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Aus: Ausgabe vom 07.09.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskampf in Leipzig

Erfolgsrezept Betriebsgruppe

Pizzafahrer in Leipzig schließen sich gegen Ausbeutung bei »Domino’s« zusammen
Von Benjamin Kirchhoff
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Das Leipziger Modell findet Nachahmer: Domino’s-Betriebsgruppen in anderen Städten sind bereits im Aufbau

Bei Deutschlands größtem Pizzalieferdienst brodelt es. Die Fahrer und Bäcker haben sich in Leipzig in einer Betriebsgruppe zusammengeschlossen und bereits erste Erfolge erzielt. Der Rider Aaron Schmidt*, der in ihrem Namen kostenlose Schnelltests im Betrieb gefordert hatte, wurde im Mai entlassen. Durch den öffentlichen Druck der organisierten Beschäftigten und eine Klage seiner Gewerkschaft »Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union« (FAU) musste die lokale Domino’s-Geschäftsführung den Kollegen im Juli wieder einstellen und die unrechtmäßige Kündigung eingestehen.

Johannes Mayer ist Mitglied der Betriebsgruppe »Dominoeffekt«, er begrüßte im jW-Gespräch die Wiedereinstellung: »Wir freuen uns sehr, dass Aaron wieder angestellt ist. Das zeigt, dass Organisierung wichtig ist, und es zeigt, dass sie wirkt. Das ist ein großer Erfolg.« Zusätzlich konnte die Betriebsgruppe Verbesserungen der Arbeitsbedingungen mit den Chefs aushandeln. Und es sei erreicht worden, dass Trinkgeld nicht mehr pauschal abgegeben werden muss. »Die Forderungen nach bezahlten Rüstzeiten und einer korrekten Arbeitszeiterfassung wurden erfüllt. An- und Abfahrt zum Zentralbüro werden jetzt auch bezahlt, wenn man einen Schnelltest machen möchte«, so Mayer. Allerdings ist für Schmidt der Anfahrtsweg zum Arbeitsplatz jetzt bedeutend länger, da er in eine Filiale am Stadtrand versetzt wurde. Auch andere Probleme bleiben ungelöst: »Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall werden nicht oder nur nach Nachfrage bezahlt. Unfälle passieren häufig, und für diese gefährliche Arbeit erhält man lediglich den Mindestlohn von 9,60 Euro in der Stunde. Bei einem 20-Stunden-Vertrag komme ich damit gerade so über die Runden«, kritisierte der Lieferfahrer Mayer. Die Leipziger Geschäftsleiter Peter Plaschke und Daniel Willing wollten sich zu den Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten sowie zu der unrechtmäßigen Kündigung auf Anfrage nicht äußern.

Ende Juli fand ein Treffen zwischen der Geschäftsführung, Vertretern von Domino’s-Deutschland und Mitarbeitern der renitenten Filiale Leipzig-Süd statt. Domino’s hatte sich an der öffentlichen Skandalisierung des Falls gestört. Mayer fasste die Position des Konzerns auf dieser Versammlung mit folgenden Worten zusammen: »Es wäre schön, wenn sich das alles wieder beruhigt, denn wir seien ja ein Team. Und nur wir zusammen könnten das Unternehmen voranbringen.« Dafür war der Konzern auch bereit, minimale Zugeständnisse zu machen und die Standards des Arbeitsrechts einzuhalten. Die Pressestelle von Domino’s-Deutschland wollte den Arbeitskampf in Leipzig gegenüber jW jedoch nicht kommentieren.

Vorausgegangen waren neben verschiedenen Kundgebungen vor den Leipziger Filialen auch mehrere Beschwerden von Kunden über Arbeitsbedingungen auf den Social-Media-Kanälen des Konzerns. Auf einen offenen Brief mit den Forderungen der Betriebsgruppe reagierte die Hamburger Konzernzentrale erst auf Druck der Gewerkschaft. Diese wurde jedoch zu der Betriebsversammlung in Leipzig nicht eingeladen. Deshalb sieht FAU-Sprecher Sören Winter in dieser lediglich eine PR-Finte des Konzerns: »Das war kein Gespräch auf Augenhöhe. Es gab ein Teammeeting in der Leipziger Domino’s-Zentrale, der FAU und dem Kollegen Schmidt wurde dazu der Zugang verwehrt.« Doch die Gewerkschaft will ihre Organisation im Betrieb weiter ausbauen: »Domino’s ist es nicht gewohnt, sich an die Rechtslage zu halten und dass es Gewerkschaftsfreiheit gibt, das bringen wir ihnen jetzt bei.« Beschäftigtenvertreter gebe es zwar noch nicht in allen Filialen, Ziel sei es aber, in allen Betrieben in Leipzig starke Gruppen aufzubauen. Es träten auch immer mehr Fahrer ein, die Probleme seien in allen Stores ähnlich, so der Gewerkschafter. »Es wird da noch mal richtig knallen, wenn die Kollegen, die gegangen sind, im nachhinein ihre Urlaubsnachzahlungen einfordern«, versprach der Pressesprecher der FAU Leipzig. Das Leipziger Modell findet bereits Nachahmer: Domino’s-Betriebsgruppen in anderen Städten seien im Aufbau, bestätigte Winter.

* Name von der Redaktion geändert

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