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Aus: Ausgabe vom 23.08.2021, Seite 8 / Ansichten

Blauäugiger des Tages: Youtuber Rezo

Von Jan Greve
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Versorgt bürgerliche Feuilletons mit Inhalten: Youtuber Rezo

Das hat noch gefehlt: Im bislang belanglosen Bundestagswahlkampf hat sich am Wochenende der Youtuber Rezo zu Wort gemeldet. Vor gut zwei Jahren war es sein Video »Die Zerstörung der CDU«, das kurz vor der Wahl zum EU-Parlament für Schlagzeilen sorgte. Nun, lässt uns der junge Mann mit blaugefärbtem Haar wissen, sei es wieder an der Zeit für »so ein Video«. Ihm geht es dabei nach eigenen Worten um das »Verkacken in essentiellen Skills«. Übersetzt heißt das: Rezo ist aufgefallen, dass einige Politiker inkompetent sind und Unwahrheiten verbreiten, also: versagen. Im Gegensatz zum vorangegangen Video richtet sich »Zerstörung Teil 1: Inkompetenz« explizit nicht nur an die Konservativen, allerdings füllen deren Schummerlichtgestalten um Armin Laschet, Julia Klöckner oder Andreas Scheuer das Gros der halbstündigen Sendezeit.

Anhand verschiedener Beispiele, bei denen auch Bündnis 90/Die Grünen und andere Parteien zumindest am Rande in Mithaftung genommen werden, führt Rezo aus, dass bei der Flutkatastrophe im vergangenen Monat abgesehen von Unmengen an Wasser wenig gut lief, dass das Internet hierzulande auch schneller sein könnte, Tierschutz in Klöckners Nestlé-Ministerium kleingeschrieben und Steuergeld von Mautminister Scheuer mit beiden Händen aus dem Fenster geworfen wird. Positiv anrechnen muss man Rezo, dass er diese an sich hinlänglichen bekannten Kritikpunkte einem Publikum näherbringt, das mutmaßlich andere Hobbies hat, als das Hickhack bürgerlicher Politik zu verfolgen. Nur, was soll es daraus lernen? Dass die Linie zwischen kompetenten und inkompetenten Politikern verläuft und es darüber hinaus auch noch lupenreine Lügner gibt, sagt uns Rezo. Doch was ist die Wahrheit, mit der kompetent umgegangen muss? Der Youtuber würde auf den Klimawandel verweisen. Und von der kapitalistischen Ausbeutung von Mensch und Natur schweigen.

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  • Leserbrief von Bernhard May aus Solingen ( 2. September 2021 um 11:18 Uhr)
    Volle Zustimmung für Leserbriefschreiber Peter Böttcher! Tatsächlich vermutete zumindest Frau Kramp-Karrenbauer, damals kurzzeitig CDU-Vorsitzende, die Reichweite von Rezos Video »Die Zerstörung der CDU« könnte zum eher mäßigen Abschneiden der Union bei den EP-Wahlen beigetragen haben. Sie drehte daraufhin völlig hohl und forderte eine Art Internetzensur, wie z. B. auch in der »Heute-Show« im ZDF dargestellt und getadelt wurde. Somit hätte Rezos damaliges Video indirekt sogar angestoßen, was immer zu ahnen, aber nur hin und wieder dingfest zu machen war: die generellen Schwierigkeiten der CDU/CSU mit Demokratie und Meinungsfreiheit, die Frau AKK nun wahrlich mit ihrem Nachfolger im CDU-Vorsitz, einem gewissen Armin Laschet, teilt. Der schaffte es in NRW bis heute nicht, seinen Innenminister Herbert Reul (CDU) zu entlassen, und drohte dazu noch an, die Republik »wie NRW« regieren zu wollen – also autoritär und undemokratisch.

    Auch dass in Rezos Videos (2019 und 2021) die Klimafrage als zukunftsentscheidende Frage gewürdigt wird, ist berechtigt und notwendig. Wer über sie zu »Fridays for Future« stößt, wird merken, dass dort keineswegs »von der kapitalistischen Ausbeutung von Menschen und Natur« geschwiegen wird – was sich übrigens im Schlagwort der »Climate Justice«, der Klimagerechtigkeit, niederschlägt.

    Persönlich war »Die Zerstörung der CDU« 2019 der allererste Youtube-Beitrag, den ich im Leben sah. Ich war begeistert und sehnte den neuerlichen Beitrag im Blick auf die Wahlen förmlich herbei, bin auch noch gespannt auf den zweiten Teil. Immerhin gilt es leider noch immer, Herrn Laschet als Bundeskanzler zu verhindern und, wenn möglich, die Union auf den dritten Platz zu verweisen.
  • Leserbrief von Peer aus Bernau (24. August 2021 um 08:39 Uhr)
    Zugegeben, ich mag Rezo, auch wenn ich aufgrund meines Alters vermutlich nicht zur Hauptzielgruppe dieses Youtubers gehöre. Trotzdem würde es mich vermutlich nicht weiter interessieren, wenn irgendwo ein kritischer Kommentar geschrieben wird, auch nicht, wenn es auf einer Seite geschieht, auf der ich gerne mal stöbere und mich informiere. Wir haben ja zum Glück alle unterschiedliche Meinungen. Die Frage am Ende: »Nur, was soll es daraus lernen?«, finde ich an dieser Stelle aber etwas verfrüht, weist Rezo in dem Video doch mehrmals darauf hin, dass das veröffentlichte Video Teil 1 von 2 ist. Somit könnte diese Frage durchaus noch beantwortet werden.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Simon B. (23. August 2021 um 16:02 Uhr)
    Lieber Genosse Greve! Da ich dies schreibe, wurde das besagte Rezo-Video bei YouTube 1.793.322mal aufgerufen, und darunter wurden 28.261 Kommentare hinterlassen. Die junge Welt verkauft täglich 23.400 Exemplare, hat angeblich drei Millionen Websiteaufrufe pro Monat, und unter Ihrer Glosse stehen bislang drei Wortmeldungen: Wir sind hier also unter uns. Das Zentralorgan einer freien deutschen Jugend trägt kein blaues Hemd, sondern blaue Haare. Volksverbunden, verständlich, auf Zukunft orientiert, der Humanität verpflichtet, also parteilich, wurde ein Beitrag mit kritischer Absicht unter eine Zielgruppe getragen, welche zu erreichen den Wahrheitsinhabern von der Torstraße nicht so flott gelingt – dort reicht man heute alten Wein in nicht vorhandenen Schläuchen (anderes wäre selbstverständlich möglich). Zwischen den Sätzen »Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist« und »Wir weinen ihnen keine Träne nach« liegen 80 Jahre. Die Geschichtsmühle mahlt, zwar langsam, doch sie mahlt – was ihrer Gewalt bis zum heutigen Tage widerstand, sieht in aktuellen Umfragen so aus: Sieben Prozent für eine deutsche Linkspartei. (...) Und so kommt es, dass, wer immer mit der gleichen Arroganz die immergleiche Wahrheit immergleich besitzt und sich dabei auf dem Kutschbock der historischen Entwicklung wähnt, von der Dialektik der Geschichte bestraft, beseitigt wird. »Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl« – wenn ihre Intellektuelle dazu übergehen, das Elend zu genießen, weil man so schön ist, so wahr und so gut und es ja alles irgendwie noch geht – wie hätten wir früher das genannt? Konservativismus? Klassenverrat, vielleicht? Rezo würde eventuell sagen: »Dann bist du inkompetent!«
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Matthias D. aus Berlin (23. August 2021 um 20:03 Uhr)
      Na ja, es gibt immer welche, denen alles zu anstrengend ist und deren Selbsthass sich an Niederlagen entzündet; die genussvoll jedem, der den Kampf aufnimmt, die Sinnlosigkeit seiner Bemühungen vorbuchstabieren. Linke erliegen diesem Hang gelegentlich, die Haltung war schon in der PDS verbreitet. Die Einzigartigkeit der jungen Welt erweist sich darin, dass sie diesem öden Masochismus nicht nachgibt. Nicht erweist sie sich – leider – bei ihrer Leserschaft, deren Briefe oft aufs Haar wie die der Spiegel-, Zeit- und Welt-Leser klingen. Denen kann natürlich auch Rezo Neues erzählen; ihr Öltank ist die große Zahl. M. Oehme
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Simon B. (24. August 2021 um 10:58 Uhr)
        Guten Tag, kann sein, dass ich Sie missverstehe, aber gemeint war keineswegs »Vorbuchstabieren der Sinnlosigkeit der Bemühungen« – im Gegenteil: Kritisiert wurde von mir der überhebliche Linksquietismus der sich selbst Genügenden: Hätte sie es sich mit dieser Haltung nicht längst sehr bequem gemacht, würde eine Linke, die es ernst meint, nicht in hohepriesterlicher Manier – »wir wissen schon« – auf »Produzenten fürs bürgerliche Feuilleton« herabblicken, sondern jene sehen, die Verbündete sind oder als Alliierte gewonnen werden könnten (und mit Blick auf Zielgruppe wie Sache gewonnen werden müssten). Aber offensichtlich reicht es eben, aus der Wahrheit zu sein, Folklore von der führenden Rolle zu pflegen und im Zweifel »Mikro aus!« zu trompeten.
  • Leserbrief von Conrad Fink aus Freiberg a. N. (23. August 2021 um 12:56 Uhr)
    Wer den dahinplätschernden themenfreien Wahlkampf aufmerksam beobachtet, stellt fest, dass mit dem Abschmieren der Umfragewerte für die CDU/CSU und Laschet letztere ihr Glück nun im Populismus suchen. Mit dem in den Wahlkampf katapultierten Slogan »2015 darf sich nicht wiederholen«, der neben Laschet mannigfaltig aus der CDU-Ecke tönte, will man der AfD das Wasser abgraben. Dass dieser Ausspruch falsch und beschämend ist, kümmert die Parteien mit dem »C« und auch die Öffentlichkeit nicht, die ohnehin weitgehend desinteressiert ist. In seiner Panik holt der glücklose Kandidat dann denn neoliberalen Knüppel aus dem Sack. Dabei hackt er auf dem Umweltschutz, den Bürgerrechten und bestehenden Gesetzen, welche die Teilnahme der Bevölkerung an politischen Entscheidungsprozessen stärken, herum und kündigt an, diese abzuschaffen. Unterstützung holt er sich dabei von dem amerikanischen Exzentriker und Milliardär Musk, der Laschet hier bereitwillig Schützenhilfe gibt. Auch in seinem jüngsten Interview kündigt er seinen Kampf gegen Demokratie und Bürgerrechte an. Er hofft, damit die Stimmung beim Wahlvolk zu treffen. Bei vielen Wählern kommt es gut an, wenn man auf der öffentlichen Verwaltung herumklopft und deren Zerschlagung fordert. Damit wollen die CDU/CSU und Laschet der FDP das Wasser abgraben. Konstruktive Ziele oder konkrete Vorschläge für Verbesserungen für das Land fehlen auf der ganzen Linie. Hauptsache Wählerstimmen – das Wohl des Volkes ist den Wahlkämpfern weitgehend Wurst. Es geht einzig um den Machterhalt.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (23. August 2021 um 10:22 Uhr)
    Hart und immer ein bisschen überspitzt: Die Union läutet ihren Wahlkampfauftakt ein, und Youtuber Rezo meldet sich zu Wort. Er platzt mit einem aktuellen politischen Rundumschlag in den etwas schwergängigen Wahlkampf. Zwar bekommen auch die Grünen seinen Unwillen zu spüren, so richtig in Wallung bringen den Blauschopf aber nach wie vor die Unionsparteien. Er stürzt sich auf die medialen Rohrkrepierer des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet und weiterer Akteure aus dem Kabinett. »Respektlosigkeiten und klare Unwahrheiten« prangert er an, garniert mit kleinen Filmeinspielern und Zitatschnipseln. Die Situation ist ernst, das versuchen die Spitzen von CDU und CSU nicht mehr zu beschönigen. Die Kanzlerpartei steht in Not: Die automatische Aboverlängerung fürs Kanzleramt wackelt. In der Unionsparteien wird längst nicht mehr darüber diskutiert, mit wem man gerne nach dem 26. September koalieren will, sondern darüber, ob die Union überhaupt in der Lage sein werde, diesbezügliche Ansprüche zu stellen. Vielleicht kann Laschet noch von Fehlern der Konkurrenz profitieren. Vielleicht bleiben am Ende auch Enttäuschte den Unionsparteien treu, um eine linke Mehrheit zu verhindern. Aber auf all diese Faktoren hat die Union kaum Einfluss. Ihr bleibt im Rennen um das Kanzleramt nicht mehr als das Prinzip Hoffnung.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Peter B. aus Kiel (22. August 2021 um 22:45 Uhr)
    Wenigstens erreicht Rezo Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen, die sich sonst kaum für das Thema Politik interessieren. Wenn der Autor dieses Artikels so eine Reichweite hätte, wäre den Linken in diesem Land sehr geholfen. Leider kommt hier auch nur Kritik an Rezo, anstatt aufzuzeigen, dass alle seine Beispiele korrekt sind. Wie will der Autor denn junge Menschen erreichen? Mach‘s bitte erst mal besser.

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