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Aus: Ausgabe vom 15.09.2021, Seite 15 / Antifa
»Operation Tinfoil«

Hacker nehmen Hildmann offline

Anonymous-Kollektiv kapert zahlreiche Kanäle von Neonazi-Influencer
Von Marc Bebenroth
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Vorerst ohne Sprachrohr: Attila Hildmann inmitten von Gegnern staatlicher Coronamaßnahmen vor der russischen Botschaft in Berlin (29.8.2020)

Er mag vorerst zum Schweigen gebracht worden sein. Aus der Welt sind er und vor allem seine Gefolgsleute dadurch nicht. Als das »finale Kapitel« bezeichnen die Hacker des Anonymous-Kollektivs ihren jüngsten Schlag gegen den faschistischen »Influencer« Attila Hildmann. Dieser floh vor einiger Zeit zwar vor der Berliner und Brandenburger Justiz ins türkische Exil, sein neonazistisches Propagandanetzwerk betrieb er jedoch weiterhin.

Dabei half ihm offenbar ein IT-Administrator, der sich gegenüber dem Kollektiv offenbart habe. Jenem »Kai«, wie er genannt wird, sei es zu verdanken, dass die anonymen Hacker eine Vielzahl von Kanälen und Internetseiten Hildmanns unter ihre Kontrolle bringen konnten. So schildert es zumindest ein ausführlicher Bericht des Portals anonleaks.net vom Montag. Demnach ließ der Hinweisgeber der Redaktion die Zugangsdaten zu mehr als 20 E-Mail-Konten der Domains attilahildmann.de und attilahildmann.com zukommen. In der Summe seien die Hacker des Kollektivs dadurch an 100.000 E-Mails aus Hildmanns Postfächern gekommen, darunter auch Konten, die der Kleinkapitalist für sein Geschäft mit pflanzenbasierten Lebensmitteln betrieb.

Dem Bericht zufolge habe jenes Hackerkollektiv nun jede Menge Details über Hildmanns Geschäftspartner herausgefunden, zum Beispiel, welche ihm die Zusammenarbeit gekündigt hätten und welche Firma weiterhin mit ihm arbeite. Bekannt sei auch der Nachrichtenverlauf zwischen Hildmann und den Anwälten der Unternehmen. Man wisse, »welches Konto vom Finanzamt wegen Steuerschulden gepfändet wurde«. Den Zugriff auf diverse Internetseiten und Kanäle des Messengerdienstes Telegram sowie auf Youtube, deren Kontrolle oft vollständig von Hildmann an »Kai« übertragen worden war, nutzten die Hacker offenbar, um sie mit eigenen Botschaften zu bestücken, darunter ein Bekennervideo. Darin heißt es, Hildmann habe durch seine vorangegangene »Kriegserklärung« an das Anonymous-Kollektiv weltweit Anhänger jener Szene gegen sich aufgebracht. »Hast du denn wirklich gedacht, wir lassen dich in Ruhe, Klaus Peter?« fragt die maskierte Person in dem Video rhetorisch in Anspielung auf Hildmanns weitere Vornamen.

Dieser hatte im Zuge der Coronapandemie die Wende vom kleinbürgerlichen Unternehmer zum neonazistischen Verschwörungsideologen vollzogen. Unter anderem wegen des Verdachts der Volksverhetzung wurden mehrere Verfahren gegen ihn allein bei der Staatsanwaltschaft Cottbus eröffnet. Es folgten Hausdurchsuchungen. Vor seiner Flucht in die Türkei, die mit Hilfe von »Kai« über Bulgarien erfolgt sei, soll dem Bericht von anonleaks.net zufolge ein Sympathisant in der Berliner Justiz den Haftbefehl gegen Hildmann an ihn durchgestochen haben.

Die Inszenierung der anonym auftretenden Hacker suggeriert eine persönliche Fehde zwischen ihnen und dem in die Türkei geflohenen Neonazi Hildmann. Von einer ehrlichen antifaschistischen Grundüberzeugung ist in den Äußerungen nichts zu erkennen. Bei Antifaschistinnen und Antifaschisten sollte deshalb keine besondere Freude über das Vorgehen des Hackerkollektivs aufkommen. Schließlich ist es eher dem Zufall geschuldet, dass ein Faschist dessen Aufmerksamkeit auf sich lenkte und nun ernsthafte ökonomische, juristische und propagandistische Folgen davonträgt. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass sich dieser oder andere Anonymous-Zusammenschlüsse eines Tages auch gegen Linke richten und deren Kanäle sowie Netzwerke sabotieren.

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