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Aus: Ausgabe vom 04.09.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Folgen des Krieges

Gestrandet in Istanbul

Afghanische Schutzsuchende in der Türkei: Unmenschliche Arbeitsbedingungen und alltäglicher Rassismus nach Monaten auf der Flucht
Von Dilan Karacadag und Isa Örken
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Den größten Teil hinter sich: Geflüchtete Afghanen unterwegs nahe der türkischen Stadt Erzurum (2018)

Anderthalb Monate in einem Haus mit fast 250 Menschen. »Bevor ich dieses Haus in Wan erreichte, haben mich türkische Soldaten mehrmals an der iranisch-türkischen Grenze erwischt. Jedes Mal folterten sie uns und schickten uns wieder zurück auf die iranische Grenzseite«, erzählt der 16jährige Ibadullah über seine Flucht von Afghanistan über den Iran in die Türkei. »Schließlich entkamen wir eines Tages und erreichten das von den Schmugglern organisierte Haus. Anderthalb Monate lang konnte ich mich nicht hinlegen, denn es waren zu viele Menschen im Raum. Wir alle mussten uns beim Schlafen zusammenrollen. Erst nach anderthalb Monaten konnten wir weiter nach Istanbul.« Insgesamt war Ibadullah drei Monate auf der Flucht. »Während der gesamten Reise gaben uns die Schmuggler nur ein Brot und eine Tomate, oder wir haben uns nur von Kartoffeln ernähren müssen«, berichtet er weiter. Jetzt lebt Ibadullah mit neun anderen afghanischen Geflüchteten in Istanbul zusammen. Das Einzimmerhaus befindet sich in einem Industriegebiet der Millionenmetropole.

Die ohnehin dramatische Notlage der afghanischen Geflüchteten begann in ihrem Heimatland, ist in der Türkei jedoch nicht beendet. »Ich bin seit drei Monaten in Istanbul, aber ich habe Istanbul noch nie gesehen. Ich komme nach der Arbeit direkt nach Hause«, berichtet Ibadullah über seinen Alltag. Beim Erzählen hört es sich so an, als blieben ihm die Worte im Hals stecken. Er hebt seinen Kopf und schaut mit tränenden Augen auf die afghanische Fahne, die an seiner Wand hängt. »Ibadullah zahlt immer noch das Geld, das wir für den Fluchtweg zahlen mussten«, erklärt sein älterer Bruder, Abdul Raziq (27). Der dreifache Vater ist seit zwei Jahren in der Türkei und hat seit über zwei Monaten nichts mehr von seiner Familie in Afghanistan gehört. Die Möglichkeit zu reisen hat er ohnehin nicht. Da momentan die Banken in Afghanistan nicht geöffnet sind, beschwert er sich, dass er kein Geld mehr schicken kann. Trotz allem ist er einigermaßen zufrieden mit seiner Lage: »Ich kann nachts durchschlafen. Dafür bin ich dankbar. In Afghanistan war das nicht immer möglich. Mein Schlaf wurde entweder von Geräuschen der amerikanischen Kampfflugzeuge oder dem Lärm von den Motorrädern der Taliban unterbrochen. Ich hoffe, alles wird gut und ich kann wieder zu meinen Kindern«, sagt er und zeigt dabei deren Fotos auf dem Handy.

Fluchtursache Armut

Die seit 20 Jahren andauernde US-Besatzung in Afghanistan endete in den vergangenen Wochen. Mit dem Rückzug der USA haben die Taliban die Hauptstadt Kabul besetzt und festigen ihre Dominanz über den Rest des Landes. Vor allem in Kabul suchen die Menschen nach einer Fluchtmöglichkeit vor den Taliban. Unfassbare Bilder zeigten, wie Menschen versuchten zu fliehen – Menschen, die sich an Flugzeuge klammerten oder in deren Fahrwerkschacht kletterten. Was ist der Grund für diese Verzweiflung und die darauffolgende Flucht? Ist es nur die Angst vor den Taliban? Oder ist es auch die Armut, die durch Krieg und Korruption immer größer geworden ist?

Der 20jährige Mohammed, der seit fünf Jahren in der Türkei lebt, fasst die Situation so zusammen: »Ich bin mit 15 in die Türkei gekommen. Afghanistan war damals nicht sehr anders als heute. Als ich ein Kind war, kamen die Taliban immer in unser Dorf. Ich kenne sie gut. Ich bin nicht vor ihnen geflohen, ich bin vor der Armut geflohen. Jetzt sorge ich mich um meine allein lebende Familie. Als ich hierher kam, hatte ich nicht mal einen Bart; wie du jetzt siehst, sehe ich so aus (lächelt).« Mohammed sorgt für 26 Menschen. »Ich arbeite zwölf Stunden am Tag und bekomme ein Gehalt von 3.000 Türkischen Lira (ca. 300 Euro). Jeden Monat schicke ich meiner Familie davon 2.500 Lira. Andere bekommen für den gleichen Job 4.500 bis 5.000 Lira und haben auch eine Versicherung. Da wir aber weder eine Aufenthalts- noch eine Arbeitserlaubnis haben, arbeiten wir hart und bekommen wenig. Allein wenn ich mir zwei Minuten freinehme, schreit der Chef sofort. Ich werde nicht gleich behandelt wie die Türken«, so Mohammed über die Schwierigkeiten eines Geflüchteten in der türkischen Arbeitswelt.

Mohammed wohnt mit neun weiteren Geflüchteten in einer Einzimmerwohnung. »Auch hier geht der Krieg weiter: der Krieg um das Brot.« Mohammeds Geschichte ist keine Ausnahme. In der Türkei leben Millionen syrische, afghanische, bangladeschische und irakische Geflüchtete. Die Arbeitsbedingungen sind für alle fast gleich. Unsicherheit, niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten. Yasin Aktay, der Berater des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, sagte einmal, die Wirtschaft des Landes würde zusammenbrechen, wenn es nicht die syrischen Geflüchteten gäbe. Wovon aber Mohammed spricht, ist Rassismus. »Früher hat mich das komische Anschauen der Menschen sehr gestört, aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Sie sehen mich an, als wäre ich eine andere Kreatur.«

Die Einzimmerwohnung, in der zehn Menschen leben, offenbart die unglücklichen Schicksale Afghanistans. Das Zwölf-Quadratmeter-Zimmer, in dem sie Zuflucht suchen, spiegelt die Ungerechtigkeit der Weltordnung wider. Der in afghanische Tracht gekleidete Nimetullah schaut verlegen und ist beim Reden sehr schüchtern. Der Geschichts- und Erdkundelehrer ist 25 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder. Er wird rot, während er spricht. Als die Schule schließen musste, er kein Gehalt mehr bekam und im afghanischen Dschalalabad nichts mehr zu tun blieb, kam er in die Türkei, die er in drei Monaten erreichte. Seit zwei Monaten lebt er in Istanbul. Auch sein Weg war kein einfacher, berichtet er. Wochenlang blieb er teils hungrig und durstig, musste viele Strapazen durchmachen. »Ich bin Lehrer, und mein Wunsch ist, einfach nur den Kindern etwas beizubringen. Aber heute arbeite ich in einem fremden Land, zwölf Stunden am Tag unter unmenschlichen Bedingungen – in einer Fabrik, die Ohrstöpsel herstellt«, sagt er und erzählt weiter: »Ich möchte ein Buch über meine Erfahrungen schreiben, wenn eines Tages alles besser wird und ich wieder nach Afghanistan zurückkehren kann. Ich möchte, dass jeder liest, was ich durchgemacht habe. Aber das wird nicht nur meine Geschichte sein, sondern das, was alle Afghanen durchgemacht haben.«

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»Das Zwölf-Quadratmeter-Zimmer, in dem sie Zuflucht suchen, spiegelt die Ungerechtigkeit der Weltordnung wider«: Die afghanischen Geflüchteten in der Einzimmerwohnung in Istanbul

Von allen bestohlen

Der in Afghanistan geborene US-amerikanische Autor Khaled Hosseini schreibt in seinem Buch »Drachenläufer«: »Es gibt nur eine Sünde, nur eine. Und das ist Diebstahl. Jede andere Sünde ist eine Variation des Diebstahls (…) Wenn du einen Menschen tötest, stiehlst du ein Leben. Sie stehlen das Recht seiner Frau auf einen Ehemann, berauben seine Kinder eines Vaters. Wenn du eine Lüge erzählst, stiehlst du jemandes Recht auf die Wahrheit. Wenn du betrügst, stiehlst du das Recht auf Fairness.« Als Abdullah über die Lage in Afghanistan spricht, hört sich das an, als ob er aus Hosseinis Buch zitiert. Doch Abdullah hat das Buch nicht gelesen. Unter den Taliban war in Afghanistan neben Kino und Dating auch das traditionelle Drachensteigen verboten. Ob die Drachen jemals wieder steigen werden, ist unklar.

Der 25jährige Abdullah sieht fast noch aus wie ein Minderjähriger. Als er vor einem Jahr in die Türkei kam, wurde er in der nordkurdischen Provinz Wan (türkisch Van) von der Polizei gefasst und in ein Kinder- und Jugendflüchtlingslager nach Erzincan geschickt. Nach zwei Monaten konnte er von dort fliehen und kam nach Istanbul. Beim Reden lächelt er immer: »Es ist manchmal gut und manchmal schlecht, dass ich wie ein Kind aussehe. Beispielsweise finde ich keinen Job, weil ich so jung aussehe«, sagt Abdullah. »Dort, wo ich arbeite, behandeln sie mich gut wie ein Kind. Auch die Polizei glaubt mir nicht, dass ich kein Kind bin. Ich habe auch keinen Ausweis, kann es nicht beweisen. Mir wurde alles, was ich habe, gestohlen, auch mein Ausweis. Stehlen ist eine große Sünde; die Russen haben von uns gestohlen, Amerika hat gestohlen, Europa hat gestohlen. Sie haben uns alle bestohlen. Alle.«

Hakani ist 20 Jahre alt, auch er wohnt in diesem kleinen Zimmer. Als er 2016 in die Türkei kam, wurde er bald abgeschoben. Vor anderthalb Jahren hat er geheiratet. Um seine Hochzeitsschulden zu begleichen, musste er hart arbeiten. Als er dann in Afghanistan keine Arbeit mehr fand, machte er sich erneut auf den Weg. 5.000 Kilometer in zweieinhalb Monaten. Schließlich kam er in Istanbul an. Auf dem Weg erhielt er die Nachricht, dass er Vater eines Kindes geworden war. »Ich möchte mein Kind umarmen. Ich bin neugierig auf seinen Geruch. Aber was kann ich tun? Ich muss für ihn sorgen. Das Überleben meiner Familie, meiner Frau, meiner Eltern und meines Kindes, liegt in meinen Händen. Ich muss arbeiten, ich muss ihnen Geld schicken. Jetzt sind auch die Banken geschlossen, daher kann ich auch kein Geld schicken. Auch das Internet und Telefone funktionieren nicht. Es ist so lange her, dass ich mit ihnen gesprochen habe. Ich bin sehr besorgt um sie.«

Ähnliche Geschichten

Die Geschichten und Erfahrungen der Geflüchteten gleichen sich. Alle erzählen so ziemlich dieselbe Geschichte, nur mit unterschiedlichen Worten. Sie alle haben die gleichen Erfahrungen gemacht, manche etwas mehr, manche weniger. Die Reise von Lal Mohammed habe sehr lange gedauert. Allein drei Monate musste er an der iranischen Grenze ausharren. Er ist 25 Jahre alt. Beim Erzählen ist es so, als würde er einen langandauernden Schmerz beschreiben. Er seufzt während er spricht. »Ich war drei Monate an der Grenze. Wir versteckten uns in den Bergen, zwischen riesigen Felsen. Die Schmuggler brachten uns täglich ein halbes Brot und eine Tomate. Wir haben drei Monate lang nichts anderes gegessen. Nachts war es sehr kalt. Ich trug nur ein T-Shirt.« Lal Mohammed ist seit zwei Monaten in Istanbul und erzählt, dass er in der »nächsten Welt« jeden verklagen wird, »der uns in diese Situation gebracht hat«.

Afghanische Geflüchtete passieren auf ihrer langen Flucht Pakistan und den Iran, um am Ende die Türkei zu erreichen. Dafür geht ihr gesamtes Vermögen drauf. Manche verkaufen ihre Kühe, manche leihen sich Geld, andere verkaufen, was sie im Haus haben, und geben das Geld den Schmugglern. Sie alle kommen mit der Hoffnung auf ein neues und besseres Leben in die Türkei. Manche sind dankbar, einige fluchen. Auch in der Türkei erwartet sie kein einfaches Leben. Es ist für sie schwer, einen Job zu finden. Manchmal arbeiten sie unterhalb des Mindestlohns, sind täglich mit Rassismus konfrontiert: von ihrem Chef, Kollegen, Ladenbesitzern oder sonst jemandem auf der Straße, den sie nicht kennen. Täglich leben sie in Angst, gefasst und abgeschoben zu werden. Sie alle hoffen, dass Afghanistan bessere Tage erleben wird, und träumen davon, nach EU-Europa zu reisen. Aber sie wissen auch, dass sie nie genug Geld haben werden, um tatsächlich nach Europa gehen zu können.

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