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Aus: Ausgabe vom 07.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Immer wieder rauchend

Lothar Herzogs Debütfilm »1986« handelt von der kompletten Einsamkeit in einer »verbotenen Zone«
Von André Weikard
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Nackt in Embryonalstellung auf dem Bett: Anna Anisenko als Elena

Vielleicht sind Sie schon einmal durch die Berge gefahren. Ein Mittelgebirge reicht da aus. Und haben sich dem Gedanken hingegeben, was wohl passieren würde, wenn nun plötzlich der Motor ausginge. Wenn Sie da stünden, am Rand einer schmalen Straße, fernab von Menschen und Mobilfunkempfang. Und vor sich die Nacht. Eine Nacht, die auch im Spätsommer sehr kalt werden kann. Mit für Stunden wenig Aussicht, einer menschlichen Seele zu begegnen. Vielleicht keimte es da in Ihnen auf, das selten gewordene Gefühl, ganz auf sich gestellt, wirklich allein zu sein.

Der deutsche Filmemacher Lothar Herzog hat diesem Gefühl einen Film gewidmet. Seine Protagonistin, Elena, ist eine Studentin im belarussischen Minsk. Ihr Vater sitzt im Gefängnis, weil er krumme Geschäfte mit Schmugglern aus der verbotenen Zone machte. Die verbotene Zone, das ist das Sperrgebiet rund um den 1986 explodierten Reaktor von Tschernobyl. Der vielleicht einsamste Ort der Welt. Und genau dorthin zieht es nun auch Elena.

Sie will die Geschäfte ihres Vaters fortführen. Und so nimmt die kellnernde Studentin, die auf dem Balkon ihres Studentenwohnheims den Zigarettenrauch über eine farblose Betonstadt ausbläst, Kontakt zu seinen Geschäftspartnern auf.

Mit einem alten Armeelaster schafft sie Metallschrott aus dem Sperrgebiet. Es sind eindrückliche Bilder, die junge Frau mit konzentriertem Blick am Steuer des stotternden Ungetüms zu sehen, das sich durch zugewucherte Wege pflügt. Mitunter, wenn die Straße ganz im Schlamm versunken oder von umgestürzten Bäumen blockiert ist, muss sie das Gefährt über offenes Feld lenken. Vorbei an vergessenen Friedhöfen und verfallenen Baracken, an kahlen Bäumen oder solchen, die der radioaktive Niederschlag rot verfärbt hat. »Was machst du mit den Schuhen?« fragt ihr Freund die Zurückgekehrte am Abend. »Gut abtreten«, sagt sie.

Sie setzt ihre Freiheit, ihre Gesundheit, ihre Zukunft aufs Spiel für wenig Geld. Vielleicht, weil sie Freiheit, Gesundheit und Zukunft nicht scheren. Immer wieder rauchend zeigt Herzog die einzige Hauptfigur des Films. Aus ratternden Straßenbahnen traurig in die öde Landschaft blickend, auf dem Boden ihrer knastähnlichen, mintgrün gestrichenen Studentenbehausung hockend oder nackt in Embryonalstellung auf ihr Bett gerollt. Oft erscheint sie als kleiner Punkt in Totalen von nebelverhangenen Wäldern oder Plattenbaustraßenzügen.

Gesprochen wird wenig, und wenn, zumeist Belangloses. Elena fabuliert mit wechselnden Partnern über Eheringe, die sie ewig verbinden werden. Sonst nur vereinzelte Vogelschreie. Das Mädchen mit den Chucks und dem verwegenen Mut erduldet eine Welt, die ihm keinen Halt gibt.

Und dann die Szene im Sperrgebiet, als sie ihren Weg verloren hat, die papierene Landkarte in verschiedene Richtungen dreht, still mit den Tränen kämpft und die Panik, die sichtlich in ihr aufsteigt, in sich bezwingt. Es ist die ultimative Metapher für ihr Lebensgefühl, die völlige Einsamkeit und Orientierungslosigkeit.

Lothar Herzogs »1986« ist ein intensiver, schwermütiger Film. Das Porträt einer starken jungen Frau und womöglich einer Generation. Bei den Hofer Filmtagen gab es dafür den Goldpreis, einen Edelmetallbarren im Wert von 35.000 Euro, für die beste Regie. In der Begründung ist von einem »bildmächtigen Erstlingsfilm« die Rede mit »großer künstlerischer Eigenwilligkeit«. Das wird wohl stimmen. Sehenswert macht ihn seine Wahrhaftigkeit.

»1986«, Regie: Lothar Herzog, BRD, Belarus 2019, 77 Min., Kinostart: ­Donnerstag

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