3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 18. / 19. September 2021, Nr. 217
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 13.09.2021, Seite 12 / Thema
Psychopathologisierung

Herren-Rasse

Eine Kritik an Klaus Theweleits Theorien zu Faschismus und Männlichkeit
Von Klaus Weber
imago0054204555h.jpg
»Alles, was weich ist, was Lust ist, was Entspannung ist, muss bekämpft werden.« Für Theweleit ist der Faschist ein todessüchtiger Typus (Aufnahme vom 18.7.1941)

Vergangenen Samstag erhielt der Autor und Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Zu diesem Anlass dokumentieren wir stark gekürzt einen Essay von Klaus Weber. Eine ausführliche Fassung der Kritik am Werk Theweleits ist erschienen in »Forum Kritische Psychologie: – autoritäre Tendenzen – Subjektivität« (Argument-Verlag, Hamburg 2021). Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Anfang der 1980er las ich Wilhelm Reichs »Massenpsychologie des Faschismus« ebenso wie Michael Schneiders »Neurose und Klassenkampf« und war davon überzeugt, dass die Psychoanalyse der Schlüssel zum Verständnis des deutschen Faschismus sein muss. Das erste große Unbehagen in bezug auf psychoanalytische Erklärungen des Faschistischen überkam mich, als ich Alice Millers Ausführungen zu Adolf Hitler in »Am Anfang war Erziehung« las, in denen letztlich die Vernichtung der Juden aus einer ­traumatisierenden Kindheitssituation – von Miller nicht gewusst, sondern lediglich imaginiert – abgeleitet wird: »Hitler erscheint als Opfer seiner Kindheit – der wahre Täter ist der Vater. Die realen gesellschaftlichen Verhältnisse (…) gibt es bei Miller nicht. Der Hass auf eine behauptete jüdische Weltverschwörung, Überlegungen zur Eroberung des Ostens und zur sozialen Auslese im arischen Volk (…) durch andauernden Kampf; die Interessen der Stahlindustrie, der petrochemischen Industrie und anderer mächtiger Verbände ökonomischer (…) Provenienz: All das spielt in Millers psychoanalytischer Konstruktion keine Rolle«.¹

Subjektivismus

Man kann Hanns Eislers Satz »Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch von Musik nichts« für die Psychoanalyse durchaus geltend machen: Wer subjektives Handeln nur aus der Perspektive des Subjekts erklären will, versteht vom Subjekt nichts. Freilich: Alice Millers Überlegungen beziehen sich durchaus auch auf Familienkonstellationen und historisch relevante Situationen; Vermittlungen zwischen gesellschaftlichen, historischen, sozialen, kulturellen Verhältnissen zur subjektiven Lebensführung stellt sie jedoch nicht her. Und wenn, dann in der typisch psychoanalytischen Erklärungsform, in der die subjektive Zuständigkeit von innen nach außen gedacht wird: »Nirgendwo macht die Subjektivität mehr von sich reden, als wo sie zur restringierten Psychobetroffenheit geworden ist, zum für sich selbst unzuständig gemachten Innern. Die Logik dieses Kompetenzentzugs ist verflixt eingängig. Sie ordnet Handlungen und Situationen so an, dass sie sich von innen nach außen erklären.«²

Und Historiker können es nicht lassen: Am Anfang ihrer Biographien zu den großen und kleinen Nazis verweisen sie auf psychoanalytische Konstrukte, welche die Persönlichkeitsstrukturen faschistischer Haupttäter und also ihr Handeln erklären: Peter Longerich hat zu Goebbels, Hitler und Himmler jeweils biographisches Material gesammelt: Bei dem einen (Goebbels) sei eine »gestörte Autonomieentwicklung«³ zu verzeichnen, die zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung geführt habe, bei dem anderen (Himmler) »würden Psychologen von den Folgen einer Bindungsschwäche oder einer Bindungsstörung sprechen«, was zu einem »unstillbaren Verlangen nach Zuneigung und Fürsorge« geführt habe.⁴ Und beim Dritten im Bunde (Hitler) sei »vieles schon in der frühen Persönlichkeit angelegt (gewesen): Da ist dieser Hang zum Größenwahn: das Nichtvorhandensein menschlicher Bindungen, die mit megalomanen Phantasievorstellungen kompensiert werden: das Nichtverkraftenkönnen von Niederlagen.«⁶ Ian Kershaw, der die bei weitem klügste Hitler-Biographie verfasste, bemüht einen »ungelösten ödipalen Konflikt«, obgleich er eingesteht, dass es sich nur »um eine Vermutung« handle.⁶

»Männerphantasien«

1982: Nach langer Reise mit dem Rad von Rosenheim nach Genua komme ich auf einem Zeltplatz bei Lerici (mit steiler Felsküste) an. Am ersten Erholungstag nach der 14tägigen Strapaze lerne ich lesend unter Olivenbäumen eine ältere Frau aus Bremen kennen, deren Ratschlag ich nach der Ankunft zu Hause umgehend in die Tat umsetzte. Ich bestelle in der einzigen linken Buchhandlung Rosenheims die »Männerphantasien« von Klaus Theweleit, lese beide Bände in einem Zug durch und bin begeistert. Ein zweites Studium dieser riesigen Materialsammlung zu Männlichkeit und Faschismus zehn Jahre später führt dazu, viele Behauptungen Theweleits in Frage zu stellen und gleichzeitig zu überlegen, aus welchen guten Gründen die Bücher bei mir »einschlugen«.

Trotz Theweleits strikter Ablehnung des Zusammenhangs von ökonomischen Verhältnissen und gesellschaftlichen Hintergründen zur Erklärung von Faschismus (dieser sei eine »entstellte Form der Wunschproduktion«, denn man müsse akzeptieren, »dass der Faschismus keine Frage der Staatsform ist, auch nicht eine Frage der Wirtschaftsform, überhaupt nicht eine Frage des Systems«⁷) gilt Wolfgang F. Haugs Diktum: »Selbst wenn Theweleits ›Psychismus‹ fragwürdig ist, führt kein Weg an seinem Material vorbei.«⁸

»Grundstörungen«

Theweleit schreibt vor allem über Literatur, die deutsche »soldatische Männer« zwischen 1919 und 1945 produzierten. Dieses Material wird »herangezogen, wo es um den Bau des Männertyps geht, für den es ohne Waffe, ohne Kampf kein Leben gibt«; der bekannteste unter ihnen ist Ernst Jünger: »Es geht (…) nicht nur um die Frage, was die Sprache der soldatischen Männer ›aussagt‹ oder ›bedeutet‹, vielmehr ist zu fragen, wie sie funktioniert: welche Rolle sie im Verhältnis des Mannes zur übrigen Realität spielt und wo ihr körperlicher Ort ist.« Die Bezugnahme auf den Körper – vor allem den männlichen – und sein Verhältnis zur Welt war es, was mich an Theweleits Büchern faszinierte. Alle bis dato von mir studierten bürgerlichen und marxistischen Faschismustheorien arbeiteten mit einer Konstruktion von Subjektivität. Die Frage Theweleits, ob »der Faschist bloß der Normalfall des Mannes unter kapitalistisch/patriarchalen Bedingungen« sei – das knüpfte an meine innerfamiliären Wahrnehmungen an. Mein Großvater, der mit Freude in den Krieg gegen die »französischen Plutokraten« zog, so stand es auf der ersten Seite seines Kriegstagebuchs, war liebevoll, freundlich und gesellig – unter einem Nazi stellte ich mir etwas ganz anderes vor.

Methodisch, so schreibt es Theweleit in einer »Zwischenbemerkung«, geht es ihm um das, was Ideologietheorie auszeichnet; um eine umfassende Analyse des vorliegenden Materials: »Ich will (…) nicht mit griffigen Zitaten aus den Schriften psychoanalytischer Autoren meine Vorurteile stützen, sondern versuchen, typische Konstellationen der Schriften dieser Männer darzustellen und dabei eng an den Texten zu bleiben.«

Den größten Teil des ersten Bands nimmt die (psycho)analytische Aufschlüsselung der Soldatentexte ein. Als erstes Zwischenergebnis kommt Theweleit zu dem Schluss, dass ein »Ich (…) im Sinne der freudschen Überlegungen bei den soldatischen Männern nur sehr fragmentarisch oder sogar kaum vorliegt«. Abgeleitet wird diese »Grundstörung« aus der Unfähigkeit, sich aus der Mutter-Kind-Symbiose, aus einer »Dualunion« im ersten Lebensjahr zu lösen: »Wenn die Loslösung aus der Symbiose gestört wird, sind schwere Störungen der Funktionen des Ich, das sich dann nie richtig entwickelt, und schwere Störungen der Fähigkeit zu Objektbeziehungen die sichere Folge«. Über die Folgen dieser »Störung« kommt Theweleit auf die Idee, das in den Texten gefundene lustvolle Töten als einen »Erhaltungsmechanismus« zu verstehen, der allerdings den »Abtötungsmechanismus« der anderen beinhaltet, den er die »Produktionsweise« soldatischer Männer nennt: »Ihre Produktionsweise ist die Verwandlung von Lebendigem in Totes, der Abbau von Leben. Es scheint mir berechtigt, sie eine Antiproduktion zu nennen (…). Aus der entlebendigten Realität bauen sie ihre neue Ordnung.«

Ausführlich zeigt der Autor im folgenden, welche »körperlichen Aggregatzustände« faschistische Männer nicht oder kaum aushalten (oft codiert mit weiblichen Attributen) und die Folgen davon: »Alles, was weich ist, was Lust ist, was Entspannung ist, muss bekämpft werden.« Unter der Überschrift »Die Masse und ihre Gegenbildungen« wird am Schriftmaterial der soldatischen Männer gezeigt, wie der behauptete nicht zu Ende geborene Mann Angst vor der Masse hat (die Auflösung droht!) und sich gleichzeitig in der formierten Gruppe (im Heer, in der Truppe, in der Aufmarschformation) ganz fühlt.

Bei aller Kritik an den psychoanalytischen Grundlegungen seiner Gedanken sind es die subjekt- und körperbezogenen Ausführungen, die den zweiten Band lesenswert machen: Da ist die Überlegung, dass es für einen faschistischen Mann »keinen Kommunismus geben kann«, weil ein »Paradies auf Erden« zur körperlichen »Auflösung« des stahlhart gewordenen, frauenverachtenden und todessüchtigen Typus des Faschisten führen würde: »›Denn wir fühlten uns selber Deutschland‹ – das kann wörtlich genommen werden. Leicht, heiter, süß, federnd, springend durchströmt es den Mann. Hier fließt etwas, hier liebt er. (…) Die Einheit, von der der Faschist spricht, ist (…) eine gewaltsame Zusammenfügung von Unterdrücker und Unterdrückten zu einem Herrschaftsgebilde. Einheit bezeichnet ein Herrschaftsverhältnis (…). Gleichheit wäre Vielheit, Masse; sie ist gerade das Gegenteil von ›Einheit‹, die sich aus einem oben/unten, außen/innen etc. notwendig zusammensetzt.«

Theweleit setzt auch mit der Kritik am Antifaschismus richtig an, wenn er darauf hinweist, dass man »diese Formation (der Faschisten, Anm. d. A.) nie und nimmer mit Argumentationen, die auf ökonomische und andere Interessenlagen zugeschnitten sind, bekämpfen kann«. Ob allerdings sein Vorschlag ausreichend ist, linke Politik solle zeigen, »dass das Erlebnis der Kollektivität in der anderen Form der Masse, in der molekularen, schöner, lustvoller und selbst schützender ist als in der Ganzheitsformation«, wage ich zu bezweifeln. Theweleits Formel aus dem Nachwort der 2019er-Ausgabe, »Make Love Not War – war der ernsthafteste Schnack der 68er-Evolution«, zeigt, wie wenig er wissen will von der Macht der ökonomischen Verhältnisse, welche einerseits die Menschen in die Ketten des Broterwerbs zwingt und andererseits eine ist, die mit Millionenbeiträgen dazu verholfen hat, die Naziformationen mit Uniformen, Waffen und ideologischem Material auszustatten (und dies bei Bedarf auch heute für die neuen Nazis wieder machen wird, wenn »es sich lohnt«).

Nazis und »Normalos«

Aus nichtpsychoanalytischer Sicht kann das ganze Theoriegebäude, das Theweleit zur Erklärung männlicher faschistischer Täter heranzieht, als »Selbstschutzmauer« gefasst werden. Immer schon wird auf der Folie des Störungsdiskurses mit sicherem Wissen darauf hingewiesen: Ich kann das nicht sein. Neben seiner Fähigkeit, Material zu sammeln und zu ordnen (und nicht nur Bücher, auch Filme und Comics sowie andere Kunstformen werden von ihm wahr- und »aufgenommen«), schafft Klaus Theweleit es, die alte Mär von der »Monstrosität« der Faschisten zu demaskieren. Er unternimmt den Versuch, faschistische Ideen, Worte und Praxen und deren Täter nicht als »bestialisch«, »verrückt« oder »böse« zu »markieren«, sondern sie in ihrer Gewordenheit (wenn auch einzig auf psychoanalytischem Wege) zu »verstehen«.

»Es sind immer ganz normale Männer, die das Killing übernehmen.«⁹ Doch Theweleit lässt sich an dieser Stelle nicht weiter über diese »Normalos« aus, sondern beschäftigt sich mit der Funktion des Wegschauens bei wissenschaftlichen Profis: »Die zwischen ›ganz normalen Männern‹ und ›wilden Massenmördern‹ eingezogene Trennwand ist schlicht abzubauen. Es ist eine reine Selbstschutzwand. Das Morden und Massenmorden gehört zum ›ganz normalen‹ Manntyp dazu – immer dort, wo die Schleusen einmal geöffnet sind.«¹⁰ Selbstschutz, eine ganze Wand, die uns schützen soll vor dem Gedanken, dass Faschismus und Kapitalismus, bürgerliche, demokratische Gesellschaft und Massenmord einen engen Zusammenhang haben (können). Und die Rede von dem Bösen und anderen schützt vor der Überlegung, ob wir als Widerständler, Zuschauerin oder Täter dabeigewesen wären. Was Theweleit ausblendet, sind die ökonomischen und sozialen Machtverhältnisse, die beispielsweise in den Wissenschaften dazu führen, dass solch eminent wichtige Fragen gar nicht erst gestellt werden.

Kritik der »Psychisierung«

Kritik an den »Männerphantasien« gab es vor allem von marxistischer Seite. Haug monierte in der »Faschisierung des Subjekts« Theweleits »Psychisierung« gesellschaftlicher Problemlagen: »Das Unbewusste solcher Psychoanalyse ist ihr bürgerlicher, auf den Markt und Privatheit orientierender Klassencharakter, der eine über die bürgerlichen Schranken hinausgehende Gesellschaftlichkeit nur als Krankheit denken kann.«¹¹ Moishe Postone zeigt, dass Theweleits Patriarchatskritik zu undifferenziert ist, um das Phänomen Faschismus einzig damit verstehen zu können: »Das Buch ist eine reiche Quelle an Dokumenten und Interpretationen männlicher Phantasien. Seine Schwäche liegt in dem Versuch, den Nazismus in diesen Termini zu begreifen, d. h. als Resultat des Patriarchats. Die These ist mehr als fraglich.«¹²

Die Nazis waren durchaus auch »antipatriarchalisch« gestimmt: »Die wohlbekannten Photos bartloser junger Nazis, die sadistisch lächeln, während sie älteren jüdischen Männern die Bärte ausreißen, scheinen auf psychologischer Ebene einen Hass auf das Patriarchat anzudeuten.«¹³ Faschismus ist als Bewegung zu denken, die »den Niedergang des Patriarchats ausdrückt (was natürlich von seiner Überwindung sehr verschieden ist)«.¹⁴

Psychosexuelle Strukturen werden »unvermittelt auf direkte Beziehungen zwischen Männern und Frauen« bezogen. »Das führt ihn dann zu einem Verständnis von Rassismus als Nebenresultat der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Der geschichtliche Charakter besonderer Formen des Rassismus wird darin verdeckt. Es ist erstaunlich, dass in einem Buch, das von der subjektiven Seite des Nazismus handeln will, Rassismus außer acht gelassen und Antisemitismus ignoriert wird.«¹⁵

Autoritärer Liebesproklamierer

Mit welcher Akribie und Geduld Theweleit die Schriften der Nazimänner analysiert und deutet und insofern »Verständnis« entwickelt, ist eine einzigartige Arbeit, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist (das zeigt die Neuauflage); dass er gleichzeitig Faschismustheoretiker von bürgerlich bis links denunziert und abwertet, ist mir unverständlich. »Ein ziemlich ›auf Null‹ gedrehter hirngewaschener ahnungsloser Haufen (…) – das waren die Exgenossen der verflossenen Jahre«¹⁶; »Berliner Suppenköpfe«; »im Freiburger Blick waren die Berliner Vorschriftenspender in Sachen ›Kunst‹ arg Zurückgebliebene: um nicht zu sagen, provinzielle Trottel«.

Wie autoritär Theweleit denkt, wie sein Wissen und seine theoretischen Spekulationen zu lesen sind, beweist er mit dem Satz: »Ich weiß nur wenige, von denen ich sagen würde, sie hätten das Buch wirklich aufgenommen; es also in ihren Empfindungen untergebracht als Teil ihrer täglichen Sinneswahrnehmungen und ihres Handelns.« Selbst darüber, wie seine dicken Bücher »richtig« (er schreibt »wirklich«) gelesen und in das tägliche Leben eingebaut sein sollen, möchte der Autor noch verfügen. Theweleit geht noch einen Schritt weiter. Allen, die seine Bücher nicht so lesen wie er denkt, dass sie zu lesen (und zu leben) seien, bringt er »Bedauern« entgegen: »Sie wissen nicht, was ihnen entgeht; wie sehr sie ihren Zugang zu Wirklichkeiten beschränken.«

Als »ernsthaftesten« Vorschlag, um die neuen Nazis und deren faschistische Aktivitäten zu bremsen, zu bekämpfen etc., hat Theweleit nicht mehr zu bieten als »Make Love Not War«. Er benennt die Sache auch in wunderbar klingender Sprache: »Ein Liebesleben zu finden und zu erhalten als Normalverhalten zusammenlebender Zivilisten, gleich welchen ›Geschlechts‹ und welcher Weltregion, ist die brennendste politische Aufgabe; noch vor dem Klimaschutz.« Weil Theweleit Faschismus nicht »primär als ›politisches Herrschaftssystem‹« und schon gar nicht als etwas verstehen will, was mit Ökonomie und Kapitalismus zu tun hat, fällt ihm lediglich ein, dass es reicht, wenn wir unsere Körper liebevoll und gegenseitig verwöhnen. Die Parole heißt: »sich selbst so unfaschistisch verhalten wie möglich.« Keine Frage: Das sollen wir! Doch ob wir damit weiterkommen in der antifaschistischen Arbeit gegen die neuen Nazis und deren Wegbereiter, das ist mehr als zu bezweifeln.

Anmerkungen

1 Klaus Weber: Adolf Hitler nach-gedacht. Psychologie, Person, Faschismus. Argument-Verlag, Hamburg 2016, S. 53

2 Wolfgang Fritz Haug: Die Faschisierung des bürgerlichen Subjekts. Die Ideologie der gesunden Normalität und die Ausrottungspolitiken im deutschen Faschismus. Argument-Verlag, Berlin 1986, S. 100

3 Peter Longerich. Joseph Goebbels. Biographie. Siedler-Verlag, München 2012, S. 25

4 Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler-Verlag, München 2008, S. 45

5 Vgl.: Peter Longerich: Hitler. Biographie., Sielder-Verlag, München 2015, zitiert nach: Klaus Weber: Adolf Hitler nach-gedacht

6 Ian Kershaw: Hitler 1889–1936. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1998, S. 103

7 Diese wie die folgenden nicht mit einer Quelle versehenen Zitate Theweleits entstammen dessen 1977/1978 im Verlag Roter Stern zweibändig bzw. 2019 in einem Band bei Matthes & Seitz (Berlin) erschienenen »Männerphantasien«.

8 Haug, S. 205

9 Klaus Theweleit: Das Lachen der Täter: Breivik u. a. Psychogramm der Tötungslust, Residenz Verlag, Wien 2015, S. 225

10 Ebd.

11 Haug, S. 204

12 Moishe Postone: Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Ça ira, Freiburg 2005, S. 172

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Alle Zitate in diesem Abschnitt entstammen Theweleits Nachwort zur Neuauflage von »Männerphantasien«

Klaus Weber schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 1. März dieses Jahres über linke Kommunalpolitik.

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von E. Petermann aus Berlin (15. September 2021 um 11:05 Uhr)
    »Ein ziemlich ›auf Null‹ gedrehter hirngewaschener ahnungsloser Haufen (…) – das waren die Exgenossen der verflossenen Jahre«, schreibt Theweleit. Viele sind das bis heute, Klaus Weber (oder auch Jutta Ditfurth und Spießgesellinnen und -gesellen) vorneweg. Wobei ich weniger von hirngewaschen als von hirnverkleistert sprechen würde. Oder besser noch: von seelenverkleistert, und das in durchaus psychoanalytischem Sinne. Ich empfehle Weber, Theweleit noch mal zu lesen und diesmal »richtig« – oder meinethalben auch »wirklich«, vielleicht dringt dann was durch zu ihm.
  • Leserbrief von Doris Prato (14. September 2021 um 11:13 Uhr)
    Zu den Quellen zur Charakterisierung der Herrenrasse möchte ich Julius Evola anführen. Der führende Ideologe der Rassentheorien unter Mussolini war ein Anhänger des in der Weimarer Republik berüchtigten Deutschen Herrenklubs und nach 1933 von Himmlers Freundeskreis. Unter dem Einfluss von Nietzsche, der deutschen Mystik, des SS-Totenkults und anderen reaktionären deutschen Gedankenguts verherrlichte er die Herrenrasse als »Söhne der Sonne«, die die Überlegenheit der arischen Rasse, Führerkult, soldatische Disziplin und den Ordensstaat verkörperten. Die italienischen Autoren Angelo Del Boca und Mario Ciovanna haben in ihrem Buch »I Figli del Sole« (Mailand 1965) Evola analysiert und geschrieben: Evolas »Söhne der Sonne« sind Herrenmenschen, die gegenüber »jeglicher Schwäche unerschütterlich« sind, für die »nichts wahr und alles erlaubt ist«. Außer den »Herren« existierten nur Sklaven. Die Masse bestehe nur aus Dienern, aus »Leuten, die überhaupt keine Rechte haben«, auch nicht das auf Leben, und über deren Vernichtung »man keine Träne zu vergießen braucht«. (S. 130 ff.) In seinem 1954 erschienen Buch »Der Faschismus. Versuch einer kritischen Analyse von rechts« versuchte Evola, den Faschismus auf historischer Ebene zu rehabilitieren, und erklärte, Mussolini sei gescheitert, weil er die faschistischen Ideen nicht konsequent verwirklicht und vor allem das Prinzip des diktatorischen Staatsaufbaus nicht voll durchgesetzt habe. Ein weiterer grundlegender Fehler des »Duce« sei gewesen, dass er »auf die Volksmassen setzte«, während eine Elite der »faschistischen Aristokratie« eine »Stütze des Regimes« hätte sein müssen.

Ähnliche:

  • Soll Medienberichten zufolge »leicht euphorisch« sein: Bertelsma...
    07.08.2021

    Ramschware Illustrierte

    RTL Group übernimmt Magazingeschäft der Bertelsmann-Tochter Gruner und Jahr. Journalistenverband von Verdi befürchtet Stellenkürzungen

Regio:

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!