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Aus: Ausgabe vom 25.08.2021, Seite 8 / Inland
Zapfenstreich zu Afghanistaneinsatz

»Gedenken ist nicht verkehrt, es muss aber kritisch sein«

Friedensaktivisten fordern Absage des »Großen Zapfenstreichs« für Afghanistan-Kriegseinsatz. Ein Gespräch mit Martin Singe
Interview: Gitta Düperthal
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In mehreren Städten wurde nach dem verheerenden Afghanistan-Einsatz für die Aufnahme bedrohter Menschen demonstriert (Berlin, 17.8.2021)

Der für den 31. August geplante »Große Zapfenstreich« in Berlin zur »Würdigung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr« wird anlässlich der Evakuierungen nach der Machtübernahme der Taliban verschoben. Ihr Friedensbündnis fordert im Appell, die Zeremonie ganz abzusagen – warum?

Wenn beim Zapfenstreich auf den christlichen Choral »Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart« die Befehle »Helm auf!« und »Präsentiert das Gewehr!« folgen, heißt das: Die Bundeswehr versucht den militärischen Einsatz religiös zu überhöhen. Das erinnert an Kriegspredigten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, an staatlich integrierte Militärseelsorge oder Auszeichnungen mit Tapferkeitsmedaillen in Form eines Eisernen Kreuzes. Die Friedensbewegung und auch »Pax Christi« bestehen auf eine intelligente Politik der Gewaltfreiheit.

Sie erinnern an etwa 140 afghanische Zivilistinnen und Zivilisten, die vor zwölf Jahren bei Kundus durch die Anordnung eines Bundeswehroffiziers zu Tode kamen. In welchem Zusammenhang sehen Sie das zum aktuellen Geschehen und zum geplanten Gedenken?

Als der damalige Oberst Georg Klein in der Nacht zum 4. September 2009 der Meinung war, zwei Tanklastzüge hätten gegen die Bundeswehr benutzt werden können, ordnete er die Bombardierung an. Auf Videoaufnahmen aus der Luft war deutlich zu sehen, dass Menschen nur Benzin abzapften. Obgleich es bisher keine systematische Evaluation der Einsätze gab, hat die Politik nach 20 Jahren Einsatz in Afghanistan nun die Botschaft erreicht, dass es sinnlos ist, Terror mit terroristischem Krieg zu beantworten. Gedenken ist grundsätzlich nicht verkehrt, es muss aber ein kritisches sein – und ohne nur die toten 59 Soldaten der Bundeswehr zu würdigen, wie beim Ritus vorgesehen. Seit 2001 sind mehr als 50.000 afghanische Zivilistinnen und Zivilisten umgekommen.

Wie könnte ein Gedenken aussehen?

Es sollte auf Einsatzanalysen kritischer Friedensforscherinnen und -forscher basieren. Es gilt einzugestehen, dass das ganze Unterfangen sinnlos war. Die Friedensbewegung hat schon 2001 vor Interventionskriegen gewarnt.

Ist es nicht zuwenig, nur das Unterlassen des »Großen Zapfenstreichs« zu fordern – und nicht etwa den Rücktritt der Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU, angesichts der katastrophalen Einsatzplanung, die jetzt mit vielen verzweifelten »Ortskräften« und Zivilpersonen in Afghanistan endet.

Zusammen mit der »Kooperation für den Frieden« evaluieren wir den Afghanistan-Einsatz und fordern, alle »Out of Area«-Einsätze zu stoppen, weil sie vor allem aus wirtschaftlichen Interessen der Bundesrepublik erfolgen. Alle Forderungen der Friedensbewegung sind nach wie vor aktuell. Wir wollen den Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag durchsetzen, mit einer Menschenkette am 5. September am Fliegerhorst Büchel und einer Demonstration am 9. Oktober am Militärflugplatz in Nörvenich.

Nehmen Sie es dem Bundesaußenminister Heiko Maas, SPD, ab, dass es sich beim verspäteten Abzug um eine Fehleinschätzung handelt?

Man hätte jederzeit besser wissen können, dass es falsch war, in Afghanistan militärisch zu intervenieren. Jetzt ist es so offensichtlich, dass niemand mehr umhinkommt, es zuzugeben.

Was halten Sie von Behauptungen, in Afghanistan für Frauenrechte und Bildung für Mädchen eingetreten zu sein?

Das ist heuchlerisch. Der Afghanistan-Einsatz war von den USA schon vor den Anschlägen des 11. September 2001 beschlossene Sache, weil es um Rohstoffe ging. Die Bundesregierung hat sich nie gescheut, Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien oder in die Vereinigten Arabischen Emirate zu genehmigen. Dort ist die Lage der Frauen nicht besser. Es geht um die Durchsetzung von Interessen mit militärischen Mitteln.

Martin Singe ist Mitglied von »Pax Christi Bonn« und Mitinitiator des Appells zur Absage des »Großen Zapfenstreiches«

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