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Aus: Ausgabe vom 10.09.2021, Seite 6 / Ausland
Pariser Anschläge

Das »letzte Wort«

Frankreich: Knapp sechs Jahre nach Anschlägen vom 13. November 2015 beginnt in Paris Terrorprozess
Von Hansgeorg Hermann
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Frauen umarmen sich vor der Konzerthalle »Bataclan« ein Jahr nach dem Terroranschlag (13.11.2016)

Die Furcht und der Schrecken eines ganzen Volkes sollen aufgearbeitet werden: Seit Mittwoch stehen die mutmaßlichen Attentäter vom 13. November 2015 in Paris vor Gericht. Eine Gerichtsverhandlung hat begonnen, die mindestens neun Monate dauern wird. Ein Prozess ohnegleichen – mit 330 Rechtsanwälten, 1.800 Nebenklägern, 141 akkredierten Medien, 542 Klageschriften –, der zur Traumabewältigung der Nation beitragen soll. Zeitungskommentatoren und Politiker betonten zuletzt, es gehe darum, den Attentätern zu zeigen, dass nicht sie und ihre Waffen, sondern die Vertreter der französischen Justiz das »letzte Wort« haben. Das sehen auch Freunde und Angehörige der Überlebenden so, obwohl sie fürchten, dass der Prozess alte Wunden wieder aufreißen könnte.

Von den Mitgliedern der islamistischen Mordkommandos, die an jenem Dienstag im November aus Belgien anreisten, um in der Metropole an der Seine schließlich 130 Menschen zu töten und 413 zum Teil schwer zu verletzen, sind nicht mehr viele am Leben. 20 mutmaßliche Terroristen sind angeklagt, in dem ausschließlich für die Verhandlung gebauten Saal im Herzen der französischen Hauptstadt waren am ersten Verhandlungstag 14 anwesend. Die meisten gelten als Unterstützer und Strippenzieher, die dabei geholfen haben sollen, das Blutbad von Paris zu organisieren, vorzubereiten und die ideologische Basis zu liefern. Diejenigen, die fehlen, wurden in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem Angriff in den nördlichen Banlieues oder später in Belgien von Spezialeinheiten der Polizei erschossen, wenigen gelang die Flucht, seither läuft die Fahndung. Lebend wurde nur der Hauptangeklagte Salah Abdeslam geschnappt, der im Gerichtssaal in einem kugelsicheren Glaskasten sitzt. Am Mittwoch ließ er seine Anwälte die Haftbedingungen kritisieren, er selbst schweigt seit fast sechs Jahren.

Zur Erinnerung: Abdeslam und seine schwer bewaffneten Komplizen kamen 2015 in Autos über die belgisch-französische Grenze, im Vorort Saint-Denis vor dem Stade de France sprengten sich drei Attentäter in die Luft, während auf dem Rasen die Fußballmannschaften von Frankreich und Deutschland ihr Match austrugen. Auf der Tribüne: der damalige Staatspräsident François Hollande. Im zehnten und elften Bezirk der Hauptstadt schossen die Bewaffneten eines zweiten Kommandos wahllos auf junge Menschen, die auf den Terrassen der Bistros »Carillon« und »Le Petit Cambodge« den Abend verbrachten. Eine dritte Gruppe drang in den Konzertsaal »Bataclan« ein, in dem 1.500 Musikfans die US-amerikanische Rockband Eagles of Death Metal feierten, und feuerten aus Maschinenpistolen in die Menge. Bilanz des Massakers: 90 Tote und Hunderte Verletzte. Der Staatschef sprach von einem »kriegerischen Akt, begangen von einer terroristischen Armee«.

Die »sicherheitspolitischen« Maßnahmen, die der Präsident und die Abgeordneten der Nationalversammlung und des Senats zwei Tage später beschlossen, betrafen am Ende nicht nur mutmaßliche, womöglich in den Armenquartieren der französischen Großstädte und Banlieues versteckte Terroristen, sondern das gesamte Volk: Hollande verlängerte den von der Verfassung genehmigten, ursprünglich auf zwölf Tage beschränkten »Ausnahmezustand« um drei Monate, und danach noch einmal – die Parlamentarier folgten, ohne ihre Stimme gegen die scharfe Beschneidung der Bürgerrechte zu erheben. Geschaffen wurde eine Situation, die seither mehr und mehr als Normalzustand wahrgenommen wird.

Täglich werden die Richter nun bis zu 15 Zeugen verhören. Die werden, jeder bis zu eine Stunde lang, Gelegenheit haben, von ihrer Geschichte und ihrem Leiden zu berichten. Und davon, was ihrer Meinung nach seither aus dem Land geworden ist.

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