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Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
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Siehst du das?

An einem Tag im September
Von Pierre Deason-Tomory
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»Ich langte nach Zigaretten und Bier, ging nach Hause und holte als erstes den kleinen Röhrenfernseher aus meinem Zimmer«

Ich hatte bei Anne in der Marienburger Straße übernachtet, und wir waren erst spät aus dem Bett gekommen. Damals wartete nirgends jemand auf mich, ich war beständig arbeits- und zunehmend orientierungslos, eine verkrachte Existenz im Landeanflug auf den Hauptstadtflughafen Vollabsturz. Erst am frühen Nachmittag fuhr ich mit der Straßenbahn die Prenzlauer hoch bis Weißensee-Spitze, natürlich schwarz, lief rüber in die Heinersdorfer Straße und ging gleich vorne in den Zigarettenladen.

»Zwei Schachteln Luckies ohne bitte – was grinst du so blöd?«

»Da fliejen dauernd ürjendwelsche Fluchzeuje ins Wörld Träid Senta, hör ma«, sagte der Neonazisohn der Ladeninhaberin, der auch arbeitslos war und bei Muttern aushelfen musste. Er drehte das Radio lauter, Berliner Rundfunk, der Moderator stotterte: »Zwei Flugzeuge«, »Hochhäuser«, »unfassbar«; und ich hatte es plötzlich eilig: »Ich nehme noch sechs Berliner.«

Zahlte, langte nach Zigaretten und Bier, ging nach Hause, holte als erstes den kleinen Röhrenfernseher aus meinem Zimmer, stellte ihn im WG-Wohnzimmer vor den großen Sessel, steckte eine Luckies an, öffnete ein Bier und schaltete ein. Ich bin gelernter Katastrophenkundiger und hatte im Zigarettenladen sofort begriffen, dass mich heute im Fernsehen First Class Entertainment erwarten würde – live!

Ich saß da, sah zu, wie abwechselnd auf RTL und ARD die Türme des WTC zusammenkrachten, trank, rauchte und konsumierte Bilder, Kommentare, Sirenen und Geschrei wie einen Tarantino-Film. Gut unterhalten ohne jede Betroffenheit. Berufskrankheit?

Ich habe spannende politische Großereignisse als junger Rundfunkredakteur in Serie mitgenommen – Barschel, 9. November, Golfkrieg zwei – und bin dann immer gerannt, habe Material besorgt und auf den Sender geschafft oder präsentiert. Darüber nachdenken, was da gerade passiert, tut man nicht, wenn man Bericht erstattet. Man funktioniert wie eine Maschine, entwickelt dafür einen robusten Empathiefilter. Oder ich war schon vom Werk so eingestellt, wer weiß.

Auch 2001 erreichte mich das Entsetzen nicht. Ich saß da, guckte auf den Bildschirm und rief Leute an, zuerst die Marktwirtschaft, meine vorzüglich verkrachte Stammkneipe in Halle: »Hier Deason. Mach mal den Fernseher an.« – »Wieso?« – »Mach halt den Fernseher an!« – »Oh …« Dann Hermann, ich fragte ihn: »Siehst du das? Die springen aus dem Fenster! Warum springen die aus dem Fenster?« – »Weil sie nicht verbrennen wollen.«

Ich war schon ziemlich breit, als der Hauptmieter nach Hause kam. Ich begrüßte Jens gutgelaunt und deutete auf den Fernseher und fragte, ob er das schon mitgekriegt hätte. Er blieb in der Tür stehen, starrte mich an, und ich fügte noch hinzu: »Abgefahren, oder? Die haben auch das Pentagon erwischt! Überleg mal: auf eigenem Territorium!« Dann krachte es.

Jens hat mich richtig zur Sau gemacht. Ob ich denn keine Vorstellung davon hätte, was jetzt passieren würde? Dass es Krieg geben würde? Richtig Krieg? »Und du sitzt hier vor der Glotze, säufst und machst Sprüche?« Er zerschmetterte mich mit seinem Blick, ging in die Küche und knallte die Tür zu.

Ich machte den Fernseher aus, räumte das Wohnzimmer auf, zog mich an und ging in den Käfer. Auf die Frage, ob ich noch weiß, was ich getan habe am 11. September 2001, würde ich antworten: Ich habe mich sehr geschämt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. (11. September 2021 um 12:28 Uhr)
    Sehen Sie: Was ansonsten am 11. September geschah, ist seit 2001 bedeutungslos? Sogar im Terror erleben wir ausgeprägten Kulturimperialsmus. Nicht der Propaganda, sondern der realen Tatsache wegen. Denn mein erster Gedanke – vielleicht ging es Millionen Menschen ebenso – war: Warum 28 Jahre nach Pinochet Rache üben? So übertrumpft dieser Terrorakt im Jahre 2001 noch eines der größten Verbrechen: den Putsch in Chile. Es ist natürlich immer blöde, wenn man hautnah mit Leuten zu tun hatte, die nicht in einem der Hochhäuser steckten und verreckten, sondern jahrelang in der Atacamawüste im KZ saßen. Der Außenminister Almeyda wurde dorthingebracht, auch sein Sohn. Der danach Matsch war. Nicht mal Brettspiele gingen mehr. (...) Es ist verblüffend, dass an einen Terrorakt erinnert wird, und zwar weltweit. Doch diejenigen, die ein weitaus übleres Terrorregime installiert haben, fallen durch das Raster? Läuft perfekt, oder?

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