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Aus: Ausgabe vom 06.09.2021, Seite 2 / Inland
Luftbrücke Kabul

»Es gibt viele mehr, die hoch gefährdet sind«

Die Organisation »Luftbrücke Kabul« organisiert zivile Evakuierungen aus Afghanistan. Der Bundesregierung passt das nicht. Ein Gespräch mit Mattea Weihe
Interview: Jakob Reimann
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Demonstranten in Berlin (22.8.2021)

Sie haben ein Flugzeug gechartert und wollten Menschen aus Kabul ausfliegen. Wie kam es dazu?

Die Idee, Menschen aus Afghanistan zu evakuieren, bestand bereits vor der Machtübernahme der Taliban. Dann traten immer mehr Leute an uns heran, die Menschen in Afghanistan kennen, die zwar gefährdet sind, aber auf keiner der Prioritätslisten des Auswärtigen Amts, AA, stehen. Die Bundesregierung hat klargemacht, dass nur Leute mit deutschem Pass und sogenannte Ortskräfte evakuiert werden. Doch es gibt viele mehr, die die Regierung als irrelevant ansieht, die aber trotzdem hoch gefährdet sind. Dann haben wir uns gedacht, wir organisieren die erste zivile Evakuierung aus Afghanistan und sorgen dafür, dass auch diese Menschen in Sicherheit gebracht werden. Wir haben uns mit Expertinnen und Experten zusammengetan, aus der Luftfahrt, Leute vor Ort. Unser Plan hätte auch gut ausgehen können, hätte man uns denn gelassen …

Ihnen wurden viele bürokratische Hürden in den Weg gestellt.

Wir selbst konnten gegen massive Widerstände seitens der Bundesregierung 18 gefährdete Personen ausfliegen und mit Hilfe der USA 189 weitere in Sicherheit bringen. Vor allem im Auswärtigen Amt gab es zwei Lager: Die einen haben uns unterstützt, die anderen massivst blockiert. Uns wurde keine Ansprechperson zugewiesen, unsere Listen wurden viel zu langsam bearbeitet. AA und Bundesinnenministerium, BMI, haben Pingpong gespielt, Zuständigkeiten wurden hin- und hergeschoben. Sobald wir dann die zu evakuierenden Personen an Bord hatten, teilte uns ein Zwei-Sterne-General mit, dass der Flieger nicht abheben darf, wenn Afghaninnen und Afghanen an Bord sind. Es gibt jede Menge widersprüchliche Aussagen und offene Fragen. Wenn wir uns angesichts der katastrophalen Abläufe der Evakuierungen jedoch anschauen, wer denn im AA und im BMI sitzt, wer die Kontrolle über diese Häuser hat, dann kommt man recht schnell auf Antworten. Immer wieder hören wir, »2015« darf sich nicht wiederholen, die Geflüchteten dürfen auf keinen Fall nach Deutschland kommen. Das wäre eine Katastrophe für die Unionspolitik. Dann versteht man auch, warum ein ziviler Evakuierungsflug nicht gerne gesehen wird.

Wurde also auf dem Rücken der auszufliegenden Personen Wahlkampf betrieben?

Auf jeden Fall. Wir stehen wenige Wochen vor der Bundestagswahl, und Migrationspolitik spielt in den Diskussionen und im Wahlkampf überhaupt keine Rolle. Eine neue »Flüchtlingskrise« wollte die Bundesregierung daher um jeden Preis verhindern.

Abgesehen von wahltaktischen Gründen, welches Interesse hat die Regierung, Ihre Arbeit zu sabotieren?

Es wäre schon ein bisschen unangenehm für die Bundesregierung, wenn ein paar Hippies mit fünf Telefonen sich hinsetzen, durch die halbe Welt telefonieren und am Ende mit ihrer Evakuierungsstrategie erfolgreicher sind. Das wäre ein PR-Skandal für die Merkel-Regierung. Da vertraue ich auf die Kompetenzen in diesen Häusern: Die Leute haben gemerkt, dass das für sie nicht glimpflich ausgehen würde. Außerdem kann die Bundesregierung einfach nicht ablassen von der Kleinlichkeit innerhalb ihres Behördentums. Eine solche Operation inmitten einer humanitären Krise mit Hilfe von Prüfungen und Listen durchführen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Sie hätten nur einmal diese Un-Bürokratie vergessen und Menschenrechte und Menschenwürde in den Vordergrund stellen können.

Warum ist es überhaupt wichtig, Evakuierungen zivil zu organisieren?

Die Zivilgesellschaft kann dafür sorgen, dass auch Menschen Schutz geboten wird, die nicht auf den Prioritätslisten der Regierung stehen. Dadurch ist klargeworden, dass jedes Menschenleben zählt, nicht nur das von Deutschen oder hochrangigen Ortskräften.

Was ist in der Zukunft geplant?

Wir werden diese ganzen Prozesse aufarbeiten und auch das Agieren der deutschen Regierung genau unter die Lupe nehmen. Aber vor allem arbeiten wir daran, die Leute, die noch aus Afghanistan ausreisen wollen, über den Landweg zu evakuieren. Wir bauen Druck auf die Bundesregierung auf, die Listen der zu Evakuierenden wieder zu öffnen. Wir werden die Menschen nicht im Stich lassen. Das hat für uns oberste Priorität.

Mattea Weihe ist Mitorganisatorin der privaten Rettungsinitiative ­»Luftbrücke Kabul«

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