Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Donnerstag, 21. Oktober 2021, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 24.08.2021, Seite 8 / Ansichten

Neues Kriegsmodell

Bewaffnete Evakuierung aus Afghanistan
Von Arnold Schölzel
ads.jpg
US-Marines halten Flüchtende vom Flughafen Kabul ab: 20. August, Hamid Karzai International Airport

Am Mittwoch stimmt der Bundestag über den Antrag der Bundesregierung »Einsatz bewaffneter deutscher Streitkräfte zur militärischen Evakuierung aus Afghanistan« ab. Vorbereitet wird das mit medialer Hysterie. Fernsehen und Rundfunk berichten aus dem Land über Gefahr am Kabuler Flughafen, wo deutsche Soldaten am Montag scharf geschossen haben. Die Situation der etwa 40 Millionen Afghanen interessiert die Staats- und Konzernmedien nicht.

Das mediale Trommelfeuer hat den gewünschten Effekt. Wie vor dem Kosovo-Krieg 1999 oder vor der »Verteidigung« der deutschen Sicherheit am Hindukusch ab 2001 erregen sich vor allem Politiker der Grünen und ihre Klientel über angebliche Attacken auf Frauen, Kinder, Regierungsangestellte und die im Amtsjargon als »Ortskräfte« bezeichneten einheimischen Mitarbeiter. Repräsentativ dürfte Alice Schwarzer sein: »Afghanische Terroristen werden sehr bald auch bei uns sein.« Deswegen sollten nur Frauen und Kinder evakuiert werden. Das besagt auch: Die Mischung aus Angstschlottern und kolonialistischem Rassismus, mit der ein großer Teil der Bundesdeutschen 20 Jahre lang gegen Empörung über westliches Morden in Asien und Afrika abgestumpft wurde, kann weitergerührt werden. Die AfD sollte die Feministin zum Maskottchen machen.

Wenn aber der Landeskenner Reinhard Erös, der seit Jahrzehnten in Afghanistan wirklich hilft, in einer DLF-Diskussion am Montag sagt: »Es ist absolut ruhig in Afghanistan«, fallen »Experten« aus dem Bundestag über ihn her. Da soll er von einem »Paradies« (Henning Otte, CDU) gesprochen haben, wo doch in Wirklichkeit »Friedhofsruhe« (Franziska Brantner, Die Grünen) herrsche.

In dieser Situation kündigte die Kovorsitzende der Partei Die Linke, Janine Wissler, am Montag an, dass ihre Fraktion sich am Mittwoch der Stimme enthalten wird. Das entspricht einem Beschluss des Parteivorstandes vom Sonntag. Am Sonnabend hatte dessen Mitglied Jan van Aken in der Taz eine bedingte Zustimmung am Mittwoch verlangt und sich damit zu weit vorgewagt. Fast hätte es mit dem Ja zum neuen Kriegsmodell geklappt. Es entwickelt die »humanitären Interventionen«, gegen welche die Die Linke stets stimmte, weiter zu Angriffskriegen, mit denen angeblich »humanitäre Korridore« (Annalena Baerbock) gesichert werden sollen. Das kostet weniger, dauert laut Konzept nicht lange und hat Rückhalt bei großen Teilen der grün-sozialdemokratischen Kundschaft. Hauptsache, eine dem globalen Kräfteverhältnis angepasste kleinere imperialistische Aggression findet statt. Frau Baerbock will nun 50.000 Menschen evakuieren, und Fraktionsvize Johann Wadephul (CDU) will jetzt schon das Mandat verlängern, denn: »Der Westen muss die Zügel wieder in die Hand nehmen.«

Wer gegen diese Kriegshetzer am Mittwoch nicht mit Nein stimmt, sollte nicht mehr von Friedenspolitik sprechen.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

  • Leserbrief von Name der Redaktion bekannt (16. September 2021 um 13:08 Uhr)
    Das Statement von Arnold Schölzel zur Lage in Afghanistan ist entsetzlich. Der Artikel bringt nichts an realen Fakten gerade auch zur Situation der Frauen unter den Taliban. Die Frauen sind Eigentum der Männer, sie dürfen alleine nicht das Haus verlassen, sie dürfen nicht zur Schule gehen und keinen Beruf ausüben. Bei kleinsten »Verfehlungen« werden sie drakonisch bestraft und ermordet. Der Zwang, dauernd in einem Stoffkerker, genannt Burka, herumzugehen, ist grauenvoll und äußerst gesundheitsschädlich. Herr Schölzel, probieren Sie das Eingekerkertsein in der Burka doch mal ein paar Monate lang aus! Am besten im Hochsommer! Solche Verhältnisse der schlimmsten Unterdrückung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zu unterstützen ist alles andere als sozialistisch!
    Warum wurden die Sowjets zu Hilfe gerufen? Weil die Mudschaheddin, von den USA gefördert, die errungenen demokratischen Freiheiten massiv bedrohten.
    Als die Sowjets in Afghanistan waren, waren die Frauen vom Stoffkerker befreit. Sie konnten in die Schule gehen, oft unter Schutz der Sowjets, augenscheinlich noch echte Kommunisten. Die Taliban wollen Kinder ab zwölf Jahren an die Krieger zwangsverheiraten. Wie können Sie solche Verhältnisse befürworten? Was ist an dieser Einstellung noch links? Was ist an Frau Alice Schwarzers Einstellung rechts? Etwa das Eintreten für Frauenrechte? Wir Frauen verdanken Frau Schwarzer und der Emma so viel.
    Was ist an Kritik gegenüber Religionen rassistisch? Warum darf der Islamismus nicht kritisiert werden als das, was er ist? Nämlich eine Religion vollkommen verbohrter Männer mit absolutistischem »Herr«schaftsanspruch? Mit absoluter Gefährlichkeit für alle Frauen und auch für nicht kriegsbereite und ungläubige Männer?
    Der Islamismus passt mit seiner Doktrin, Frauen einzusperren in Haus und Küche und unter die Knute des Mannes zu stellen, sehr gut zu den realen Vorhaben der AfD. Berichten Sie in Ihrer Zeitung endlich einmal genau über die Geschichte Afghanistans und vor allem über Frauenrechtsbewegungen in dem Land wie die Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA)! Lassen sie Frauenrechtlerinnen zu Wort kommen!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Roland W. aus Aue (24. August 2021 um 12:33 Uhr)
    Wessen Geschäft betreibt unter anderem »grüne« Politik seit Jahrzehnten, wessen Interessen vertritt sie? An sich liegt es auf der Hand. Die Grünen betätigen sich bei allen Ausgeburten imperialistischer Kriegs- und Machtpolitik als zuverlässige Helfershelfer. Wer das nicht sieht, ist blind oder will es nicht sehen. Sie betätigen sich angesichts eines auf klassische und lehrreiche Weise verlorenen Krieges an dessen Schön- und Erfolgreichreden – obwohl er Hunderttausenden das Leben gekostet hat, auch Frauen und Kindern, und er viele Milliarden verschlungen hat, wobei keines der Menschenrechtsziele erreicht, sondern nur Zerstörung, neuer Hass, Elend und bittere Armut hinterlassen wurde. Verlässlichere Kriegspartner können deutsche Krieger nicht haben als die Grünen, die die moralische und Menschenrechtsheuchelei abdecken, jedem Krieg zustimmen. Das Modell Deutschland-Koalition ist vorstellbar. Kann das erstrebenswert für eine Partei Die Linke sein, dort mitregieren zu wollen? Was rechnet sich eine Linke in solcher Koalition an Änderung der Politik aus?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (23. August 2021 um 23:58 Uhr)
    Ich frage mich schon, von welchen Geheimdiensten die Schwarzers bis Wadepuhls ihre Informationen über Afghanistan haben. Hat Herr Wadephul Herrn Biden überhaupt gefragt, ob er Zügel in die Hand nehmen darf?

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Zwischenstopp Usbekistan: Aus der afghanischen Hauptstadt evakui...
    20.08.2021

    Verschlepptes Fiasko

    Oppositionspolitiker fordern nach chaotischem Abzug aus Afghanistan Konsequenzen für Minister und Nachrichtendienst
  • Sollen in immer mehr Ländern für »Frieden« sorgen: Deutsche Sold...
    01.07.2021

    Offene Fragen

    Verteidigungsausschuss: Sondersitzung zu Anschlag auf Bundeswehr-Soldaten in Mali. Die Linke kritisiert mangelhafte Informationspolitik

Regio:

Mehr aus: Ansichten