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Aus: Ausgabe vom 16.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Musik

Die Wirkung und ihr Zweck

Am Aufbau entfalten: Dem sozialistischen Komponisten Fritz Geißler zum 100. Geburtstag
Von Kai Köhler
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Erneuerung aus der Tradition: Fritz Geißler

Komponisten aus der DDR haben gegenwärtig geringe Chancen auf einen Platz in Konzertprogrammen. Das hat außer den politischen verschiedene Gründe. Künstler sind auf Netzwerke angewiesen; die Westler, die ab 1990 viele kulturpolitische Funktionen im Anschlussgebiet besetzten, bedienten ihre eigenen Kumpels. Mindestens ebenso wichtig ist die musikalische Ästhetik.

Die bedeutendsten DDR-Komponisten verbanden, wie Günter Kochan (1930–2009) oder der jüngst verstorbene Siegfried Matthus (1934–2021), auf ganz individuelle Weise Traditionsbezüge und musikalische Neuerung. Es ging ihnen nicht – wie manchen Vertretern der Westavantgarde – um das neue Mittel als Selbstzweck. Bei allem Anspruch, in der neuen Gesellschaft auf der Höhe der Zeit zu sein, sollte die Verständigung mit dem Publikum nicht abreißen. Das war gut gedacht und führt doch in eine undankbare Zwischenposition. Avantgardistische Snobs sind ebenso unzufrieden wie Hörer, die alles Unbekannte ablehnen. So sind auch bundesrepublikanische Komponisten, die wie Boris Blacher (1903–1975) oder Karl Amadeus Hartmann (1905–1963) Neue Musik für Nichtspezialisten schrieben, nur noch selten zu hören.

Der 1984 verstorbene Fritz Geißler, der heute jede Aufführung verdient hätte, hat diese Problematik bereits zu Lebzeiten immer wieder durchdacht und ein entsprechend vielgestaltiges Werk vorgelegt. Gemeinsam ist seinen Kompositionen ein höchst verantwortlicher Einsatz musikalischer Mittel. Egal, ob es um fünf Minuten Variation über ein Kinderlied (»Die Katz’ im Schnee«) geht oder um eine Sinfonie: Stets ist der Tonsatz präzise, stets hat jede Wendung ihre Funktion für das Ganze. Geißler verbindet traditionelle Wirkungen mit der Zwölftontechnik – dass Schönbergs Dodekaphonie in der DDR verboten gewesen sei, ist ein Gerücht. Er setzt Klangflächen ein, die von György Ligeti (1923–2006) stammen könnten, ohne sie wie Ligeti zu verabsolutieren. Es gibt bei ihm sogar aleatorische Passagen, wo also Interpreten in einem vorgegebenen Rahmen improvisieren können. Aber das wird nie zum selbstbezüglichen Spiel, sondern bleibt stets Substanz der musikalischen Aussage.

Diese Ästhetik war durch biografische Erfahrungen begründet. Als Sohn eines Maurers am 16. September 1921 im sächsischen Wurzen geboren, kam Geißler statt auf die Musikhochschule in eine Stadtpfeiferei: Die kasernierten Schüler fiedelten bei festlichen Anlässen in der Umgebung, der Direktor kassierte. Seine weitere Ausbildung finanzierte Geißler als Kaffeehausgeiger. Es folgten Militärdienst in einem Musikkorps der Luftwaffe und drei Jahre britische Kriegsgefangenschaft. In dieser Zeit entstanden erste Kompositionsversuche. 1948, sofort nach seiner Entlassung, nahm Geißler ein Studium in Leipzig auf, das er wiederum als Tanzmusiker zu finanzieren versuchte. Ab 1951 setzte er seine Studien an der Westberliner Musikhochschule fort, wo ihn Blacher förderte.

Der Lebenslauf ist wichtig über die bloßen Fakten hinaus. Vom Eintritt in die Stadtpfeiferei 1936 bis zum Charlottenburger Abschluss 1953 ergibt sich eine außergewöhnlich lange Lehrzeit. Lenkt angewandte Musik, zum Lebensunterhalt oder im schlimmsten Fall als Rettung vor dem Fronteinsatz, vom Wesentlichen ab? Wer stets und immer wieder das Ungeliebte machen muss, will endlich mal ungestört den eigenen Wünschen folgen. Doch zugleich musste Geißler den imperialistischen Krieg verstehen, erlebte er die ökonomische Gewalt der Klassengesellschaft. Und so verstand er sich als gesellschaftlich bewusster Künstler, der sich am kulturellen Aufbau in der DDR entfaltete: 1956 bis 1968 als Vorsitzender des Bezirksverbands Leipzig des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR, ab 1972 als dessen stellvertretender Vorsitzender auf Republikebene; ebenfalls seit 1972 als Akademiemitglied. Neben theoretischen Äußerungen zeigt eine Reihe von Oratorien, dass Geißler hinter seinem Staat stand: »Gesang vom Menschen« nach Texten von KuBa etwa (1968) oder »Die Glocke von Buchenwald« (1974/75).

Was kann man heute von ihm hören? Fast alles, was jemals eingespielt wurde. Der unbefangene Umgang auf Youtube mit Urheberrechten hat dazu geführt, dass Liebhaber ihre alten Platten hochgeladen haben. Manchmal rumpelt es hörbar, die Abstufung der Lautstärke ist selten optimal. Aber die DDR-Aufnahmetechnik führte zu einer exemplarischen Klarheit, und so besteht eine paradoxe Situation: Während Komponisten aus der DDR im offiziellen Musikleben kaum mehr vorkommen, ist es doch einfacher als jemals zuvor, mit ein paar Klicks hochrangige Einspielungen ihrer Werke zu hören.

Das gilt auch für Fritz Geißler. Die 2. Sinfonie (1962–64) ist eines seiner Hauptwerke, keineswegs einfach zugänglich, lohnt jedoch jede Mühe. Drei knappe Teile – Einleitung, Adagio, Scherzo – zielen auf einen riesigen Variationssatz hin, der allein mehr als die Hälfte der Spieldauer einnimmt und Schritt für Schritt die Konflikte verdichtet, bis ein ruhiger Epilog einen Rückblick auf die Ereignisse erlaubt. In frei angewandter Zwölftontechnik komponiert, weist die Sinfonie traditionelle Ausdruckscharaktere auf: Musik musste für Geißler eine Aussage haben und diese Aussage vermitteln können. Das gilt sogar für die 1965/66 komponierte 3. Sinfonie, die einen der wichtigsten Gattungsbeiträge in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellt. In knapp 20 Minuten größter Verdichtung spitzt sich die Auseinandersetzung bis zu sich gleichsam überstolpernd lärmenden Bewegungen zu: Der Kampf ist nicht gewonnen. Nach eigener Angabe hat Geißler bei der Komposition an Vietnam gedacht.

Er mochte sich nicht wiederholen und hat stets neue Ausdrucksformen erprobt. Die 6. Sinfonie ist von konzertantem Musizieren geprägt, viele spätere Werke wie die Hornsonate von hörerfreundlicher Vereinfachung. Ob die grelle Festlichkeit am Ende der 5. Sinfonie Freude ausdrückt oder Oberflächlichkeit karikiert, ist schwer zu entscheiden – ein grimmiger Humor findet sich jedenfalls in vielen der späteren Kompositionen, etwa dem Klarinettenkonzert. In Geißlers Werk gib es noch vieles zu entdecken.

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  • Leserbrief von Reinhard Schmiedel aus Weimar (17. September 2021 um 11:04 Uhr)
    Vielen Dank für diesen inhaltsvollen Artikel von Kai Köhler. Es ist wunderbar, dass an diesen tiefgründigen Musiker erinnert wird. Ich glaube, Fritz Geißler wollte mit seiner Musik unsere sozialistische DDR-Gesellschaft besser machen, wie vor ihm etwa Paul Dessau. Das große Glück hatte ich, bei Fritz Geißler als Jugendlicher in der Kinderklasse der Leipziger Musikhochschule zwei Jahre Kompositionsunterricht zu genießen. Als einer der ersten durfte ich sogar die Partitur seiner 5. Sinfonie noch vor der Uraufführung mit nach Hause nehmen, um sie zu lesen. So offen war er. Für ihn war wichtig, dass man Komposition wie ein Instrument täglich übt. Und so überhäufte er mich jede Woche mit einer Masse von Übungsaufgaben, die ich schon auf dem Weg im Zug nach Hause anfing zu erledigen. Für eine gelingende Komposition war ihm außerdem im Vorfeld eine kluge, ausgefeilte Dramaturgie unerlässlich.
    Später in seinem Schaffen war er unglücklich, dass die zeitgenössische Musik, wie er meinte, so wenig gehört wird, so unbeliebt ist. Er wollte aber von allen verstanden werden. Deshalb veränderte er seine Tonsprache. Das scheinbar Triviale wurde von einigen seiner Kollegen hart kritisiert. Er hob aber das Alltägliche in das hohe Ernsthafte der Kunst. Er versuchte praktisch, »das Einfache, das schwer zu machen ist«, in seinen späteren Werken zu realisieren, eine total aufregende Sache. Ein Beispiel dafür ist seine 10. und vorletzte Sinfonie. Der Finalsatz, eine gespenstige Tarantella, ist in der Partitur mit der »Anweisung« überschrieben: »Ein phantastischer Maskenzug nähert sich aus der Ferne.« In der musikalischen Ausdeutung gibt er damit Interpreten wie Rezipienten Rätsel auf, die es zu lösen gilt. Sehr würde auch ich mir wünschen, dieser bedeutende Komponist würde für die Konzertsäle und Opernhäuser dieser Welt wieder neu entdeckt.

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