3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 16. September 2021, Nr. 215
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 21.08.2021, Seite 8 / Inland
Wer hat, der gibt

»Niemand hat sich seine Milliarden erarbeitet«

Bündnis ruft zu bundesweitem Aktionstag auf, fordert Umverteilung von Reichtum. Ein Gespräch mit Sophie Zechner
Interview: Kristian Stemmler
imago0124782194h.jpg
So lässt’s sich leben: Einwohner von Hamburg-Harvestehude haben ein vielfach höheres Einkommen als Bewohner der Arbeiterviertel der Hansestadt

Das Bündnis »Wer hat, der gibt« ruft für diesen Sonnabend zum zweiten bundesweiten Aktionstag auf. Was ist geplant?

Unter dem Motto »Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten« wird es in fast 20 Städten Demonstrationen und Aktionen geben. Genau lässt sich das nicht sagen, im vergangenen Jahr gab es spontane Aktionen, die wir gar nicht auf dem Schirm hatten. Momentan wissen wir von 18 Städten, in denen etwas stattfindet, darunter Berlin, Bremen, Göttingen, Leipzig Freiburg und Kiel. Wir erwarten Tausende Teilnehmer, allein in Hamburg rechnen wir mit 3.000 Demonstrierenden.

In der Hansestadt sind Sie im vergangenen Jahr durchs Reichenviertel Harvestehude gezogen. Wohin geht es diesmal?

Hamburg ist bekanntlich die Stadt mit den meisten Millionären im Land, deshalb haben wir da eine Auswahl von Nobelvierteln, die wir besuchen können. Diesmal geht es in die reichen Elbvororte, nach Blankenese, Nienstedten und Othmarschen. Die durchschnittlichen Einkommen dort betragen das Fünf- bis Achtfache von denen in Vierteln wie Billstedt und Wilhelmsburg. In den Elbvororten pflegt die Hamburger Oberschicht einen exklusiven Lebensstil, während sie von den Problemen des Alltags verschont wird. Dieser Welt der Reichen, in der nur wenige profitieren, stellen wir eine Welt der vielen entgegen.

Demonstriert das Bündnis in den anderen Städten auch in Nobelvierteln?

Das ist unterschiedlich. Wenn man sich zum Beispiel Städte im Osten ansieht wie Leipzig, da gibt es typische Luxusviertel meist gar nicht. In Berlin beginnt die Demonstration an der Vivantes Klinik Am Urban, weil dort die Beschäftigten vor einem Streik stehen.

Sie wollen nicht nur die Wohlhabenden konfrontieren, sondern haben auch ganz konkrete Forderungen. Welche sind das?

Es gibt drei Forderungsblöcke: Zum einen fordern wir eine progressive Steuerpolitik, die langfristig eine Umverteilung von oben nach unten sichert. Dazu gehört die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes für besonders hohe Einkommen und die effektive Besteuerung von Erbschaften. Zum zweiten wollen wir nicht, dass die Allgemeinheit die Kosten der Coronakrise bezahlen muss, während Aktionäre von Coronahilfen profitieren. Zum dritten stehen wir unter dem Stichwort »­Beyond profit« für einen sozialökologischen Umbau, der etwa die Reprivatisierung von Krankenhäusern oder Wohnungsunternehmen einschließt.

In der Pandemie haben Vermögende wie zum Beispiel der Lidl-Eigentümer Schwarz ihr Vermögen noch gesteigert.

Ja, wie befürchtet hat sich der finanzielle Notstand durch die Coronakrise verschärft. Das Vermögen deutscher Milliardäre wuchs um etwa 22 Prozent, rund 100 Milliarden Euro, während viele Menschen mit geringen Einkommen ihren Job verloren haben. Die Klasse der Reichen ist alleiniger Krisengewinner. Das konnte nur passieren, weil Zentralbanken Milliardenbeträge ausgezahlt haben. Es ist nicht mehr vermittelbar, warum jemand für einen Bürojob 20.000 Euro im Monat bekommt, während die Person, die das Büro putzt, in prekären Verhältnissen leben muss.

In der FAZ wurde Ihre Mobilisierung als »Aufruf zur Plünderei« bezeichnet. Wer sich von einer Attacke auf Vermögen volle Staatskassen und mehr Gerechtigkeit erhoffe, glaube auch an den »Mann im Mond«. Was sagen Sie dazu?

Getroffene Hunde bellen. Solche Vorwürfe sind komplett ideologisch aufgeladen. Dahinter stecken Mythen, wonach der Reichtum der Oberschichten nach unten »durchsickert« und letztlich alle profitieren. Uns wird oft entgegengehalten, reiche Menschen würden ja auch viel leisten, deshalb hätten sie sich den Luxus verdient. Aber Alleinerziehende mit drei Jobs, die versuchen, ihre Familien über Wasser zu halten, leisten mindestens genausoviel. Tatsächlich hat sich niemand seine Milliarden erarbeitet. Reichtum entsteht erst durch die Arbeit anderer, durch Erbe oder durch Spekulation.

Sophie Zechner ist Sprecherin von »Wer hat, der gibt«, ein Bündnis linker Gruppen und Einzelpersonen

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (22. August 2021 um 00:08 Uhr)
    Jede Gesellschaft hat die Parasiten, die sie verdient. Keine andere Spezies als der Mensch würde es zulassen, dass eine asoziale Minderheit von gerade mal ein Prozent ihrer Zeitgenossen den übrigen 99 Prozent die gemeinschaftlichen Ressourcen raubt. Die Guillotine war ein bemerkenswerter Versuch, dieses zu korrigieren, wurde aber leider nicht weiterentwickelt. Letztlich konnte sie aber auch nur sehr begrenzt wirksam sein, hat sie doch lediglich Symptome bekämpft, nicht aber die Ursachen beseitigt.

Ähnliche:

Regio:

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!