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Aus: Ausgabe vom 30.08.2021, Seite 10 / Feuilleton

Reise durch die Dolomiten

Von Erwin Riess
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»Nach dem dritten Glas Rotwein werden Sie kühn, nach dem fünften positiv waghalsig«, sagte der Dozent. »Mir soll’s recht sein, ich hasse die Autobahnbolzerei.«

Ob der Dozent wisse, dass ein großer Teil Venedigs auf Tiroler Lärchenstämmen ruhe, hatte Groll seinen Freund in der Straßenbar von Tre Porti in der Lagune von Venedig gefragt. Als der Dozent den Kopf schüttelte, bot Herr Groll an, die für den nächsten Tag geplante Heimreise nach Wien nicht über die staugeplagte Autobahn durchs Kanaltal sondern die Piave entlang durch die Sextener Dolomiten, Innichen und das Pustertal bis nach Obertilliach im äußersten Lesachtal zu führen. Dort werde man ein Zimmer nehmen und am nächsten Tag den Gail-Fluß forcieren. Drei weitere Stopps vorausgesetzt, sei man Ende der Woche in Wien. Die goldene Autofahrerregel seines Großvaters lasse eine andere Vorgangsweise nicht zu.

Was es mit dieser Regel auf sich habe, wollte der Dozent wissen.

»Sie wurde Anfang der 1920er Jahre aufgestellt, als meine Gumpoldskirchner Großeltern ihre Hochzeitsreise mit dem Lieferwagen, einem umgebauten Brennabor, unternahmen. Großvater betrieb damals ein kleines Textilgeschäft, Großmutter schneiderte. Sie reservierten für die Rallye drei Wochen: Eine für die Anfahrt von Wien bis Lignano, über extrem steile Pässe, Schotterstraßen und Staubpisten, eine Woche Badeurlaub und eine Woche Rückreise. Nie mehr als 100 Kilometer pro Tag. Wir werden also den umgekehrten Weg der Osttiroler Lärchenstämme nehmen, und nichts wird uns daran hindern«, verkündete Herr Groll. »Und wir werden nach weiteren fünf Tagen – auf Bundesstraßen wohlgemerkt, Sie wissen, wie sehr ich Autobahnen verabscheue –, um viele Eindrücke reicher in der ehemaligen Haupt- und Residenzstadt eintreffen.«

»Nach dem dritten Glas Rotwein werden Sie kühn, nach dem fünften positiv waghalsig«, erwiderte der Dozent. »Mir soll’s recht sein, ich hasse die Autobahnbolzerei ebenso – wie wohl bei Ihrem antiken Renault strenggenommen von Tempobolzerei nicht die Rede sein. Ich kenne diesen Teil der Dolomiten, von dem ich nur weiß, dass er während des Ersten Weltkriegs heftig umkämpft war, nicht. Auf in die Berge! Werden wir Alpini!«

»Lieber nicht«, antwortete Herr Groll. »Die Alpini waren vier Divisionen stark, vom Krieg gezeichnet und verroht, bildeten sie eine Kerntruppe des Faschismus. Sie können das einer Biographie über Margherita Sarfatti entnehmen. Diese Frau aus wohlhabendem jüdischen Elternhaus, die am Canal Grande in Venedig aufwuchs, war bereits um 1914 Mussolinis Geliebte, als dieser noch Chefredakteur des sozialistischen Zentralorgans Avanti! war und sie mit dem Anarchismus liebäugelte. Sie führte ihn in die Mailänder Kunst- und Intellektuellenzirkel ein – der Futurismus prägte die Szene – und verfasste 1925 in England eine Biographie über den Duce, mit der sie in den USA Triumphe feierte und für den Faschismus warb.«*

Am nächsten Tag nahmen sie im Garten ihres Agriturismo Dolce Acqua in der Via F. Baracca ein ausgiebiges Frühstück zu sich.

Der Dozent hatte sich spätabends noch kundig gemacht und erfahren, dass »ihre« Straße nach Francesco Baracca benannt war, einem berühmten Kampfflieger, der von österreichischem Maschinengewehrfeuer während eines Tiefflugs bei Treviso in der Nähe der Piave getötet worden war.

»Baraccas Erkennungszeichen auf dem Flugzeug war ein schwarzes Pferd, es wurde vom Sportwagenhersteller Ferrari als Markenzeichen übernommen.«

»Ja, der Motorsport und der Krieg können gut miteinander«, sagte Herr Groll und griff nach Himbeeren und gelben Kiwis. Danach machten sich die beiden auf den Weg. Die erste Stunde war ein mühsames Stop and Go auf der Bundesstraße, die Cavallino und Jesolo mit der Autobahn Triest–Venedig verbindet. Unzählige Kreisverkehre, Outlets und Hypermärkte boten wenig Abwechslung. Die kam von schweren Motorrädern, die in hohem Tempo auf Grolls Fahrspur entgegenkamen wie Sturzkampfjäger im Tiefflug.

* Karin Wieland: Die Geliebte des Duce. Das Leben der Margherita Sarfatti und die Erfindung des Faschismus. Hanser, 2004. Sarfattis ältere Schwester Nella und deren Ehemann Paolo Errera wurden im April 1944 in Auschwitz ermordet. Ihren Lebensabend verbrachte die Sarfatti in der kleinen Ortschaft Cavallasca am Comer See, unweit von Giulino di Mezzegra, wo Mussolini und seine damalige Geliebte Clara Petacchi am 28. April 1945 von kommunistischen Partisanen erschossen wurden. Mussolini hatte aus einer Ehe fünf Kinder und neun weitere mit acht anderen Frauen. Daneben unterhielt er zahlreiche Affären. Obwohl ihm ein ehrliches Bemühen nicht abzusprechen ist, kann Silvio Berlusconi da nicht mithalten.

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