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Weltmarkt für Elektroautos

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Der letzte »Autogipfel« der Nochkanzlerin und Nochregierung fand am vergangenen Mittwoch statt. Der Öffentlichkeitsaufwand war relativ bescheiden, obwohl sich die Veranstaltung abspielte, während der Bundestagswahlkampf langsam in die heiße Phase überging. Der Anflug von Bescheidenheit ist allerdings schon das Positivste, was man über die Veranstaltung sagen kann. Ergebnis des Treffens: ein »Zukunftsfonds« im Volumen von einer Milliarde Euro, den die Süddeutsche Zeitung treffend als »milliardenschweres Abschiedsgeschenk« der Bundesregierung an die Autobranche bezeichnete. Das viele Geld soll zu je einem Drittel in »regionale Kooperation«, in »Digitalisierung« und »neue Antriebstechnologien« gesteckt werden. Der Fonds läuft bis 2025, bindet also die künftige Bundesregierung während ihrer Amtszeit. Nicht dass man Angst haben müsste, die künftige Regierung sei der Autoindustrie weniger gewogen als die noch amtierende. »Der Fonds steht«, sagte Finanzminister Olaf Scholz stolz und vertrauenerweckend, auch für den nicht unwahrscheinlichen Eventualfall, dass er doch nicht der nächste Kanzler sein wird.

Die Branche hat ein aufregendes »Krisenjahr« hinter sich. Die Bosse haben es geschafft, den beispiellosen Einbruch von Absatz und Produktion der edlen Produkte nicht nur zu überstehen, sondern auch positive Effekte aus der Krise zu erzielen. Dazu zählen erstens, dass die IG Metall schon im Januar des vergangenen Jahres, als Corona noch ein Fremdwort war, in der Tarifrunde die Waffen streckte und auf Lohnerhöhungen verzichtete. Zweitens, dass die Sozialversicherung mittels Kurzarbeitergeld in der mittlerweile bei Absatzdellen üblichen Weise den größten Teil der weiterlaufenden Personalkosten übernahm. Drittens, dass der Staat einen erklecklichen Teil der Investitionen für die Produktion von Elektroautos und Batterien im Rahmen seines Konjunkturprogramms bezahlt. Unterm Strich blieben den drei großen deutschen Autokonzernen trotz oder auch wegen der Krise ansehnliche Gewinne, die es erlaubten, ihren Eigentümern 2,4 (VW), 1,4 (Daimler) bzw. 1,2 Milliarden Euro auszuschütten.

Die Autobosse haben sich offensichtlich damit abgefunden, dass sie nach dem Ratschluss der EU ab 2035 keine mit Diesel oder Benzin betriebenen Neuwagen mehr verkaufen dürfen. Nur verhalten mäkelte die Chefin ihres Industrieverbandes VDA, Hildegard Müller, dass dieses »Verbrennerverbot« »unnötig und unklug« sei. Tatsächlich aber hat sich die Branche (Bosse und Gewerkschaft in trauter Einigkeit) darauf eingestellt, dass sie bis dahin in EU-Europa nur noch Elektroautos verkaufen kann. Die Gewerkschaft nimmt in Kauf, dass im Zuge der Umstellung 100.000 Stammbelegschaftsarbeitsplätze verlorengehen. Dass der Staat dabei für die notwendige Infrastruktur (Ladestationen und ausreichendes Zusatzangebot an Strom) sorgen und den Absatz von Elektroprivatfahrzeugen weiter fördern muss, steht offensichtlich fest. Nur so kommt der Inlandsmarkt mit den bisher beim Verbraucher ungeliebten und teuren Elektroautos in Schwung. Und nur dann können die teuren neuen Autos noch besser als bisher in aller Welt (auch in China) mit sattem Gewinn verkauft werden.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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