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Aus: Ausgabe vom 26.08.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Krieg in Afghanistan

Gesicht eines neuen Afghanistans

Die Kommunistin Anahita Ratebsad hat zeit ihres Lebens für Fortschritt und Gleichberechtigung gearbeitet
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Kommunistin und Kämpferin für Frauenrechte in Afghanistan: Anahita Ratebsad

Es ist ein guter Zeitpunkt, an Anahita Ratebsad, die Vorkämpferin der afghanischen Frauenbefreiung, zu erinnern und die Gleichberechtigung, für die sie so hart gekämpft hat, hochzuhalten. Als 1978 die Aprilrevolution in Afghanistan ausbrach, stand Ratebsad als Führungsmitglied der kommunistischen Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA) im Zentrum des Kampfes. Der neue Premierminister, Nur Mohammad Turaki, ernannte sie zur Sozialministerin. »Die Privilegien, die Frauen rechtlich zustehen, sind gleiche Bildung, Arbeitsplatzsicherheit, Gesundheitsversorgung und freie Zeit, um eine gesunde Generation für den Aufbau der Zukunft des Landes aufzuziehen. Bildung und Aufklärung der Frauen stehen ab jetzt im Mittelpunkt der Regierungsarbeit«, schrieb sie in der New Kabul Times vom 28. Mai 1978.

Sie wurde am 1. November 1931 im Dorf Gildara in der Provinz Kabul geboren. Weil ihr Vater demokratische Reformen unterstützte, zwang ihn das reaktionäre monarchistische Regime ins iranische Exil. Ratebsad wuchs in Armut auf, besuchte eine französischsprachige Schule und wurde im Alter von 15 Jahren gezwungen, den Chirurgen Keramuddin Kakar zu heiraten. Sie bekamen eine Tochter und zwei Söhne.

Von 1950 bis 1954 absolvierte Ratebsad ein Krankenpflegestudium an der US-Universität von Michigan. Als 1957 die Verschleierung von Frauen in Afghanistan freigestellt wurde, führte sie eine Gruppe unverschleierter Krankenschwestern an, die männliche Patienten behandelten. Das war eine Revolution sowohl im Gesundheitswesen als auch auf Ebene der Gleichberechtigung im Beruf. Für diese mutige Initiative wurde sie von islamischen Fundamentalisten aufs übelste diffamiert. Im gleichen Jahr führte Ratebsad eine Delegation an, die an der Asiatischen Frauenkonferenz in Ceylon (Sri Lanka) teilnahm. Es war das erste Mal überhaupt, dass afghanische Frauen an einer solchen Konferenz teilnahmen. Die Universität Kabul ließ schließlich Frauen an ihrer medizinischen Fakultät zu, und Ratebsad erwarb dort 1962 einen Abschluss.

1964 gründete sie die Demokratische Organisation Afghanischer Frauen, die am 8. März 1965 den ersten Marsch zur Feier des Internationalen Frauentags durch Kabul organisierte. Ratebsad war eine von vier Frauen, die 1965 als Abgeordnete der Provinz Kabul in das afghanische Parlament gewählt wurden. Sie waren die erste Gruppe von Parlamentarierinnen in der Geschichte des Landes überhaupt. In den Jahren der sozialistischen Revolution in Afghanistan bekleidete sie mehrere Kabinettsposten und diente als Botschafterin in Jugoslawien und Bulgarien. Von 1980 bis 1985 war sie stellvertretende Vorsitzende des Revolutionsrats und damit Vizepräsidentin von Afghanistan. Keine Frau vor oder nach ihr hatte je eine so hohe Position im Land inne.

Nach dem Sturz der fortschrittlichen Regierung musste sie 1992 vor Mudschaheddin-Terroristen fliehen, die sie wegen ihrer sozialistischen Politik und ihrer Rolle als Vorkämpferin für die Frauenbefreiung ins Visier nahmen. Zunächst fand sie mit ihrer Familie in Indien Zuflucht und ging dann 1995 nach Sofia in Bulgarien. Deutschland gewährte ihr ein Jahr später Asyl. Sie starb 2014 im Alter von 82 Jahren in Dortmund.

Wenn heute überhaupt von der afghanischen Aprilrevolution die Rede ist, werden jene, die sie anführten, als »sowjetische Marionetten« abgetan. Anahita Ratebsad indes war niemandes Marionette, sondern das Gesicht eines neuen Afghanistans.

Der hier leicht bearbeitete Artikel von Tim Wheeler erschien zuerst am 19. August in der US-amerikanischen Zeitung People's World

Übersetzung: Jürgen Heiser

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