3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 18. / 19. September 2021, Nr. 217
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Versagen vorm Russen

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal 1100 x 526.png

Dirk Kurbjuweit, Mitarbeiter im Spiegel-Hauptstadtbüro, verspricht im Heft vom 4. September unter dem Titel »Die Ära der verpassten Chancen« eine »Bilanz von Merkels Kanzlerschaft«. Untertitel: »Globale Krisen haben die Amtszeit von Angela Merkel geprägt. Welche Fehler machte die Bundeskanzlerin, und was hinterlässt sie ihren Nachfolgern?« Erster Satz: »Die Ära Merkel war eine Zeit des Spuks.« Offenbar gingen gleich mehrere Gespenster in Europa um. Kurbjuweit meint diverse »Krisen, die sich zunächst unsichtbar ausbreiteten und deshalb so unheimlich wirkten«, und zählt sieben von ihnen auf – von Finanzkrise bis Pandemie. Unter den Nummern drei und fünf stehen keine Begriffe, sondern die Namen Putin und Trump.

Der US-Präsident war nach Kurbjuweit »im persönlichen Umgang« für Merkel eine größere »Zumutung« als der Russe oder als Horst Seehofer. Auf jeden Fall sei der Moskauer Merkels »ewige Heimsuchung, ihre Nemesis«. Letztere war die antike Göttin der ausgleichenden Zuteilung von Zorn und Rache. Sie bestraft vor allem Hybris, was schwer übersetzbar ist: Gier, Hochmut, Frevel, Zügellosigkeit, Selbstüberschätzung, Realitätsverlust. Kurbjuweit meint selbstverständlich nicht, dass Putin die Deutsche auf den Boden geholt und sie Gerechtigkeit gelehrt habe. Er hat einfach in der Mythologie danebengegriffen. Putin steht bei ihm nämlich für die »Kriegs- und Kriminalkapitel« in Merkels Kanzlerzeit seit 2005. Offenbar hat der Moskowiter Afghanistan und Irak überfallen. Für die illegalen Kriege des Westens in diesen beiden Ländern trat Merkel jedenfalls schon als Oppositionsführerin vehement ein und hatte dann 16 Jahre mit ihnen zu tun. Denn ihr Ziel war, so Kurbjuweit, »eine bessere Welt«. Möglich, dass dieses Streben nach Höherem die Hybris Merkels war, die Putin als fieser Rachegott bestrafte. Kurbjuweit: »Das russische Regime ließ offenkundig vermeintliche Gegner vergiften oder erschießen, darunter einen Georgier im Berliner Tiergarten. Es führte und führt Kriege in Georgien, in Syrien und verdeckt in der Ukraine. Es annektierte die Krim. Es überzog die westliche Welt mit Cyberattacken, auch den Bundestag und dort das Büro Merkels.« Ein Spiegel-Autor benötigt kein Gericht, um Russen schuldig zu sprechen. Die Routinelügen über die Urheber der Kriege in Georgien und Syrien oder das Umtaufen der Krimsezession in eine Annexion sind Routine – geht es um Russland, gilt wie vor 80 Jahren Goebbels. Irgendetwas bleibt hängen.

Merkel aber, so Kurbjuweit, habe gegen Putin »kaum etwas erreicht für das normative Projekt des Westens«. Dafür hat sie es ja, was er nicht erwähnt, in Afghanistan, im Irak, in Syrien, in Mali oder bei der atomaren Aufrüstung der NATO vorangetrieben. Aber sie versagte gegen die Moskauer Nemesis: »Weil sie im Prinzip eine Pazifistin ist. Sie war nicht bereit, Waffen gegen Russland einzusetzen, war dagegen, dass die USA Raketen an die Ukraine lieferten. Eine sicherlich weise Entscheidung. Krieg mit Russland sollte man vermeiden, auch wenn das dem Westen eine schlechte Verhandlungsposition beschert, weil Putin weiß, dass er nicht mit einem Angriff rechnen muss.«

Das ist doch mal was: »Krieg mit Russland sollte man vermeiden.« Hätte ein Graffiti sein können, das der Führer 1945 an die Wand im Bunker gekritzelt hat. Heißt aber auch: 2021 kann man ja mal wieder überlegen. Kurbjuweit sollte milde stimmen, dass Nachdenken übers Vermeiden oder Nichtvermeiden von Krieg mit Russland nach 16 Jahren Merkel eine stabile Basis hat: mehr Waffen. Er deutet an, wozu die gut sind: Drohen, Diktieren oder »Einsatz«. Sonst rechnet der Russe ja nie mit einem Angriff.

Das ist doch mal was: »Krieg mit Russland sollte man vermeiden.« Hätte ein Graffiti sein können, das der Führer 1945 an die Wand im Bunker gekritzelt hat. Heißt aber auch: 2021 kann man ja mal wieder überlegen.

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Ähnliche:

  • Hilfslieferung in der syrischen Provinz Idlib (9.6.2021)
    18.06.2021

    Syrien als Fußnote

    Gespräche zwischen Putin und Biden zur Zukunft der Beziehungen zu Damaskus
  • Wollen am Donnerstag in Moskau über die Lage in Idlib beraten: R...
    04.03.2020

    Moskau sucht nach Ausweg

    Vor Treffen von Putin und Erdogan: Russland bekräftigt Unterstützung für Damaskus. Ankara will weitere »Schutzzone«

Mehr aus: Wochenendbeilage

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!