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Aus: Ausgabe vom 09.09.2021, Seite 7 / Ausland
Gefängnisausbruch in Israel

Israel setzt auf Repression

Nach Gefängnisausbruch: Hausdurchsuchungen und Festnahmen, um entflohene Palästinenser zu finden. Islamischer Dschihad droht mit Vergeltung
Von Gerrit Hoekman
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Symbol des Ausbruchs: Solidaritätskundgebung mit Löffel im Chan Yunis/Gaza am Mittwoch

Israel sucht weiter fieberhaft nach den sechs Palästinensern, die Montag nacht aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Gilboa, bekannt unter dem Beinamen »Der Tresor«, entkommen sind. Videos der palästinensischen Nachrichtenagentur ­Shehab News zeigten am Mittwoch auf Twitter zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge der israelischen Armee in der Region um Dschenin, aus der alle Entflohenen stammen.

Die Armee konzentrierte sich in der Nacht zu Mittwoch bei Hausdurchsuchungen offenbar auf die Heimatadressen der Gesuchten. Dabei wurden mindestens vier nahe Verwandte verhaftet, berichtete die »Gesellschaft palästinensischer Gefangener« (PPS) der amtlichen palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA zufolge am Mittwoch. Die Palästinensische Autonomiebehörde sprach von Druck, Erpressung und Einschüchterung durch die israelische Armee. Unter den Festgenommenen befindet sich der Arzt Nidal Arda, der für das Gesundheitsministerium in Ramallah arbeitet. Ressortleiterin Mai Alkaila forderte die umgehende Freilassung des Mediziners. »Die israelische Besatzung fügt dem palästinensischen Volk vorsätzlich Gewalt zu und verstößt damit gegen internationale Normen, Gesetze und Konventionen«, zitierte WAFA die Ministerin.

Auch im israelischen Afula wurden nach Angaben der Onlinezeitung Times of Israel drei Personen festgenommen. Sie sollen den Gefangenen bei der Flucht geholfen haben. In Afula leben vor allem Palästinenser. Einige der Entkommenen sollen dort neue Kleidung erhalten haben. Der israelische Geheimdienst geht davon aus, dass sich die Gruppe kurz nach dem Ausbruch getrennt hat. Dabei können sich die sechs Männer auf eine breite Unterstützung in der Bevölkerung in der Westbank verlassen. Nicht nur in Dschenin, sondern auch in Nablus und Al-Chalil (Hebron) feierten die Menschen den Coup auf den Straßen. »Alle palästinensischen Gefangenen wünschen sich Freiheit, und sie haben das Recht, jeden Weg in die Freiheit zu suchen«, erklärte der palästinensische Ministerpräsident Mohammed Schtaja am Dienstag auf einer Pressekonferenz.

Laut PPS verhängte die israelische Gefängnisaufsicht nach dem Ausbruch Strafmaßnahmen gegen die in Israel inhaftierten Palästinenser. So seien ihnen beispielsweise die Fernseher weggenommen worden. Die Organisation sagte einen Aufstand der Gefangenen voraus, falls die Repressalien nicht zurückgenommen werden. In Gilboa sei es bereits zu einem Zwischenfall gekommen: Ein Inhaftierter schüttete einem Wärter heißes Wasser ins Gesicht. Der Mann blieb unverletzt.

Der »Islamische Dschihad« kündigte derweil Vergeltung an, sollte einer der Geflohenen auf der Flucht getötet werden. Fünf von ihnen sind Mitglieder der radikal-religiösen Widerstandsorganisation. Zudem warnte die Organisation die Armee, das palästinensische Flüchtlingslager in Dschenin zu betreten. »Wenn die Armee eindringt, wird sie mit erheblicher Feuerkraft aus vielen Waffen und Sprengsätzen empfangen«, drohte sie am Dienstag auf einer Pressekonferenz. Sollte sich Israel an den weiter inhaftierten Gefangenen ­rächen wollen, würden sich »die Pforten der Hölle gegen Israel an jedem Ort öffnen«.

Die aktuelle Situation erinnert an den April 2002, als die israelische Armee nach mehreren blutigen Anschlägen in Israel, die viele Opfer gefordert hatten, das Lager stürmte und dabei auf heftigen Widerstand traf. Nach tagelangen Gefechten waren 23 israelische Soldaten und mindestens 52 Palästinenser gestorben, darunter 22 Zivilisten. Am Ende planierte die Armee einen Teil des Flüchtlingslagers. An den Kämpfen hatte auch einer der am Montag Geflohenen teilgenommen: Sakaria Subaidi, der ehemalige Führer der Al-Aksa-Brigaden der ­Fatah. Seine Mutter war einen Monat vor den Gefechten während einer Razzia der israelischen Armee in Dschenin erschossen worden.

Die israelischen Sicherheitskräfte schließen nicht aus, dass zumindest die fünf »Dschihad«-Mitglieder versuchten nach Gaza zu gelangen, wo die Gruppe besonders aktiv ist und die Armee über weniger Zugriffsmöglichkeiten verfügt. Deshalb seien die Truppen am Grenzzaun verstärkt worden, berichtete Times of Israel. Eine Siegesfeier der Entkommenen in Gaza könnte die ohnehin angespannte Lage dort weiter anheizen.

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