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Aus: Ausgabe vom 27.08.2021, Seite 3 / Schwerpunkt

Kapitalismus in der Krise

Die versammelten Notenbanker der Welt werden sich während des am Donnerstag beginnenden jährlichen Treffens im US-amerikanischen Jackson Hole lediglich am Kopf kratzen können. Bislang sind sie es, die die Wirtschaft mit Krediten am Laufen halten. Von den Regierungen in den kapitalistischen Zentren kommen kaum Wachstumsimpulse. Mit den gewohnten Folgen: Die Börse boomt, die Bevölkerung verarmt. In Deutschland lagen die Umsätze und Gewinne der Dax-Konzerne im zweiten Quartal so hoch wie nie zuvor seit Beginn der Auswertung im Jahr 2012, wie das Beratungsunternehmen EY am Donnerstag mitteilte. Das Vorkrisenniveau übertrafen die Unternehmen um 14 Prozent. Wegen der derzeitigen starken Nachfrage gebe es sogar noch Spielraum für Preiserhöhungen.

Der Westen lechzt gerade nach Waren. In China stauen sich die Containerschiffe, weil nach der Coronavirusinfektion bei einem Arbeiter im drittgrößten Hafen der Welt, Ningbo-Zhoushan, für zwei Wochen ein zentrales Terminal geschlossen wurde. Erst am Mittwoch gaben die Behörden bekannt, dass der Hafen zum 1. September seinen regulären Betrieb wieder aufnehmen wird.

Auch ob die Volksrepublik nach der Coronapandemie die Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft bleiben wird, ist ungewiss. Wie die chinesische Volkszeitung am Donnerstag berichtete, hat Staatschef Xi Jinping nachdrücklich gefordert, die offizielle Vorgabe für das Wachstum in diesem Jahr von »mehr als sechs Prozent« auch zu erfüllen. Zentralbankchef Yi Gang warnte vor einer »unsteten und ungleichmäßigen« Erholung der heimischen Wirtschaft und einem »ernsteren und komplizierten externen Umfeld«. In der zweiten Hälfte dieses Jahres und der ersten Hälfte des nächsten Jahres sollte die Unterstützung der Wirtschaft mit Krediten verstärkt werden.

Warum die Wirtschaft in der EU nicht vom Fleck kommt, erklärte Isabel Schnabel, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Die EZB sorge sich darum, dass die Inflationsrate auf mittlere Sicht zu niedrig ausfällt statt zu hoch, sagte sie am Samstag dem Focus. »Das kann sich natürlich ändern, wenn zum Beispiel die Gewerkschaften höhere Löhne durchsetzen. Aber auch angemessene Lohnerhöhungen wären aus unserer Sicht erst einmal ein gutes Zeichen. Denn eine kräftigere Nachfrage durch höhere Reallöhne würde uns unserem Inflationsziel näherbringen – nachdem wir jahrelang darunterlagen – und uns helfen, die Niedrigzinsphase hinter uns zu lassen.« Würde die Bundesregierung Schnabels Rat beherzigen, müsste sie Druck auf den Bahn-Konzern und die Kliniken ausüben, die in Deutschland bestreikt werden, um das Lohn- und Preisniveau zu steigern. Da dann aber Banken und Konzerne weniger Profite einstreichen, bleibt der Kapitalismus eben in der Krise. (sz)

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