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Aus: Ausgabe vom 10.09.2021, Seite 2 / Inland
Arbeitskampf

»Wir powern das durch«

Tarifkonflikt: Verdi mobilisiert streikendes Klinikpersonal zu Demo in Berlin
Von Oliver Rast
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Eine Belegschaft im Ausstand: Entschlossen und bereit (Berlin, 9.9.2021)

Alles auf einmal: Transparent halten, mit der Pfeife trillern und eine Rassel drehen. Denise Küster und Karin Becher können das. Sie sind Pflegekräfte in der Abteilung für ambulante Rehabilitation des Auguste-Viktoria-Krankenhauses in Berlin-Schöneberg. Beide haben viel Wut im Bauch. So wie Hunderte weitere Beschäftigte, die sich am Donnerstag vormittag vor dem Sitz des Berliner Finanzsenators Matthias Kollatz (SPD) im Bezirk Mitte zur Auftaktkundgebung versammeln. Der Grund: Tag eins des unbefristeten Streiks an den kommunalen Klinken von Charité und Vivantes. Warum hier? »Senator Kollatz ist auch Vivantes-Aufsichtsratsvorsitzender«, sagt Küster im jW-Gespräch. Das sei die richtige Adresse für den Protest.

Konfliktpunkt ist ein sogenannter Entlastungstarifvertrag. Verdi und die Belegschaften wollen eine Mindestpersonalbesetzung für Klinikstationen durchsetzen. Bei Verstößen muss es einen Belastungsausgleich geben, Freizeit oder Geld, fordert die Gewerkschaft. Mehr noch: Beschäftigte von Vivantes-Tochtergesellschaften für Reinigung, Transport und Küche sollen künftig wie ihre Kolleginnen und Kollegen in den Mutterkonzernen nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) entlohnt werden. Die Gegenseite, die Klinik-Geschäftsführungen, verweigert das bislang.

Damit wollen sich Küster und Becher nicht abfinden. »Jetzt ist Feierabend, wir haben die Faxen dicke«, poltert Becher. Mindestlohn sei der Standardverdienst bei ihnen. Selbst Weiterbildungen müssten oft aus eigener Tasche bezahlt werden. Küster: »Ganz klar, der Tarifvertrag muss her.« Wie der Zufall so will, schallen in diesem Moment »TVöDeee – für alle an der Spree«-Rufe durch die Straßenschlucht. Dann skandieren Streikende: »Mehr Personal noch vor der Waaahl.«

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Alles eins, wollen sich nicht spalten lassen (Berlin, 9.9.2021)

Stichworte für Kathrin Schnirch. Die Kinderkrankenschwester im Mutter-Kind-Zentrum (MKZ) des Krankenhauses Neukölln sagt zu jW: »Das Arbeitspensum steigt und steigt, wir sind ausgebrannt.« Schnirch macht den Job bereits seit 35 Jahren. Nein, zuvor habe sie sich nie gewerkschaftlich engagiert. Noch sei sie vom MKZ die einzige, die demonstriert. Und sie ist mutig, klettert auf den Pritschenwagen und hält vor der Demomeute ihre erste Rede. »Wir lassen erst locker, wenn wir erfolgreich sind«, schmettert sie ins Mikro. Das kommt an. Alle trillern und rasseln, was das Zeug hält.

Auch einige IG Metaller, die extra zum Protestzug gekommen sind. Weshalb? »Ist doch logisch«, so Matthias Lux gegenüber dieser Zeitung, »miese Jobbedingungen führen zu schlechter Patientenversorgung«. Das betreffe alle, deshalb der solidarische Besuch – mit Sonnenblumenstrauß. Und sowieso: »Mensch vor Profit«, betont Lux.

Nur: Wie geht es weiter? Küster und Becher wissen es. »Heute Demo, morgen Streikposten, übermorgen Treffs«, sagen sie. Die kollegialen Bande seien fester geworden, »wir sind einfach ein geiles Team«. Aber reicht die Kraft, einen längeren Arbeitskampf durchzustehen? Beide wie im Duett: »Keine Frage, wir powern das durch«.

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