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Aus: Ausgabe vom 27.08.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Konjunktur

»Es kommt zum Wettkampf der Imperialisten«

Finanzkapital drängt auf steigende Verschuldung und sucht neue Absatzmärkte. Ein Gespräch mit Michael Every
Von Simon Zeise
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Verschärfte Konkurrenz: Der Bullenmarkt an der Wall Street ist nicht zu bändigen

Lassen Sie uns über den Finanzmarkt reden.

Okay. Aber ich möchte vorab noch etwas klarstellen. Ich habe mich informiert: junge Welt ist eine sozialistische Zeitung. Und ich arbeite als Analyst für eine große Investmentbank. Für meine Studien sind die marxistische Perspektive und Terminologie durchaus nützlich – aber sie sind nicht das einzige Analyseinstrument. Das ist Ihnen hoffentlich bewusst?

Klar, kein Problem. Lassen Sie uns loslegen. Die Aktienkurse im Westen erklimmen wöchentlich neue Höchststände. Ewig kann das nicht so weitergehen. Werden wir bald die Wall Street zusammenbrechen sehen?

Nein, denn sie darf es nicht. Es gibt einflussreiche Gruppen, die einen Börsencrash nicht hinnehmen wollen. Unabhängig davon, was in der Realwirtschaft vor sich geht – Covid hin oder her. Schlichtweg deshalb, weil die Zentralbank Geld drucken kann. Die Wall Street kann die Aktienpreise mit Hilfe von fiktivem Kapital steigern, soviel sie will. Solange die mächtigsten und reichsten Menschen in der Gesellschaft davon profitieren können und das politische System nicht zusammenbricht, kann die expansive Geldpolitik weitergeführt werden.

Nehmen Sie einen Wandel der Weltwirtschaft wahr?

Die Wirtschaft heute entspricht eher dem, was Lenin in seiner Schrift »Imperialismus als letztes Stadium des Kapitalismus« Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieb. Ein Prozess, in dem der Staat die zentrale Steuerung im Kapitalismus einnimmt. Wir sehen diesen Vorgang gerade in vielen Teilen der Welt. Dieser Drang zur Überproduktion, die nach neuen Absatzmärkten verlangt, kann durch Verschuldung gestillt werden. Das hatten Marx und Lenin nicht erkannt.

Ewige Verschuldung ist kein Allheilmittel. Wie lange wird die staatlich finanzierte Expansion des Kapitals noch aufrechterhalten werden können?

Wenn der Kreditmarkt gesättigt ist, werden die Dinge schwierig. Anleger schauen dann auf die Realwirtschaft und überlegen, wo sie neue Märkte finden können. Derzeit wird uns der Übergang in einen sogenannten grünen Kapitalismus als fortschrittliche oder ein wenig linke Idee verkauft. Das ist aber kompletter Nonsens. Schließlich werden hierfür sehr viel mehr Rohstoffe wie Kobalt, Lithium und viele andere benötigt. Es gibt aber nur ein begrenztes Angebot davon. Deshalb kommt es zum Wettkampf unter den Imperialisten, in dem jeder für sich die nötige Versorgung sicherstellen und Lieferketten kontrollieren möchte. Das ist die Realpolitik. Mit Hegelscher Dialektik gesprochen, existiert dann noch die Surrealpolitik der vielen Wirtschaftsjournalisten, Kommentatoren und Analysten, die auf dem Pfad durch den Garten der Phantasie wandeln und jeden lächerlichen sozialen Trend selbstgefällig nachplappern.

China kommt wirtschaftlich besser als die EU und die USA aus der Coronakrise. Wird der Washington-Konsens von einer kommunistischen Globalisierung abgelöst?

Das denke ich nicht. Erstens geht es China nicht so gut, wie es die meisten Menschen glauben. Wenn man die Daten zusammenfasst, sieht man, dass China schneller wächst als der Westen, weil die Regierung mehr Kredite aufnimmt und weil der Staat mehr investiert. Ob dieses Vorgehen produktiver ist, ist eine offene Frage. Trotz der Tatsache, dass die Regierung den Wandel von fiktivem Kapital, was dem Westen gut gefällt, hin zu produktivem Kapital vorantreibt, was dem Westen nicht gefällt. China muss die Nachfrage auf dem Binnenmarkt steigern.

Beijing versucht über den Starmarket, die Börsen für Technologieriesen in Shanghai und Shenzhen, spekulatives Geld anzuziehen. Werden die großen Fonds ihre Mittel von der Wall Street abziehen und in China anlegen?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Börsenkurse in China sinken. Hauptsächlich weil der Staat einsteigt und sagt: Nein, wir wollen kein fiktives, sondern produktives Kapital. Wir wollen nicht diese zerstörerischen, schnell wachsenden Hightechmonopole, wir wollen vom Staat kontrollierte Unternehmen, die geringere Profite erzielen. Das ist übrigens keine schlechte Sache. Auch US-Präsident Joseph Biden fordert antimonopolistische Gesetze. Für die Finanzmärkte lohnen sich die Wall Street und die US-Hightechmonopole deshalb mehr als China.

In Deutschland entsteht gerade die neue »German Angst«: Reiche fürchten höhere Inflation. Sorgen Sie sich auch wegen steigender Preise?

Inflation nimmt zu, weil die globalen Lieferketten unterbrochen wurden. Wegen des Wiederanlaufens der Wirtschaft übersteigt die Nachfrage das Angebot. Dies kann zu einer Rückkoppelung führen und sich bis zu einem gewissen Grad verselbständigen. Aber es hat vor allem mit den Kämpfen des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu tun. Der Kapitalismus, der in sein letztes Stadium eintrat, begann zusammenzubrechen, deshalb wurde die Nachfrage so weit vorangetrieben, wie es nur ging. Monetarisierung wurde in einigen Ländern statt dessen eingesetzt. In Deutschland fürchten sich die Leute heute nur wegen des historischen Echos aus Weimar. Es ist geschichtlich betrachtet naiv. Nichts davon nehmen wir gegenwärtig wahr. Nirgends geht die Arbeiterklasse auf die Straße und fordert: Die Lebensmittelpreise sind um zehn Prozent gestiegen, deshalb brauchen wir zwölf Prozent mehr Lohn. Was es gibt, ist Inflation auf der Angebotsseite. Die Löhne steigen nicht, die Arbeiter sind überall schlimm dran. Diese Inflation ist nur der Vorbote der großen Deflation. Dann wird jeder ärmer sein und weniger zum Ausgeben zur Verfügung haben. Hierüber sollte man sich aus soziologischer Sicht größere Sorgen machen, denn es war die deflationäre Wirtschaftspolitik von Kanzler Heinrich Brüning, die den Nazis die Tür öffnete.

Noch einmal zurück zur Realpolitik. Schon bevor die Coronapandemie ausbrach, waren die USA und Deutschland in der Rezession. Wie kann ein neuer Akkumulationsprozess in Gang gesetzt werden?

Nur durch Staatsausgaben. Doch der Westen weigert sich vehement. Es ist ausgeschlossen, dass der Privatsektor die Aufgabe übernehmen wird. Deutschland zum Beispiel ist besessen von der fiskalischen Zurückhaltung, in einer fast schon calvinistischen Art. Berlin kann 30jährige Staatsanleihen mit negativen Zinsraten ausgeben, und die Anleger bezahlen dafür, um der Bundesregierung Geld zu leihen. Das heißt, jeden Euro, den der Staat in die Infrastruktur investiert, bekommt er vom Finanzmarkt erstattet – mindestens, vielleicht werden es auch zwei sein. Es ist ein absoluter politischer Wahnsinn, in brüningnesken Verhältnissen, dass die EU und besonders Deutschland nicht mehr Geld ausgeben. Es liegt an der Zwangsjacke der Euro-Währungsunion, an deren Gestaltung die BRD maßgeblich beteiligt war und die die Mitgliedstaaten zu dieser neoliberalen Wirtschaftspolitik zwingt. Hinzu kommt, dass sich die Struktur der Wirtschaft ändert. Es wird mehr im Internet gekauft, was dazu führt, dass die großen Konzerne größer und die kleineren bestraft werden.

Braucht es nicht vor allem höhere Löhne?

Absolut. Überall. Die Löhne können aber nur erhöht werden, wenn die Exporte zurückgefahren werden. Die Regierungen müssen sicherstellen, dass das, wofür gezahlt wird, lokal hergestellt wird. Wenn man dann höhere Löhne zahlt, bezahlt man sie selbst. Deutschland könnte das gut machen, weil die Wirtschaft merkantilistisch ausgerichtet ist. Dafür müssen globale Lieferketten gesprengt werden. Aber die Ironie dabei ist, dass die Märkte, die Deutschland im Ausland beliefert, widerstehen und sagen müssen: Nein, wir werden merkantilistischer, um höhere Löhne bezahlen zu können. Deshalb produzieren wir selbst mehr. Die deutsche Industrie würde das zerstören. Wenn jeder Staat so vorgehen würde, gäbe es eine Chance auf reales Wirtschaftswachstum. Aber das wird nie geschehen.

Michael Every ist Chefanalyst für Finanzmärkte der Region Asien-Pazifik bei der niederländischen Rabobank in Hongkong

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (28. August 2021 um 07:20 Uhr)
    Wie dieses Interview in nüchterner Klarheit zeigt, kann ein Gespräch mit einem realistischen Radikalkapitalisten mitunter weitaus erhellender sein als mit einem/einer opportunistischen politkarrieregeilen Lifestyle-Pseudolinken.
  • Leserbrief von Joachim Seider (27. August 2021 um 11:01 Uhr)
    Man kann das wie Michael Every so sehen, dass die bereits großflächig erlebbare Inflation nur eine Folge gestörter weltweiter Lieferketten sei. Und dass sich das Ganze bald normalisieren werde. Was aber, wenn dem nicht so ist? Wenn die wirkliche Ursache der Inflation die weltweit unaufhörlich rotierenden Gelddruckmaschinen sind, deren Tempo das Wachstum der materiellen Produktion inzwischen weit hinter sich gelassen hat? Geld ist der Maßstab der Preise. Wer diesen Maßstab verwässert, treibt die Preise gesetzmäßig in die Höhe. Die Zeche werden die bezahlen, die von ihrer Hände Arbeit leben müssen und denen die Preise davonlaufen werden. Die Angst der Deutschen vor der Inflation ist kein unerklärliches Gespenst. Sie ist das Ergebnis der Erfahrungen mit der großen Inflation in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts: Die Inflation frisst die Armen und mästet die Reichen. Ein neuer Versuch, das zu bestätigen, muss nicht unternommen zu werden.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (27. August 2021 um 10:24 Uhr)
    In dem Artikel geht nur um die Interessen des Finanzkapitals. Nach seiner Aussage kann die Wall Street die Aktienpreise mit Hilfe von fiktivem Kapital steigern, so viel und so weit, wie sie will, solange die »Geldelite« davon profitieren kann. Diese einflussreichen Gruppen verhindern einen bereinigenden Börsencrash, und damit erhalten sie ihre »Geldgewinnmaschine« künstlich mit der expansiven Geldpolitik am Leben, und nebenbei achten sie auch noch darauf, dass das für sie arbeitende politische System nicht zusammenbrechen darf. Die enormen Verschuldungskosten tragen generell die abhängig Beschäftigten. All das entspreche dem, was Lenin in seiner Schrift »Imperialismus als letztes Stadium des Kapitalismus« vor hundert Jahre beschrieb. Das ist Materialismus pur und mehr, als Marx und Lenin zusammen sich vorgestellt haben. Aber welche menschlichen Folgen hat diese »Geldelitenökonomie«, in der wir leben müssen? Wozu eine Ökonomie, die die meisten Menschen arm macht? Es geht um die Gesellschaft als Ganzes, nicht bloß die Geldwirtschaft, das gierige, ungeduldige Finanzkapital und den Markt. Durch die wahnsinnige Verschuldung werden Menschen eher in die Versklavung gestoßen statt befreit, wie die Apostel des Kapitalismus proklamieren. Der wachsende Druck stimuliert nicht mehr, sondern deprimiert! Und wenn Vertrauen schwindet, dann entwickelt sich immer eine Legitimitätskrise.

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