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Aus: Ausgabe vom 21.08.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Imperialismus

Planspiel Weltkrieg

US-Marinemanöver »Large Scale Exercise«: Mit Hightechwaffen und modernsten Strategien gegen Russland und China
Von Jörg Kronauer
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Das amphibische Transportschiff »USS John P. Murtha LPD 26« im Pazifik (»Large Scale Exercise«, 10.8.2021)

Die Vereinigten Staaten proben den nächsten Weltkrieg. »Large Scale Exercise« (LSE) heißt das weltumspannende Manöver, das am 3. August gestartet worden war und am vergangenen Montag zu Ende ging. Sein Übungsgebiet erstreckte sich über 17 Zeitzonen. Das Ziel: »eine Botschaft an Russland und China zu senden«, so beschrieb es vor kurzem das US-Militärblatt Stars and Stripes, »dass Amerika gleichzeitig Aggressionen an mehreren Fronten beantworten kann«. Das von der U. S. Navy unter Beteiligung von U. S. Marines durchgeführte Manöver solle beweisen, dass die Vereinigten Staaten die Kontrolle großer Meeresgebiete durch feindliche Streitkräfte überall verhindern könnten, parallel im Schwarzen Meer, im östlichen Mittelmeer sowie im Süd- und im Ostchinesischen Meer: So hatte es vorab James R. Holmes erläutert, ein US-Stratege vom U. S. Naval War College in Newport (Bundesstaat Rhode Island). Und weil man davon ausgehen darf, dass die USA ein Großmanöver nicht einfach bloß zum Spaß abhalten, ist spätestens jetzt klar: Washington hält einen Weltkrieg für möglich, den der Westen gegen Russland und China gemeinsam führt.

Die Dimensionen der Kriegsübung, die bereits für 2020 vorgesehen war, pandemiebedingt aber verschoben werden musste, waren gewaltig. »LSE 2021« bezog das Fleet Forces Command mit Sitz in Norfolk (Virginia, Operationsschwerpunkt Atlantik), die Naval Forces Europe mit Hauptquartier in Neapel sowie die Pacific Fleet mit Hauptquartier in Pearl Harbor (Hawaii) ein. Spezielles Gewicht lag auf der Abstimmung auf Kommandoebene; insgesamt nahmen mehr als 25.000 Militärs, 36 Kriegsschiffe und mehr als 50 virtuelle Einheiten teil. Sie entstammten neben der 6th Fleet (Hauptquartier Neapel) mit Zuständigkeit für Europa der 2nd (Norfolk/Virginia) und der 4th Fleet (Jacksonville, Florida) mit Zuständigkeit für den Nord- beziehungsweise Südatlantik, zudem der 3rd (San Diego, Kalifornien) sowie der 7th Fleet (Yokosuka, Japan) mit Zuständigkeit für den Ost- beziehungsweise Westpazifik. Eingesetzt wurden Kriegsschiffe jeder Art – von der Flugzeugträgerkampfgruppe um den atomgetriebenen Flugzeugträger »USS Carl Vinson« bis zum U-Boot. Und wenngleich die US-Militärs Detailangaben zu den Teilszenarien von »LSE 2021« zurückhielten – es wurden einige relativ neu entwickelte Einsatzstrategien und -taktiken ausprobiert.

Vorbild für »LSE 2021«, das am weitesten ausgreifende Marinemanöver der vergangenen 40 Jahre, war »Ocean Venture 81«. Die Kriegsübung sollte gleich im ersten Jahr der Amtszeit von US-Präsident Ronald Reagan deutlich machen, dass Washington auf den Weltmeeren in die Offensive zu gehen gedachte: Plante die Reagan-Administration, den Bestand der U.S. Navy auf 600 Kriegsschiffe hochzurüsten, so beraumte sie umgehend auch ein Marinegroßmanöver mit 120.000 Militärs, 250 Kriegsschiffen und mehr als 1.000 Flugzeugen aus 14 Staaten an; auch die Bundesrepublik war beteiligt. Ziel war nicht nur eine allgemeine Machtdemonstration, es ging den US-Planern darum, die Sowjetunion strategisch unter Druck zu setzen. Und dies geschah nun, indem die U.S. Navy und ihre Verbündeten während des über den gesamten Atlantik konzipierten Seemanövers aggressiv in Gewässer eindrangen, in denen sich die sowjetische Marine bis dahin recht sicher gefühlt hatte – nicht nur in das Europäische Nordmeer, sondern auch in die Barentssee. »Ocean Venture 81«, dem weitere offensive Seemanöver folgten, trug laut Einschätzung von US-Strategen zur finalen Schwächung der Sowjetunion bei.

Man mag Parallelen darin sehen, dass »Ocean Venture 81« die Barentssee ins Visier nahm, »LSE 2021« nun das Schwarze sowie das Süd- und das Ostchinesische Meer – sämtlich Gewässer unmittelbar vor den Küsten des Gegners, der dort in die Defensive gedrängt werden soll. US-Marinekreise weisen zudem darauf hin, dass »LSE 2021« – wie einst »Ocean Venture« – Hightechwaffen und modernste Strategien austestet. »LSE 2021« sollte allerdings erklärtermaßen auch eine schwere Scharte auswetzen, die Washington im Herbst vergangenen Jahres kassiert hatte. Damals hatten Kriegssimulationen (»War Games«), darunter die Simulation einer Schlacht um Taiwan, mit krachenden Niederlagen der US-Streitkräfte geendet. Hauptgrund sei gewesen, das räumte unlängst General John Hyten, der stellvertretende Generalstabschef der US-Streitkräfte, ein, dass das US-Militär fast unmittelbar den Zugang zu seinen Führungsnetzen verloren habe – durch Cyberangriffe oder durch Satellitenabschuss; ohne den gewohnten Zugang zu Information und Vernetzung habe man keine Chance auf Sieg gehabt. Bei »LSE 2021« sollten nun die ersten Konsequenzen daraus gezogen werden.

»LSE 2021« war ein Großmanöver allein der U. S. Navy und der U. S. Marines. Bei der Beschränkung auf die US-Streitkräfte bleibt es aber nicht: Einen Tag vor »LSE 2021« begann am 2. August »Large Scale Global Exercise« (LSGE) 2021 – gleichfalls ein Manöver mit Fokus auf der Kommandoebene, an dem auch die derzeit im Pazifik kreuzende britische Flugzeugträgerkampfgruppe um die neue »HMS Queen Elizabeth« sowie Kriegsschiffe der japanischen und der australischen Kriegsmarine teilnehmen. Es dauert noch bis zum 27. August an. Und: »Large Scale Exercise« war keine einmalige Marineübung – es ist der Name einer neuen Manöverserie. Die weltumspannenden Kriegsübungen sollen von nun an alle drei Jahre stattfinden. Für »LSE 2024« ist dabei die Einbindung auch verbündeter Streitkräfte geplant: Gegen China und Russland soll der Westen in geschlossener Front zu Felde ziehen. Ob sich auch die Bundesrepublik beteiligen wird, ist noch nicht bekannt.

Hintergrund: Propaganda mit Zeitfenster

Die US-Kriegsdebatte ist um ein neues Schlagwort reicher: das »Davidson Window«. Propagiert wird es etwa von Michael Gallagher, einem Abgeordneten der Republikaner aus dem US-Repräsentantenhaus. Es bezieht sich auf eine Äußerung von Admiral Philip Davidson im März vor dem Streitkräfteausschuss des US-Senats. Der scheidende Kommandeur des U. S. Indo-Pacific Command untermauerte seine Forderung nach drastischer Aufrüstung im Pazifik unter anderem mit der Behauptung, China werde Taiwan militärisch überfallen – und zwar »in den nächsten sechs Jahren«. Gallagher und andere antichinesische Hardliner erklären seither, es gelte, Gegenmaßnahmen zu treffen, bevor sich das Zeitfenster, das »Davidson Window« eben, schließe: Man müsse sich auf einen Krieg im Pazifik vorbereiten – »jetzt«.

Die Debatte nach außen getragen hat jüngst der ehemalige NATO-Oberbefehlshaber James G. Stavridis. Der Admiral a. D., ein unter Militärs renommierter Stratege, hat im März ein Buch publiziert, in dem er in Romanform einen künftigen Krieg zwischen den USA und der Volksrepublik beschreibt. Dieser eskaliert zum Atomkrieg; bei einem US-Angriff mit Nuklearwaffen auf Shanghai kommen in dem Roman mehr als 30 Millionen Menschen ums Leben. »Wir müssen uns alle gemeinsam vorstellen, wie schrecklich ein Atomkrieg ist, um ihn zu vermeiden«, hat Stavridis im Juni in der japanischen Tageszeitung Asahi Shimbun erklärt: »Das soll das Buch bezwecken.«

Äußerungen, die der Publikation folgten, stimmen freilich pessimistisch. Stavridis nannte den Roman »2034«. Das ist das Jahr, in dem laut seiner Einschätzung ein Krieg zwischen den USA und China droht. Viele seiner Offizierskollegen hielten das Szenario, das in dem Buch beschrieben wird, für sehr realistisch, berichtet Stavridis. Nur seine zeitliche Prognose stoße auf Kritik: Viel wahrscheinlicher sei es, dass der Krieg früher beginne, höre er immer wieder – 2026, vielleicht gar schon 2024. (jk)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gerhard R. H. aus Halberstadt (22. August 2021 um 19:26 Uhr)
    Die Vorgänge in Afghanistan, die Militärübungen im asiatisch-pazifischen Raum und an der Grenze zur Russischen Föderation dürfen nicht losgelöst voneinander, sondern müssen zwingend im Zusammenhang betrachtet werden. Wer da glaubt, dass der scheinbar »überhastete« Abzug der USA und ihrer Helfershelfer aus Afghanistan eine »Fehlentscheidung« sei, dass der größte Geheimdienst der Welt, die CIA mit all ihren Töchtern oder gar die »Five Eyes«, nichts von der Stärke der Taliban gewusst haben wollen, der glaubt auch, dass die Welt eine Scheibe, der Mond ein Eierkuchen und im Himmel Jahrmarkt ist. Nichts, aber auch rein gar nichts geschieht ohne Kalkül der Mächtigen in Washington, dem Pentagon, Langley und im NATO-Hauptquartier. Es sei die Frage erlaubt, ob es »Zufall« ist, dass die Taliban gerade jetzt diese Stärke aufweisen und mit martialischen Videos im Internet eben diese Stärke offen zur Schau stellen? Das will man nicht gewusst haben, wo doch heute dem »normalen« Bürger bis in seinen Kühlschrank spioniert werden kann? Kann es sein, dass eben genau diese Mächte, die im Schwarzen und im Südchinesischen Meer, in der Barentssee wie auch an der Westgrenze Russlands mit den Säbeln rasseln, nicht vielleicht doch weiterhin klammheimlich gemeinsame Sache mit denen machen, die sie schon einmal gegen die Sowjetunion finanziert, ausgebildet, ausgerüstet und in Stellung gebracht haben? Kein Geringerer als Peter Scholl-Latour verwies schon vor mehr als zehn Jahren darauf, dass der Krieg der USA in Afghanistan, weil auf Lügen basierend, nicht zu gewinnen sei und dass im weiteren Verlauf der Entwicklung das nächste Ziel die ehemaligen zentral-asiatischen Sowjetrepubliken seien, von wo aus zum Sprung nach Russland angesetzt werden könne. Wie wir wissen, heißen die strategischen Ziele Moskau und Beijing. Es ist also auch hier kein Zufall, daß die Russische Föderation gegenwärtig gemeinsame Militärübungen mit eben diesen Staaten durchführt, wie sie auch den Schulterschluss mit der VR China sucht und diesen auch suchen muss!
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (21. August 2021 um 11:36 Uhr)
    Die Vermessung der Ozeane erfolgt schon heute über Handels- und nicht mehr durch Militärschiffe. Die Containerschiffahrt steigert ihren Frachtraten immens, und drei Reedereiallianzen haben sich den Weltmarkt angeeignet. Die USA und Deutschland sind nicht dabei, sie haben keine eigenen Containerreedereien nennenswerter Größe. So stellt Burkhard Ilschner in Ihrer Zeitung am 10. August 2021 die Vermessung der Ozeane dar. Es ist unverständlich, warum die USA weiterhin statt auf eigene Handelsreedereien, wie China es zur Zeit betreibt (die Volksrepublik China ist, gemessen an den Bruttoregistertonnen, die größte Schiffsbaunation in Kürze geworden), immer noch auf die strategisch längst veralteten Militärschifffahrt setzt. Die US-Militärstrategen müssten genau wissen, dass mit einem Weltkrieg nichts mehr zu gewinnen ist! Ein Krieg der westlichen Mächte gegen China und Russland, sogar noch gleichzeitig: Das ist keine Perspektive, was Jörg Kronauer über »Large Scale Exercise 2021« explizit beschreibt, ist Hirngespinst und Selbstmord! China festigt seinen globalen Einfluss weitgehend mit ökonomischen Mitteln und beabsichtigt, sich auch Taiwan so zu einverleiben; militärisch beschränkt es sich vor allem auf defensive Aktivitäten etwa vor dem eigenen Haustür, wozu auch Taiwan zählt, und im Südchinesischen Meer. Moskau – auch in Ermangelung vergleichbarer wirtschaftlicher Stärke – greift hingegen militärisch etwas weiter aus, ein Beispiel ist sein Einsatz in Syrien, wodurch es den stärksten Vasallen der NATO, die Türkei, in Schach halten will. Was die weltweite Vermessung der Ozeane anbelangt, ist noch der Klimawandel von enormer Bedeutung. Wenn die arktischen Nordmeere um Russland eisfrei werden, dann gute Nacht, Suezkanal und Mittelmeer! Dann ist die derzeitige US-Strategie im Eimer.

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