Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Sa. / So., 16. / 17. Oktober 2021, Nr. 241
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 27.08.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Schatten überm Schreibtisch

Da ist man etwas fassungslos: Nora Bossongs »politische Texte«
Von Stefan Gärtner
Joseph_Breitbach_Lit_66777939.jpg
Zeigt her eure Wunden: Nora Bossong und die Verletzlichkeit (Lesung, Koblenz 2020)

Manchmal ruht die Wahrheit in einem Satz, und nachdem gemeldet worden war, dass die grüne Kanzlerkandidatin Baerbock für ihr Wahlkampfbuch abgeschrieben und das mit dem Satz verteidigt hatte, niemand schreibe ganz allein, griff die Erfolgsautorin Nora ­Bossong (»Schutzzone«) zum Twitterofon: »Wer jahrelang zehn Stunden täglich allein am Schreibtisch sitzt, um Bücher zu schreiben, ist einfach etwas fassungslos bei Baerbocks Äußerungen.«

Es musste einfach heraus: Die einsame Schriftstellerin sitzt Tag für Tag am Schreibtisch, um die Welt mit epochemachendem Schrifttum zu beglücken, und dann kommt eine Politikerin und schreibt ihr Was-jetzt-geschehen-muss-Pflichtbuch unter Zuhilfenahme nicht ausgewiesener Quellen! Da ist eine dann zu Recht »etwas fassungslos«, was die Dummheit in der Dummheit war, denn entweder ist man fassungslos oder nicht, und könnte man nur ein bisschen fassungslos sein, warum dann die Beschwerde?

Aber Nora Bossong, Berlin, phantastischerweise im Besitz eines Joseph-Breitbach- und eines Thomas-Mann-Preises, ist Schriftstellerin, und das ist nun das Ehrenwerte selbst, spätestens dann, wenn Suhrkamp 186 Seiten (zzgl. Anmerkungen) zur Verfügung stellt, um »politische Texte« beleuchten zu lassen, worum es letztlich geht. Nämlich um Nora Bossong: »Als ich die Arbeit an meinem letzten Roman beendet hatte, in dem ich mich mit dem wiederholten Scheitern der UNO im Anblick schlimmster Greueltaten befasst hatte, mit Ohnmacht, persönlicher und institutioneller, mit dem, was innerhalb kürzester Zeit an Vernichtung möglich ist zwischen Menschen, und mit dem so hartnäckigen Umstand, dass offensichtlich immer wieder geschieht, was nie wieder geschehen sollte, Kriegsverbrechen und Völkermord, plus jamais, never again, dass es mir mit der Zeit so viel mehr eine menschliche Konstante zu sein schien als unsere Fähigkeit zum Frieden« usw. – da setzte sich Bossong wieder mal allein an ihren Schreibtisch, um sich bei einer guten Tasse Tee gern schwafeln zu hören, hélas! Denn Bossong will Dichtung, »die von der uns eigenen Fähigkeit zur Verletzlichkeit wie zur Verletzung berichtet, und ich glaube, davon berichtet Literatur meistens« – statt, wie Nichtwissende vermuten könnten, von Kochrezepten oder Quantenmechanik –, »ich glaube, genau das ist es, was ein paar von uns zu dieser doch höchst merkwürdigen Tätigkeit drängt, tagaus tagein allein am Schreibtisch zu sitzen und mit Schattenfiguren durch die Welt zu gehen, die eben auch aus unserem eigenen Dunkel entspringen«.

Und Suhrkamp dachte, Menschenskind, diese originelle, gleißend uneitle Poetologie gehört doch in unsere »Edition« hinein, denn auch das muss die Welt wissen, wie in höchstem Maße merkwürdig das ist, wenn Leute sich am Schreibtisch die Fähigkeit zur Verletzlichkeit ausdenken, statt auf dem Bau oder im Supermarkt Tätigkeiten nachzugehen, mittels deren man sich nicht aufspielen kann! »Literatur berichtet nicht davon, wie wir passende Menschen sind, sondern von unseren Widrigkeiten, Fehlbarkeiten und Verwundbarkeiten«, wenn es nicht Sozialistischer Realismus ist, der aber unsere Widrigkeiten gleichfalls im Programm hat, falls es das überhaupt gibt, persönliche Widrigkeiten, die doch wesensmäßig eher externe sind, des Alltags oder der Welt, wie sie nun mal eingerichtet ist: »Die Kriege und Konflikte der Welt finden nicht in den führenden Industrieländern statt. Die liefern zwar oft genug die Waffen, aber dafür stand noch niemand in den Den Haag vor Gericht.« Bei Bossong gilt: Keine Wunde ohne Finger.

Und wer zehn Stunden täglich am Schreibtisch sitzt, um Schattenfiguren in Bücher zu hieven oder institutionelle Ohnmachten festzustellen, soll sich nicht noch um Kleinigkeiten kümmern müssen: »Aus dem Nachbarzimmer dringt lautes Stöhnen, Sex gegen die staatlich verordnete Pflicht des Erinnerns, ein schmaler Riss in der Trauerflagge, die über dem ganzen Land hängt«, falls Risse in Flaggen, und hingen die auch über Ländern, denn breit sein können. Doch »schmal«, das klingt so zart und zag, und wenn Stil das wäre, was auch aus null Inhalt etwas macht, dann hat Bos­song keinen, der übers artig gesetzte, bürgerliche Gepflegtheitserwartung bedienende Wort hinausginge: »Drei Jahre später sprang der Sänger aus dem sechsten Stock eines Pariser Hauses und nahm sich so das Leben.« Henscheids provinzieller Nachrufer Alois Freudenhammer hätt’s nicht braver in den Satz geben können; doch Bossong berichtet ja nicht aus der Oberpfalz, sondern aus Berlin, Paris, Rom (»die Stadt, in der ich studiert habe«), Ruanda, »einer Region, die selbst nur ein kleiner Stein auf dem Schachbrett der Macht ist«, also praktisch ein Bauer. Ein kleiner Bauer! Doch lassen wir das kleine Karo und fragen lieber, ob es die blitzsauberen Bilder sind, »wegen denen« (Bossong) unsere literarischen Spitzenkräfte zu Ruhm und Ehren gelangen, oder doch die guten Fragen: »Europa, gibt es das überhaupt?« Und glühend heißen Eisen: »Das Altern, sobald es gebrechlich, hässlich oder gar unappetitlich wird, geschieht heute oft an Ausschlussorten«, und da sind wir geradezu etwas fassungslos, dass der Mensch im Alter abgeschoben wird, nur weil er »die Dreistigkeit besitzt, nicht mehr jugendlich aufzublühen«, gemeint: zu blühen, und auch das wär’ Mist und alte Tante. Doch ist das Fehlen von Gedanken / ein Grund für manches Ausdrucks Wanken.

Aber T. S. Eliot gelesen haben und die blühende Dreistigkeit besitzen, die Halbzeile »fear death by water« zum Anlass für europakritisches Gespreize zu nehmen: »Eva Hesse schreibt es ins Deutsche als ›den nassen Tod‹. Was für eine harmlose, ja verharmlosende Wendung, dachte ich beim Lesen der Übertragung, doch dann, mit jeder weiteren Lektüre, sog sich das Bild mit seinem Schrecken voll, wie Kleider, die vom Wasser zu schwer werden und jenen, der sie trägt, mit sich hinunterziehen. Und der Schrei der Möwen klingt nicht bis dorthinab.« Sowenig wie das Achtsamkeit als Ichsucht ausweisende Geschmocke Bossongs, der kein fremder Tod zu nass ist, als dass er nicht ein sensitives Feuilleton wert wäre, gern auch eins, das, ein Wahnsinn, »unsere Fähigkeit, Lösungen zu denken« in Zweifel zieht.

»Puitz puitz puitz / Bül bül bül bül bül bül«, schreibt Eva Hesse Eliot ins Deutsche, und hier ruht die Wahrheit einmal in zwei Sätzen, nämlich die über Nora Bossong: dass man sie vergessen kann. Bitte noch heute.

Nora Bossong: Auch morgen. Politische Texte. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2021, 194 Seiten, 16 Euro

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Mehr aus: Feuilleton

Die Buchlesewoche der Tageszeitung junge Welt vom 20. bis 23. Oktober. Alle Infos hier!