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Aus: Ausgabe vom 28.08.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Krieg in Afghanistan

Stabilität hat Vorrang

Afghanistan: Beijing und Moskau setzen auf Wirtschaftskooperation statt Militärintervention
Von Wiebke Diehl
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Der schmale Wachankorridor verbindet Afghanistan mit China und ist von Bedeutung für Beijings »Neue Seidenstraße«: Schäferin Aterhan behält dort ihre Schafe im Blick (13.6.2016)

China und Russland wollen künftig gemeinsam gegen Terrorismus und Drogenhandel vorgehen, meldete die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua im Anschluss an ein am Mittwoch geführtes Telefonat zwischen dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping und seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin zur Lage in Afghanistan. Beijing sei bereit, die Kommunikation und Zusammenarbeit auch mit der breiteren »internationalen Gemeinschaft« zu verstärken, so Xi. Man ermutige alle Parteien in Afghanistan, eine offene politische Struktur aufzubauen, eine gemäßigte Innen- und Außenpolitik umzusetzen und sich von allen terroristischen Gruppen zu distanzieren.

Auch der Kreml betonte, es müsse verhindert werden, »dass die Instabilität auf die Nachbarregionen übergreift«. Dazu solle die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), der Russland, China, Indien, Pakistan, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan angehören, einbezogen werden. Im kommenden Monat soll ein Gipfeltreffen der SOZ in Tadschikistan stattfinden.

Moskau und Beijing sind aufgrund des Verbleibs ihres Botschaftspersonals in Kabul nach der Machtübernahme der Taliban sowie des Versuchs, in Gesprächen mit den neuen Machthabern für Entspannung in der Region zu sorgen, in westlichen Medien stark angefeindet worden. Am 19. August wetterte die B. Z., dass es der Kommunistischen Partei völlig egal sei, dass die Taliban mit Praktiken aus dem Mittelalter über das Land herfallen, Frauen nach dem Gesetz der Scharia unterdrücken und ihre Feinde ermorden. »Denn: China will sich die Schätze Afghanistans unter den Nagel reißen!« Ähnliches gelte auch für Russland, Iran, Pakistan und die Türkei. Von Interessen und Kriegszielen Washingtons und seiner Verbündeten, die Afghanistan 20 Jahre besetzt gehalten haben, war freilich keine Rede. Genausowenig davon, dass Beijing und Moskau direkt nach der Machtübernahme der Taliban auch den USA Kooperation angeboten und zugleich den »überhasteten« Abzug der US-Streitkräfte kritisiert haben.

Zwar haben China und die Taliban tatsächlich ein gemeinsames Interesse an der Ausbeutung der immensen Rohstoffvorkommen Afghanistans, genau wie auch andere Länder weltweit. Öl, Gas, Kupfer, Gold, Eisen, Kohle, Lithium und seltene Erden im Wert von drei Billionen US-Dollar sollen in dem zentralasiatischen Land lagern. Bereits bestehende Förderverträge für afghanische Kupfervorkommen sowie Ölvorräte sind allerdings bislang aus Sicherheitsgründen nicht umgesetzt worden. Auch für das chinesische Projekt der »Neuen Seidenstraße« könnte Afghanistan an Bedeutung gewinnen, und zweifellos war die NATO-Besatzung direkt vor der eigenen Haustür Russland und China ein Dorn im Auge. Jedoch ist sowohl für zukünftige wirtschaftliche Kooperationen als auch für ihre eigene Sicherheit für Moskau und Beijing sowie für die ehemaligen Sowjetrepubliken Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan von essentieller Bedeutung, dass Afghanistan nicht erneut zum Nährboden für Dschihadisten wird. Auch Pakistan – das zwar größter Förderer der Taliban ist, aber zugleich ein Erstarken von Extremisten im eigenen Land fürchtet – und Indien beobachten die Entwicklungen in Afghanistan und ihre mögliche destabilisierende Wirkung in der gesamten Region mit Sorge.

Für Moskau steht die Gefahr in die ehemaligen Sowjetrepubliken eindringender dschihadistischer Gruppen im Zentrum. China hingegen fürchtet um seine direkte, wenn auch kurze Grenze mit Afghanistan, ausgerechnet entlang der Provinz Xinjiang: Bis ins Jahr 2001 hatten sich mindestens 300 Mitglieder der Islamischen Bewegung Ostturkestans (ETIM) den Taliban angeschlossen. Die ETIM behauptet, die uigurische Volksgruppe in Xinjiang zu vertreten, und hat in der Vergangenheit zahlreiche Anschläge verübt. In Beijing sorgt man sich aber vor allem vor einem möglichen Bündnis der ETIM mit in Afghanistan aktiven noch radikaleren Gruppen. Auch deshalb finden bereits seit 2019 Gespräche mit den Taliban statt. Moskau unterhält sogar schon seit 2015 Kontakte.

Zumindest Mullah Abdul Ghani Baradar, De-facto-Chef der Taliban, hat der chinesischen Regierung zugesagt, die Taliban würden »niemals zulassen«, dass »eine Kraft afghanisches Territorium nutzt, um Handlungen zum Nachteil Chinas zu begehen«. Ähnlich äußerte sich Taliban-Sprecher Suhail Schahin, verbunden mit der Hoffnung, bald mit China über Investitionen in den Wiederaufbau Afghanistans sprechen zu können.

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