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Aus: Ausgabe vom 06.09.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Faschismusforschung

Verachtung für die »Masse«

Wutausbrüche deutscher Historiker sind garantiert: Ishay Landa beschreibt den Faschismus als auf die mörderische Spitze getriebenen Liberalismus
Von Gerd Bedszent
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»Logik des westlichen Kapitalismus«: Benito Mussolini und Adolf Hitler in München (18.6.1940)

Dass der Faschismus eine verbrecherische, menschenfeindliche und vom Grundsatz her abzulehnende politische Ordnung ist – darüber sind sich die meisten Menschen in der Gegenwart an der Oberfläche einig. Damit hört die Übereinstimmung aber schon auf. Betrachten Linke, die in der Tradition materialistischer Analyse stehen, den Faschismus als eine besonders barbarische Form von bürgerlicher Herrschaft, so bemühen sich Konservative und Liberale seit langer Zeit nach Kräften, den Faschismus entweder als eine Art feindlichen Zwilling des Sozialismus darzustellen oder ihn gar mit diesem gleichzusetzen. Und es gibt Linke, die dazu neigen, jeder rechten politischen Bewegung und jedem ungeliebten Regime ohne wirkliche Analyse das Etikett »faschistisch« anzuheften. Ungeachtet einer kaum mehr zu übersehenden Breite der Faschismusforschung gibt es keine allgemein akzeptierte Bewertung der gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen, die für die Errichtung faschistischer Regimes ausschlaggebend waren. Es besteht nicht einmal Einigkeit darüber, was unter Faschismus genau zu verstehen ist.

In seiner kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Arbeit »Der Lehrling und sein Meister« widerspricht der israelische Historiker Ishay Landa gängigen bürgerlichen Faschismusinterpretationen. Auch das Naziregime, so seine zentrale These, sei eben keinesfalls eine »Abkehr vom Westen« gewesen, sondern ein Versuch, die »Logik des westlichen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts auf die Spitze zu treiben und die (…) Kompromisse des Bürgertums mit dem Sozialismus zurückzuweisen«.

Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Krise der kapitalistisch-industriellen Massenproduktion Anfang der 1930er Jahre sowie den verzweifelten Versuchen der industriellen »Zuspätkommer« Deutschland und Italien, den Vorsprung der westeuropäischen Mächte aufzuholen, findet sich in dem Buch leider nur in Ansätzen. Dem Autor geht es auch nicht um eine ökonomische Analyse, sondern um einer Darstellung der Wurzeln der faschistischen Ideologie im ganz »normalen« bürgerlichen Liberalismus. Er liefert in diesem Sinne eine durchaus beeindruckende Kampfschrift gegen die These, Faschisten seien »antibürgerlich« bzw. letztlich »egalitäre« Linke, denen im Gegensatz zu Sozialisten eine allgemeine Kapitalismuskritik fehle. Wie Landa nachdrücklich betont, habe sich der Faschismus, insbesondere der der deutschen Nazis, lediglich aus taktischen Gründen »volkstümlich« gegeben. Sein Wesen war hingegen elitär und voller Verachtung für die »Masse«.

Tatsächlich wurde der Faschismus, wie der Autor weiter herausarbeitet, in der konkreten Situation der Zwischenkriegszeit von den bürgerlichen Eliten als eine Art Universalmittel zur Zurückdrängung sozialistischer Ideen betrachtet. Etablierte bürgerliche Parteien paktierten damals in ganz Europa mit faschistischen Parteien gegen die Arbeiterbewegung bzw. die politische Linke. Und selbst die Oberschicht des von bürgerlichen Geschichtsschreibern als liberaldemokratischer Modellstaat dargestellten Großbritannien ist damals durch und durch von rassistischen, eugenischen und sozialdarwinistischen Ideologien geprägt gewesen. Nicht wenige Schlagwörter, die später durch den faschistischen Propagandaapparat Bekanntheit erlangten, hatten die Nazis aus dem Vokabular bürgerlicher Ideologen entlehnt. Das ist für Fachleute alles nicht neu, für viele Leser insbesondere in Deutschland, wo der deutsche Faschismus bis heute oft nicht einmal Faschismus genannt werden darf, sondern strikt die Eigenbezeichnung »Nationalsozialismus« verwendet wird, aber wohl durchaus eine Überraschung.

Doch worin lag nun der Unterschied zwischen den faschistischen Mächten und den liberal-demokratischen, aber von einer durchaus »faschistoiden« Oberschicht regierten Staaten? Offensichtlich nur in der Regierungsform. Landa verweist immer wieder auf den »antiegalitären, elitären, antisozialistischen und prokapitalistischen Charakter des Faschismus«. Eine detaillierte Analyse der faschistischen Wirtschafts- und Sozialpolitik findet sich im dem Buch allerdings nur punktuell. Das gilt auch für die Auseinandersetzung mit entscheidenden Kategorien kapitalistischer Ökonomie, die von den Nazis samt und sonders nicht in Frage gestellt wurden – wobei Landa allerdings zutreffen darauf verweist, dass die faschistische Wirtschaftspolitik letztlich auf dem »normalen« keynesianischen Staatsinterventionismus beruhte.

Landas Buch liefert nützliche Belege dafür, dass die von den Nazis in diesem Zusammenhang durchgesetzte Unterwerfung der Industrie unter die Notwendigkeiten einer Kriegswirtschaft nicht auf Dauer angelegt war. Eine solche zentral und bürokratisch gesteuerte Kriegswirtschaft gab es schon während des Ersten Weltkrieges, als von Faschismus noch keine Rede sein konnte. Die Dominanz des Nationalismus in der Ideologie der Nazis und der italienischen Faschisten lässt sich für Landa nicht zuletzt aus der verspäteten Nationalstaatsgründung ableiten. In dem Buch findet sich der aufschlussreiche Satz, dass der Ultranationalismus der Nazis in einen »Ultranationaldarwinismus« eingebettet war. Es ging, soll das heißen, den Nazis also nicht in erster Linie um die »Nation«, sondern um das »Leistungsprinzip«. Landas Schluss, dass es sich beim Faschismus um einen auf die mörderische Spitze getriebenen Liberalismus handelte, dürfte ausreichen, um beim liberalen und konservativen Mainstream insbesondere der deutschen Historikerzunft für Wutausbrüche zu sorgen.

Ishay Landa: Der Lehrling und sein Meister. Liberale Tradition und Faschismus. Dietz, Berlin 2021, 407 Seiten, 20 Euro

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