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Aus: Ausgabe vom 28.08.2021, Seite 2 / Inland
Schweinemastanlage in Alt Tellin

»Es gab immer wieder Verstöße gegen Gesetze«

Mecklenburg-Vorpommern: Gegner von möglichem Wiederaufbau der größten Schweinezuchtanlage Europas sehen sich gestärkt. Ein Gespräch mit Leo Kraus
Interview: Gitta Düperthal
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Das Bündnis fordert, die Schweinezuchtanlage nach dem Brand nicht wieder zu eröffnen

In Mecklenburg-Vorpommern will an diesem Sonnabend ein Bündnis gegen die größte Schweinezuchtanlage Europas in Alt Tellin demonstrieren, obwohl sie seit dem Großbrand vom 30. März nicht mehr in Betrieb ist. Was sind Ihre Forderungen?

Diese industrielle Tieranlage darf keinesfalls wieder aufgebaut werden – auch nicht in anderer Wirtschaftsweise fortgeführt, eventuell mit weniger Schweinen. Nach mehr als 15 Jahren Widerstand dagegen werden wir eine Fortsetzung dessen nicht hinnehmen.

Zum Zeitpunkt des Brandes waren etwa rund 50.000 Schweine dort, ansonsten pro Jahr etwa 250.000: Die Mehrzahl der Ferkel waren abtransportiert. Immer wieder gab es Verstöße gegen die Gesetze der Tierhaltung und auch das Grundwasser war verschmutzt. Ein Bach wurde verunreinigt. Die Belästigung der Anwohner durch Gestank wurde anfänglich noch geleugnet, weil die Anlage ja angeblich »so modern« sei. 2018 erstickten 1.000 Ferkel wegen des Ausfalls einer Lüftungsanlage. Gegen den Exbetreiber Adrianus Straathof hagelte es eine Flut von Anzeigen. Deshalb reichte er die Anlage zunächst an die LFD Holding weiter, und die dann im März 2020 an den jetzigen Schweizer Betreiber Terra Grundwerte AG. Aufgrund des mangelnden Brandschutzkonzeptes und der Verstöße hätte die Anlage schon vor Jahren vom Landkreis Demmin bzw. vom Land geschlossen werden müssen. Statt dessen düngen benachbarte Bauern Felder mit Gülle und Gärresten aus deren Biogasanlagen.

Wer ist aus Ihrer Sicht politisch verantwortlich?

Die Landesregierung verlautbarte, solange alles vorschriftsgemäß laufe und der Betreiber alle Auflagen einhalte, habe man keinen Grund, die Anlage zu schließen. Weil es seit DDR-Zeiten sogenannten Bestandsschutz gebe, sieht Till Backhaus von der SPD, Minister für Landwirtschaft und Umwelt, keine Möglichkeit zu handeln.

Was weiß man über die Brandursache?

Zu den laufenden Ermittlungen ist nichts bekannt.

Steht die Anlage auch wegen der schlechten Arbeitsbedingungen dort in der Kritik?

Man kann davon ausgehen, dass die Mehrheit der Angestellten aus Osteuropa stammte. In Alt Tellin bekam sie kaum jemand zu Gesicht, auch weil sie enorm ausgeweitete Arbeitszeiten hatten. Über all das gibt es kaum Informationen. Klar ist, dass Deutsche diese gesundheitsgefährdende Arbeit wohl kaum hätten verrichten wollen.

Es gibt hohen Verschleiß an Tieren, täglich sterben welche; müssen aus den Ställen geholt und abtransportiert werden. Die Schweine stehen auf Spaltenböden, darunter befinden sich offene Güllebehälter. Die Ammoniakkonzentration ist enorm hoch, Gase bilden sich. Osteuropäische Beschäftigte waren offenbar froh, überhaupt eine Anstellung zu haben und nahmen all das in Kauf. Mitunter sahen sie uns als Gegner an, weil sie glaubten, dass wir ihnen die Arbeitsplätze nehmen wollten.

Konnte die Massentierhaltung entstehen, weil es im ländlichen Raum kaum wirtschaftliche Strukturen gibt?

In der Tat gibt es dort kaum andere Beschäftigungsmöglichkeiten; selbst diese war extrem rationalisiert und maschinell ausgerichtet. Auf einen Beschäftigten kamen etwa 3.000 Schweine. Diese Lebewesen sind nur den Betrieb durchlaufende Wirtschaftsgüter.

Alternative Kleinbauern klagen, sich neben den fabrikartigen Landwirtschaftsbetrieben kaum halten zu können.

Das ist das Ergebnis jahrzehntelang verfehlter Subventionspolitik. Die EU unterstützte ständig solche Anlagen. Je größer ein Betrieb, desto mehr Geld wurde investiert. Großbetriebe versuchten die wenigen Kleinbauern bei Laune zu halten; kauften ihnen Überschuss an Gülle ab oder boten umgekehrt welche für deren Felder an, je nach Bedarf.

Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten des Protestes ein?

Wegen des ungenügenden Brandschutzes wurde 2017 aufgrund der Grundsatzklage des Umweltverbandes BUND und einer Bürgerinitiative vorm Verwaltungsgericht Greifswald verhandelt. Das wurde bis heute verschleppt. Unser Widerstand ist gestärkt. Wir holen nicht mehr nur regionale Initiativen mit ins Boot, sondern protestieren europaweit. Fridays for Future macht mit. Jeder weiß, dass Massentierhaltung eine enorme Belastung unseres Klimas darstellt.

Leo Kraus ist Sprecher des »Aktionskreises Alt Tellin«

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