbwegs vernunftbegabten Menschen. Insgesamt macht mich wütend, worauf die öffentliche Wahrnehmung fixiert ist und wie der gesamte Diskurs funktioniert. Dass sofort dieses Bild vom »Dunkeldeutschland« kommt und man sich nicht dafür interessiert, was da wirklich passiert. Dass man nicht versucht, irgend etwas zu verstehen. Weil man eben denkt, dann müsste man Verständnis entwickeln. Ähnlich wie in Hoyerswerda damals ärgert mich auch, dass man die Gegenkräfte, die es gibt, im Stich lässt. In Chemnitz hat man mit einem großen Konzert diesen wenigstens den Rücken gestärkt. Es ist so einfach zu sagen: Nazis sind nun mal Nazis. Und dann lässt man die Leute allein, die versuchen, vor Ort zu widerstehen. Genau die müsste man jedoch stärken, auch seitens der Medien – und dies passiert leider viel zu selten.

Grit Lemke wurde 1965 in Spremberg/Niederlausitz geboren, wuchs in Hoyerswerda auf und ist Regisseurin, Autorin und Kuratorin. Heute lebt sie in Hoyerswerda und Berlin. Bis 2017 arbeitete sie für das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm DOK Leipzig. 2019 führte Lemke im Dokumentarfilm »Gundermann Revier« Regie.

Lemke kommt auch umfangreich in der am 30. August in der ARD ausgestrahlten MDR-Doku »Hoyerswerda 91« zu Wort. Zu finden in der ARD-Mediathek, https://kurzelinks.de/hoyerswerda91

Siehe auch den Auszug aus Grit Lemkes Buch »Kinder von Hoy«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Carsten G. aus Leipzig (21. September 2021 um 18:11 Uhr)
    Vielen Dank für dieses Gespräch mit Grit Lemke! Nachdem ich nun auch die MDR-Dokumentation (u. a. mit Grit) zum Thema gesehen habe, wird mir klar, dass auch nach 30 Jahren das »Wie konnte das passieren?« immer noch nicht umfassend beantwortet ist. Dass Herr Matthias Matussek gerade im Spiegel sein »der «steingewordene Reißbrettraum realsozialistischer Kaninchenzüchter (könne eben nur) bösartige, hässliche, dumpfe Menschen produzieren« loslassen darf, wirkt noch bösartiger, wenn man sich anschaut, was auf dem Spiegel-Titel vom 8. September 1991 – also genau vor dem Ereignis in Hoyerswerda – über »Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten – Ansturm der Armen« suggeriert wird (https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1991-37.html). Und das in »dem Nachrichtenmagazin« der BRD – ganz zu schweigen davon, was den ganzen Sommer über Tag für Tag in Bild u. ä. an Hetze gegen Ausländer ausgeschüttet wurde. Die Zuschauer des MDR-Beitrags im Jahre 1991 hatten das auch alles im Kopf; die Zuschauer des MDR-Beitrags von 2021 wissen das nicht unbedingt (und vom MDR werden sie’s auch nicht erfahren). Die Frage sollte also nicht nur sein, was 40 Jahre DDR, sondern vor allem, was ein Jahr westlicher Medienhetze in den Köpfen angerichtet hat ...
  • Leserbrief von Gerd Bedszent aus Berlin (16. September 2021 um 23:32 Uhr)
    Als Teilnehmer des antifaschistischen Konvois, der damals kurz nach dem Pogrom von Berlin nach Hoyerswerda fuhr, möchte ich einige Aussagen richtigstellen, andere ergänzen: Erst mal war das kein Konvoi von Autonomen, auch wenn von denen viele mitgefahren sind. Jeder konnte sich beteiligen. Zahlreiche Leute aus linken Gruppen und Kleinparteien waren mit dabei, das ging sogar bis hin zu ehemals bürgerbewegten Leuten. Die Meinung »alles Nazis« gab es, sie dominierte aber nicht. Es gab aus der Demo heraus übrigens großen Beifall, wenn Leute aus den Häusern kamen, um sich uns anzuschließen, auch als ein Anwohner den Mut hatte, eine rote Fahne aus dem Fenster zu hängen. Zweitens konnte man in diesem Zusammenhang mal wieder ein völliges Versagen der Linkspartei (damals noch: PDS) konstatieren. Die zitterte nur um ihr Parteivermögen und um ihre Infrastruktur; Rassismus war kein Thema. Mir persönlich wurde damals im Vorfeld der Demo von einer Jugendfunktionärin der Partei auf die Frage, warum sie nicht mitmachen wollen, entgegnet: Wenn ihr dort demonstriert, zerteppern die Nazis wieder unseren Jugendklub, und wir müssen die neue Einrichtung bezahlen. Drittens: Als wir in die Stadt wollten, stand da eine eigens aus Westdeutschland herangekarrte Hundertschaft des Bundesgrenzschutzes (heute: Bundespolizei) und hatte Befehl, uns nicht durchzulassen. Okay, wir kamen dann doch in die Stadt, aber erst nach Stunden und als umzingelter Wanderkessel. Und ich frage mich bis heute: Wo waren diese uniformierten Ordnungshüter während des Pogroms?

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