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Aus: Ausgabe vom 15.09.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Langlebige Vorurteile

Diskriminierung macht krank

Studie beleuchtet Leben mit HIV-Infektion. Betroffene mit Vorurteilen im Gesundheitswesen konfrontiert
Von Markus Bernhardt
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Durch die wissenschaftliche Untersuchung soll ein besserer Einblick in den Alltag von HIV-positiven Menschen gewonnen werden

Die Lebensqualität von Menschen mit HIV wird heutzutage vor allem durch Vorurteile und Diskriminierung eingeschränkt, nicht durch die Infektion selbst. Zu diesem Schluss kommt die Studie »Positive Stimmen 2.0«, die am vergangenen Freitag in Berlin von der Deutschen Aidshilfe (DAH) und dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) vorgestellt wurde.

Im Rahmen der Erhebung haben Menschen, die selbst HIV-positiv sind, andere Betroffene zu ihrem Alltag mit der Infektion befragt. Das laut den Studienmachern »partizipativ entwickelte und umgesetzte Projekt« vermittele »einen plastischen Eindruck in die Aspekte dieses Lebens jenseits der medizinischen Erfolge«. So wollten die Experten vor allem der Frage nachgehen, wie HIV-positive Menschen heutzutage lebten, ob und wenn ja, in welcher Form sie diskriminiert würden und wo sie Stigmatisierung und Ausgrenzung erfuhren.

Für die deutsche Umsetzung der internationalen Studie mit dem Titel »People Living with HIV Stigma Index« hatten insgesamt knapp 500 Menschen in Interviews nach einem standardisierten Leitfaden Auskunft zu ihrem Leben mit HIV gegeben. Fast 1.000 Betroffene haben für die Studie außerdem einen Onlinefragebogen über ihre Diskriminierungserfahrungen und die persönlichen Folgen ausgefüllt, deren Ergebnisse in sogenannten Fokusgruppen vertieft wurden.

Die Studienergebnisse lassen aufhorchen. »Menschen mit HIV können heute leben, lieben und arbeiten wie alle anderen. Schwerer als die gesundheitlichen Folgen der HIV-Infektion wiegen für viele die sozialen Folgen«, fasste Matthias Kuske, Projektkoordinator bei der DAH, die wichtigsten Ergebnisse am Freitag zusammen. Ein Großteil der Befragten werde »im Alltag weiterhin mit Diskriminierung, Ausgrenzung und Abwertung konfrontiert«. Die gesellschaftliche Entwicklung sei somit »langsamer als die medizinische«, so Kuske weiter.

90 Prozent der Teilnehmer der Onlinebefragung bejahten die Aussage, gut mit der Infektion leben zu können. Dank der hierzulande vorhandenen Therapiemöglichkeiten fühlten sich drei Viertel der Befragten gesundheitlich nicht oder nur wenig eingeschränkt. Anders sieht es hingegen bei den Diskriminierungserfahrungen der Teilnehmer aus. So gaben 95 Prozent an, aufgrund ihrer HIV-Infektion in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal eine diskriminierende Erfahrung gemacht zu haben. 52 Prozent sehen ihr Leben durch Vorurteile beeinträchtigt.

Besonders erschreckend sind die Angaben, denen zufolge es vor allem im Gesundheitswesen zu Diskriminierungen kommt. So gaben 56 Prozent der online Befragten an, diesbezüglich in den letzten zwölf Monaten mindestens eine negative Erfahrung gemacht zu haben. 16 Prozent berichteten, dass ihnen mindestens einmal eine zahnärztliche Versorgung verweigert worden sei. Acht Prozent erlebten Diskriminierung bei allgemeinen Gesundheitsleistungen. Dies ist vor allem deshalb absurd, da HIV-Infektionen mittlerweile sehr gut behandelbar sind und Betroffene, die wirksam therapiert werden, das Virus nicht übertragen können.

Es sei »besonders frustrierend, dass im so wichtigen Gesundheitsbereich immer noch Wissensdefizite, Vorurteile und irrationale Ängste zu Stigmatisierung von Menschen mit HIV« führten, kritisierte Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, in der ebenfalls am Freitag vorgestellten Broschüre, in der die Studienergebnisse zusammengefasst sind. All das sei »um so schlimmer für die Betroffenen, da sie hier einem ungleichen Machtverhältnis ausgesetzt sind und sie sich benachteiligenden Erfahrungen kaum entziehen können«, so Franke. Ähnlich äußerte sich am Freitag auch DAH-Projektmanager Kuske. Menschen mit HIV anders zu behandeln als andere, sei »völlig unnötig – und ganz klar diskriminierend«. Die üblichen Hygienemaßnahmen reichten völlig aus, stellte er klar.

Dabei blieben Diskriminierungserfahrungen für die Betroffenen keineswegs ohne Auswirkungen. Die Macher der Studie weisen in der Broschüre darauf hin, dass diese nicht nur zu einem schlechteren Gesundheitszustand, weniger Wohlbefinden und weniger sexueller Zufriedenheit führten, sondern auch den Umgang mit der eigenen HIV-Infektion, das Selbstbild bzw. die verinnerlichte Stigmatisierung beeinflussten.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. So bezeichnete es Franke von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes als »etwas sehr Ermutigendes«, dass Menschen mit HIV auf ein starkes Netzwerk aufbauen könnten, das seinesgleichen suche. Die Community böte Unterstützung, regen Austausch und emotionalen Halt. Damit trüge die jahrzehntelange Arbeit der Selbsthilfeorganisationen Früchte. Franke wirbt außerdem dafür, die Handlungsempfehlungen, die im Projekt gemeinsam durch Community und Wissenschaft erarbeitet wurden, zu beherzigen und umzusetzen. Diese sehen unter anderem vor, die Schlechter- oder Nichtbehandlung von Menschen mit HIV zu beenden und den Daten- und Persönlichkeitsschutz in allen Sektoren des Gesundheitswesens zu wahren. Ärztekammern und Beschwerdestellen müssten entsprechende Hinweise schneller und mit mehr Fachkompetenz bearbeiten. Zudem solle das Kürzel »Anst« für »Ansteckungsgefahr« in Polizeidatenbanken bundesweit abgeschafft werden.

Hintergrund: Infektionen ­rückläufig

Im August gab das Robert-Koch-Institut (RKI) bekannt, dass die Infektionen mit dem Humanen Immundefizienzvirus (HIV) hierzulande vom Jahr 2019 auf 2020 um insgesamt 21 Prozent zurückgegangen sind. Insgesamt seien dem RKI 3.111 gesicherte HIV-Neudiagnosen für 2019 und 2.454 Fälle für 2020 gemeldet worden. 2020 habe die Zahl der betroffenen Männer bei 1.894 gelegen, was einem Rückgang um 22 Prozent gegenüber 2019 entspricht. Im selben Jahr wurde 558 Frauen die Diagnose ausgestellt, 17 Prozent weniger als im Vorjahr.

Die Zahl der HIV-Neudiagnosen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), ist laut dem RKI in der Bundesrepublik »seit dem Jahr 2014 von einem Spitzenwert von knapp 2.000 HIV-Neudiagnosen kontinuierlich auf zuletzt 1.000 Neudiagnosen gesunken«. Ein Zusammenhang mit der möglichen Nutzung einer HIV-Präexpositionsprophylaxe (HIV-Prep) lasse sich aus den Daten bislang nicht eindeutig ableiten.

»Die wahrscheinlichste Erklärung für den bisherigen Rückgang von HIV-Neudiagnosen bei MSM scheinen die frühere Diagnose und der schnellere Behandlungsbeginn bei frisch diagnostizierten Infektionen zu sein«, heißt es in der RKI-Fachzeitschrift Epidemiologisches Bulletin. Von 2019 auf 2020 hätten – bedingt durch die Covidpandemie – wahrscheinlich sowohl eine Reduktion sexueller Aktivität, weniger Screeningangebote, verminderte Wahrnehmung von Testangeboten sowie eine zurückgegangene nationale und internationale Mobilität zu der Entwicklung beigetragen.

Insgesamt lebten bis Ende 2019 rund 90.700 Menschen in Deutschland mit einer HIV-Infektion. Von diesen ist laut RKI bei etwa 10.800 die Infektion noch nicht diagnostiziert. Diese Personen könnten infolge der Unwissenheit das Virus unbeabsichtigt weitergeben. Im Jahr 2019 seien geschätzt 380 Menschen an HIV gestorben. (bern)

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