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Aus: Ausgabe vom 28.08.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Krieg in Afghanistan

Die Geister, die ich rief

Nach Anschlag auf Kabuler Flughafen: US-Präsident Biden kündigt Vergeltung an. Dschihadistenmilizen entstanden unter Augen der NATO-Besatzer
Von Wiebke Diehl
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Nach dem tödlichen Selbstmordanschlag des IS patrouilliert ein Taliban am Kabuler Flughafen (27.8.2021)

Seit Tagen war vor einem Anschlag des »Islamischen Staates« (IS) auf dem Flughafen in Kabul gewarnt worden. Am Donnerstag abend dann bekannte sich die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat – Provinz Khorasan« (ISK) zu zwei inmitten Tausender auf Evakuierung hoffender Afghaninnen und Afghanen verübten Selbstmordattentaten, bei denen mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen sind, darunter Wachen der Taliban und 13 US-Militärs.

»Wir werden euch jagen und dafür bezahlen lassen«, drohte US-Präsident Joseph Biden in fast wortgleichem Duktus wie George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Man verfüge über Informationen zum Aufenthaltsort der Drahtzieher und werde militärisch gegen sie vorgehen. Das US-Militär erklärte, man rechne mit weiteren Anschlägen in den nächsten Tagen.

20 Jahre nach Beginn des Angriffskriegs gegen Afghanistan kontrollieren die Taliban, durch deren Sturz 2001 vorgeblich Demokratie und Menschenrechte durchgesetzt werden sollten, nahezu das gesamte Land. Über 200.000 Zivilistinnen und Zivilisten wurden getötet. Mindestens 66.000 afghanische Einsatzkräfte und 59 Bundeswehrsoldaten haben seitdem ihr Leben verloren. Allein am 4. September 2009 war der deutsche Oberst Georg Klein in Kundus für den Tod von 142 Menschen verantwortlich. Die Besatzer hinterlassen eine humanitäre Katastrophe. So hat sich die Zahl der Menschen, die auf internationale Hilfen angewiesen sind, zwischen Anfang 2020 und Anfang 2021 von 9,4 Millionen auf 18,4 Millionen verdoppelt.

Afghanistan ist nach 20 Jahren Krieg und Besatzung ein zutiefst von Gewalt geprägtes Land, in dem sich unter den Augen der NATO-Truppen terroristische Banden festsetzen konnten, von denen die US-Administration genau weiß, dass die Taliban sie nicht kontrollieren können. Als ganz besonders gefährlich gilt der ISK. Dieser hat sich laut US-Geheimdienstkreisen im Oktober 2014 – nur Monate nachdem der IS Syrien und den Irak überrannt und dort ein Kalifat ausgerufen hatte – aus einer Abspaltung von pakistanischen Taliban-Kämpfern, die dem IS-Anführer Abu Bakr Al-Baghdadi die Treue schworen, gegründet. Die Splittergruppe setzte sich insbesondere in den nördlichen afghanischen Provinzen Nangarhar und Kunar fest und bekam auch aus anderen Terrorgruppen wie »Lashkar-i-Toiba«, »Dschamaat Al-Dawa«, dem »Hakkani-­Netzwerk« und der »Islamischen Bewegung Usbekistan« Zulauf. Der Name »Khorasan« bedeutet »Land der aufgehenden Sonne«, »Morgenland« oder »Orient« und ist zugleich der Name einer historischen Region, die weite Teile Irans, Afghanistans und Turkmenistans umfasste.

Der ISK – der sich mit den als »Apostaten« abgelehnten Taliban bereits zahlreiche blutige Kämpfe geliefert hat und deren Abkommen mit Washington »Verrat an der dschihadistischen Sache« nennt – beging fortan Anschläge und Massaker unter der Zivilbevölkerung Pakistans und Afghanistans, insbesondere an Schiiten. Besonders brutal war der Angriff auf eine Entbindungsstation in einem vorwiegend schiitischen Viertel Kabuls im Mai 2020, bei dem 25 Frauen und Babys getötet wurden. Im August 2019 bekannte sich die Miliz zum Mord an 91 Menschen während einer schiitischen Hochzeit und verübte auch mehrfach Anschläge auf Wahllokale. Zwar konnte der ISK anders als seine »Mutterorganisation« in Syrien und dem Irak keine längerfristige Kontrolle über Territorien erlangen, doch soll er über mehrere tausend Kämpfer im Land verfügen, die als geheime Zellen insbesondere in der Nähe afghanischer Städte aktiv sind. Gestärkt wurde die Gruppe durch den starken Zulauf von IS-Kämpfern aus aller Welt, die nach dem Sturz des »Kalifats« in Syrien und dem Irak auf der Suche nach einer neuen Operationsbasis waren.

In der Ideologie des ISK beschränkt sich das Kalifat keinesfalls auf einen Nationalstaat. Vielmehr soll ein von der Scharia regierter Gottesstaat, von Süd- und Zentralasien ausgehend, sich mit allen Muslimen weltweit vereinigen. Zu den unmittelbaren Zielen dürften neben Afghanistan und Pakistan auch das zwischen Indien und Pakistan umstrittene Kaschmir sowie die an das nördliche Afghanistan angrenzende uigu­risch geprägte chinesische Provinz Xinjiang gehören.

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  • Leserbrief von Artur Pech aus Schöneiche (30. August 2021 um 12:07 Uhr)
    Die USA, die NATO und die von ihren benötigten, aufgebauten und finanzierten »Ortskräfte« – insgesamt also die reichste und über das größte militärische Potential verfügende Gruppierung dieser Erde – haben einen über 20 Jahre geführten Krieg verloren. Es ist auffällig, dass in den Medien nun über strategische oder taktische Fehler der Kriegführung diskutiert, das Kernproblem aber weitgehend umgangen wird: Der Export der westlichen Demokratie (»Regime Change«) ist genauso gescheitert, wie Jahre zuvor der Versuch des Exports der Revolution in dieses Land. Eine mächtige Koalition ist damit einem Gegner unterlegen, über dessen Rückständigkeit und Ablehnung sich alle einig waren und sind. Da stellt sich nur Frage: Woher nahm dieser Gegner die Kraft, einen 20 Jahre währenden Krieg nicht nur zu überstehen, sondern auch noch zu gewinnen? Lag das wirklich nur an der Dummheit und Ignoranz einiger (westlicher) Politiker und Militärs? Sein erklärtes Ziel hat »der Westen« nicht erreicht – andere Ziele aber schon. Es ist eben nicht nur von den großen Verlusten zu reden, sondern auch davon, für wen die vielen für den Krieg aufgewendeten Milliarden zu Profiten wurden. Wieder einmal sollten Ziele mit militärischen Mitteln durchgesetzt werden – und wieder einmal ging das schief. Das sollte zumindest nachdenklich machen angesichts einer Politik, in der die soeben gescheiterte Koalition gerade gegenüber andern, deutlich besser ausgestatteten Mächten verstärkt auf Militär, auf Rüstung, auf Kanonenbootpolitik setzt. Wer die Feststellung, dass die westliche Logik von Krieg und Regime Change nun krachend gescheitert ist, als Binsenweisheit bezeichnet, die nichts bringt – wie in einigen linken Debatten zu vernehmen –, flüchtet sich in strategisches und taktisches Klein-klein und ersetzt die lebensnotwendige Systemkritik durch Herumdoktern an Symptomen. Den Frieden zu sichern verlangt Systemkritik.
    • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (31. August 2021 um 11:33 Uhr)
      Nicht wer »den« Krieg gewonnen oder verloren hat, ist hier die Frage, sondern wer am und im Krieg »gewonnen« und wer den Preis dafür entrichtet hat – und auch noch weiterhin dafür bluten wird.
  • Leserbrief von Joachim Seider (30. August 2021 um 11:55 Uhr)
    Ich komme mir vor wie im finstersten Mittelalter, wenn der US-Präsident die Rache zum Prinzip seiner Außenpolitik erklärt. So, als gäbe es kein geltendes Völkerrecht und keine UNO mehr. Das Schlimmste aber ist, wie sehr wir alle durch die Medien daran gewöhnt worden sind, das »Aug’ um Auge« für ein Prinzip zu halten, das in der Welt des 21. Jahrhunderts seine Berechtigung hätte. Von da bis zum Durchspielen der Szenarien für einen dritten Weltkrieg sind es nur noch Millimeter. Es ist erschütternd, dass wir das alle sehen und kaum etwas dagegen unternehmen. Als wären die acht Milliarden Bewohner der Erde angesichts dieses Weltuntergangsszenarios bereits völlig gelähmt. Aber nein: Die meisten von uns haben gerade Wichtigeres zu tun. Oder sollte das, worum wir uns streiten, vielleicht gar nicht das drängendste Problem sein, das unbedingt gelöst werden muss?
  • Leserbrief von Stefan Schmitt (30. August 2021 um 11:02 Uhr)
    Wenn geostrategische Interessen auf dem Spiel stehen und ihre gesellschaftliche Akzeptanz immer dünner wird, dann taucht – wie von Geisterhand – eine dunkle Gruppe auf, deren mörderische und menschenverachtende Tat uns zeigt, dass Afghanistan eben wieder ein sicherer Hafen für Terrornetzwerke wird. So dass wir also wieder zuschlagen müssen, militärisch präsent sein müssen, Afghanistan nicht seinem Volk überlassen dürfen. And please don’t ask: Cui bono?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (29. August 2021 um 15:05 Uhr)
    Die USA waren offenbar am Aufbau der Miliz ISK beteiligt. Sputniknews meldete 2019: »FSB: US-Geheimdienste an Verlegung von Terroristen nach Afghanistan beteiligt«. Auch veteranstoday.com fragte 2015: »Caught: CIA Helicopters Ferrying ISIS Fighters into Afghanistan?« Das würde jedenfalls erklären, warum die US-Geheimdienste so präzise vor dem Terroranschlag in Kabul warnen und damit die Schlappe überbügeln konnten, den Vormarsch der Taliban falsch eingeschätzt zu haben. Diese Schlappe wäre indes vermeidbar gewesen, hätten die Geheimdienste nur die junge Welt gelesen, statt sie auf den Index zu setzen. Am 6. Oktober 2016 meldete jW, dass aus der afghanischen Armee »jedes Jahr ein Drittel ihrer Soldaten« desertieren würde. Nach einer Meldung von defencetalk.com 2012 waren es jährlich »around 50,000 soldiers, or around 26 percent«. Dass die Überläufer gern auch mal ihre Waffen zu den Dschihadistenmilizen mitnehmen, konnte man am 30. August 2014 in der jW lesen: »Rund 40 Prozent der Waffen, die die USA seit 2002 an die afghanischen Sicherheitskräfte geliefert hatten«, seien verschwunden. Am 30. September 2019 konnte man in der jW zudem lesen, dass die Beteiligung an der Präsidentenwahl in Afghanistan nur etwa »ein Fünftel« betragen habe. Da muss man doch nur noch eins und eins zusammenzählen: Eine Bevölkerung, die mit dem vom Westen installierten System wenig am Hut hat, und eine hochmotivierte Taliban-Truppe, die indirekt von NATO-Soldaten bestens ausgebildet und bewaffnet wurde, und schließlich eine katastrophale Moral der afghanischen Armee: Was kann denn da anderes bei herauskommen, als dass die Taliban übernehmen?! In vielen Kommentaren ging es auch mehr um das »wann« als um das »ob«. Dass die afghanische Armee kampflos das Feld räumte, wo sie ohnehin keine Chance hatte, war nur folgerichtig. Kampflos, wie es schon Sun Tsu empfahl, und wie einst auch diverse Gebiete der vom Katholizismus unterdrückten christlichen Arianer an den Islam fielen. Zumindest soweit sind die Taliban besser als die USA.

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