3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Dienstag, 21. September 2021, Nr. 219
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 02.09.2021, Seite 8 / Ansichten

Der Krieg geht weiter

Der Westen bleibt in Afghanistan präsent
Von Wiebke Diehl
imago0130298882h.jpg
Bleibt in Lauerstellung: US-Militär (hier am Flughafen Kabul, 16.8.2021)

Er habe eine kämpferische Rede gehalten, wird US-Präsident Joseph Biden in unterschiedlichen Medien bescheinigt. Und in der Tat, Biden konzentrierte sich in seiner Rede zum Truppenabzug aus dem geostrategisch bedeutenden Afghanistan auf diese Aussage: Der Krieg wird weitergehen.

Eine zivile und damit weit sicherere Evakuierung westlicher Staatsangehöriger und sogenannter Ortskräfte wäre ganz offensichtlich möglich gewesen – Indien hat es vorgemacht. Wie CNN berichtet, haben die Taliban im Rahmen eines Geheimabkommens sogar US-Amerikaner zum Flughafen eskortiert, wobei etliche afghanische Staatsbürger, die als Mitarbeiter oder Unterstützer der US-Armee tätig waren, leer ausgehen. Gespräche mit den Taliban werden von den Regierenden der westlichen Industrienationen längst geführt. Bundesaußenminister Heiko Maas hat angekündigt, die deutsche Botschaft in Kabul wieder eröffnen zu wollen.

Aber heute wie damals verkünden Politiker: Es geht um unsere Sicherheit, die am Hindukusch »verteidigt« wird, und für die nicht nur bereits über 200.000 afghanische Zivilisten ihr Leben verloren haben, sondern wohl noch viele Opfer folgen werden. Bedroht fühlt sich die NATO gegenwärtig insbesondere durch China, dessen Provinz Xinjiang direkt an Afghanistan grenzt. Und da passt es erstaunlich gut, dass sich in Afghanistan trotz NATO-Präsenz bis zu 15.000 ausländische Kämpfer festgesetzt haben und eine Terrormiliz wie der IS Khorasan entstehen konnte. Denn dessen Mitglieder sind nicht nur geradezu prädestiniert, sich mit der Islamischen Bewegung Ostturkestans aus Xinjiang zusammenzuschließen. So etwas ist auch ein willkommener Anlass für Kriege wie vor 20 Jahren in Afghanistan, obwohl die Taliban schon vor dem 11. September 2001 mehrfach die Auslieferung Osama bin Ladens an die USA angeboten hatten. Und auch der Einsatz in Syrien wurde offiziell mit dem Kampf gegen den IS und den weltweiten Terror begründet – wenn er auch eigentlich dem Ziel galt, den Präsidenten Assad zu stürzen.

In Syrien wurde – nach dem Vorbild der in den 1980er Jahren gegen die Sowjetunion hochgerüsteten Mudschaheddin Afghanistans – seit spätestens 2011 eine sich schnell radikalisierende Opposition trainiert und politisch, logistisch, finanziell und mit Waffen unterstützt. Das aus den USA, Katar, Saudi-Arabien und der Türkei, aber auch aus Großbritannien und Frankreich gelieferte Kriegsgerät fiel letztlich Terrorbanden wie dem unter US-Besatzung im Irak entstandenen IS oder der Al-Nusra-Front in die Hände und lieferte somit den erwünschten Kriegsgrund gegen Syrien.

Die Ermordung der zehn durch US-Raketen in Kabul getöteten Zivilisten, darunter sechs Kinder, dürfte nur ein kleiner bitterer Vorgeschmack dessen sein, was die Afghaninnen und Afghanen nach dem »Abzug« erwartet. Denn sich »einfach so« aus Afghanistan zurückziehen, das will wirklich niemand.

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue ( 3. September 2021 um 11:30 Uhr)
    Wer dachte, aus Afghanistan werde gelernt, der irrt schwer. Die »Verteidigungsministerin« will militärisch stärker werden und mit den USA auf »Augenhöhe« sein. Afghanistan sei noch nicht zu Ende, wenn wir richtig verstehen. Was gemeint ist, ist unschwer zu erraten. Es soll weiter am Hindukusch »verteidigt« werden, und das auch auf eigene Faust. Tolle Aussichten. Wir werden weiter marschieren … Eine fundamentale Lehre, dass Völker nicht militärisch befreit werden wollen, sich nicht befreien lassen nach westlichem Herrschaftsmuster und sich nicht ihrer Rohstoffe berauben lassen, das geht nicht in die Köpfe der Weltbefreier. Es ist absehbar, was das für das deutsche Volk – neben den Opfern der anderen Völker – bringen wird. Die Bilanz zu Afghanistan genügt nicht. Wer Hunderttausende zivile Opfer unter den Afghanen, Tausende Opfer der Taliban und alle Zerstörungen und Kriegskosten als Erfolg herbeiredet, es mit den Schulen und befreiten Frauen und Mädchen aufwiegt, der nimmt Kriegsopfer in Kauf, die sich keiner von uns vorstellen mag. Eine deutsche Antwort zum Weltfriedenstag. Nie wieder Krieg – das reicht nicht mehr.
    Es muss wieder dazu gesagt werden, wer die Kriegstreiber sind und warum sie das sind.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg ( 2. September 2021 um 16:44 Uhr)
    Wichtig zu wissen ist jedoch für die Chronologie der Ereignisse, dass die USA die Mudschahedin schon ein halbes Jahr vor dem Auftreten der Sowjets, nämlich 1979, mit Waffen gegen das Nadschibullah-Regime ausgerüstet hatte, siehe unter: www.globalresearch.ca/articles/BRZ110A.html – das Interview mit Zbigniew Brzezinski von Le Nouvel Observateur, Paris, 15-21 January 1998, in dem Brzezinski zugibt, dass die CIA die Mudschahedin schon 1979, ein halbes Jahr, bevor die sowjetische Armee in Afghanistan einmarschierte, im Kampf gegen das demokratisch gewählte Nadschibullah-Regime mit modernsten Waffen ausgerüstet und daran trainiert hatte. Das Nadschibullah-Regime hatte mit einer Agrarreform begonnen, die Universitäten für Frauen geöffnet, wollte das Land gerechter verteilen und hatte schließlich die Sowjetunion zu Hilfe gerufen. … Brzezinski berichtet stolz, mit diesem Afghanistan-Krieg die Sowjetunion ausbluten lassen und zu ihrem Zerfall beigetragen zu haben. Neu ist für mich dagegen, dass »die Taliban schon vor dem 11. September 2001 mehrfach die Auslieferung Osama bin Ladens an die USA angeboten hatten«. Für eine Quelle wäre ich dankbar, denn gestern behauptete noch einer der Experten in einer Talkshow, die Taliban seien von den USA »dafür bestraft« worden, dass sie Osama Bin Laden eben nicht ausgeliefert hätten.
  • Leserbrief von Hüfner Jörg aus Arnsberg ( 2. September 2021 um 09:14 Uhr)
    KRIEG! Gestern polterte John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland, im Deutschlandfunk gegen Schröder und Fischer, die darauf bestanden hatten, den Krieg gegen Afganistan nicht Krieg, sondern »Nation Building« zu nennnen. 20 Jahre lang haben die bürgerlichen Medien (die SPD besitzt viele davon) den Krieg als »Kampf für Menschenrechte« u. a. fast unkenntlich gemacht. Den Imperalismus mit einem Schafsfell zugedeckt.

Ähnliche:

  • Rechtsstaatlichkeit außer Kraft gesetzt: Ein gefangengenommener ...
    01.09.2021

    Andere als Kanonenfutter

    Die Geburt von Al-Qaida aus einer Datenbank. Spezialkrieg der USA von Vietnam über Afghanistan bis Syrien
  • Nach dem tödlichen Selbstmordanschlag des IS patrouilliert ein T...
    28.08.2021

    Die Geister, die ich rief

    Nach Anschlag auf Kabuler Flughafen: US-Präsident Biden kündigt Vergeltung an. Dschihadistenmilizen entstanden unter Augen der NATO-Besatzer
  • Im Angriffsmodus: NATO-Soldaten stürmen am Dienstag in Kabul den...
    08.11.2017

    Mehr NATO in Afghanistan

    Westliche Kriegsallianz will Truppen am Hindukusch aufstocken. Angriff von Islamisten auf Fernsehsender in Kabul

Mehr aus: Ansichten

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!