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Aus: Ausgabe vom 20.08.2021, Seite 5 / Inland
Milliardenschäden

Geschäfte mit der Flut

Versicherungen wollen an Naturkatastrophen verdienen. Debatte um Pflichtversicherung gegen Elementarschäden
Von Steffen Stierle
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Profite mit dem Schaden: Konzerne denken über eine renditeträchtige Ausgestaltung von Versicherungen nach (Gmünd, 29.7.2021)

Das Hochwasser in Rheinland-Pfalz und NRW war keine Ausnahme, die Meldungen über Unwetterkatastrophen reißen nicht ab. Es stellt sich zunehmend die Frage, wie die regelmäßigen Milliardenschäden abgesichert werden können. Die Forderungen nach einer Pflichtversicherung werden lauter. Nun zeigen sich sogar die Versicherungskonzerne offen dafür – und werben für eine möglichst renditeträchtige Ausgestaltung.

Zuletzt hatte die Katastrophenflut vom Juli gezeigt, wie schlecht die Immobilienbesitzer in der BRD versicherungstechnisch aufgestellt sind: Während der Branchenverband GDV angibt, der versicherte Gesamtschaden belaufe sich auf rund fünf Milliarden Euro, plant die Bundesregierung bislang, 30 Milliarden in den Wiederaufbau zu stecken. Auch dieser Betrag dürfte den tatsächlich entstandenen Schaden nur teilweise abbilden. Die Versicherungsunternehmen spielen bei der Neuerrichtung der von Naturgewalten zerstörten Lebensräume also eine eher untergeordnete Rolle.

Schließlich hat nicht einmal die Hälfte der hiesigen Immobilienbesitzer ihr Hab und Gut gegen Elementarschäden versichert. In risikoreichen Lagen ist die Quote sehr niedrig. Das privatwirtschaftliche, profitorientierte Versicherungswesen scheitert an seiner eigenen Logik. Denn gerade dort wo Zerstörungen durch Hochwasser, Erdbeben, Hitzewellen und dergleichen besonders wahrscheinlich sind, sind die entsprechenden Policen besonders teuer. Nicht selten lehnen die Konzerne die Versicherung eines Gebäudes gegen Elementarschäden gänzlich ab, weil das Risiko zu hoch ist. So springt nach der Katastrophe der Staat ein. Und die Debatten um die Einführung eine Pflichtversicherung nehmen an Fahrt auf.

Die Versicherungsbranche war bislang gegen eine solche Lösung. Man scheute die Kosten, sorgte sich um die Sorgfalt der Hausbesitzer und wollte lieber den Staat zahlen lassen, wenn es richtig dick kommt. Doch angesichts in immer kürzeren Zeitabständen aufeinanderfolgender Katastrophen ist der Druck groß. So erfolgt allmählich ein Umdenken. Offenbar geht es vielen in der Branche nicht mehr darum, die Pflichtversicherung zu verhindern, sondern die Ausgestaltung entlang der eigenen Profitinteressen zu beeinflussen.

»Wir diskutieren im Gesamtverband der Versicherungswirtschaft sehr aktiv, wie Lösungsmöglichkeiten aussehen können«, sagte etwa HUK-Coburg-Vorstandsmitglied Jörg Rheinländer am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Man wolle die Politik dahin kriegen, »dass man ganz extreme Ereignisse verpflichtend absichert, also mit hohen Selbstbehalten. Zwischen diesen sehr hohen Schäden und den niedrigen könne man eine privatwirtschaftliche Lösung finden. Laut GDV sind 99 Prozent der Gebäude in Deutschland »versicherbar«. Offenkundig geht es darum im Spiel zu bleiben, wo es lukrativ ist. Die Pflichtlösung soll auf Extremfälle begrenzt werden, während hohe Selbstbeteiligungspflichten für die Versicherten die Kosten für die Konzerne im Zaum halten.

Auch das kapitalnahe Ifo-Institut hatte sich am Mittwoch für die Einführung einer Pflichtversicherung ausgesprochen – mit einer ähnlichen Zielrichtung wie der Branchenverband: Immobilienbesitzer in gefährdeten Lagen sollen demnach dennoch mehr zahlen müssen als jene mit Häusern in sichereren Lagen. Eine Pflichtversicherung mit politisch festgelegten Einheitsprämien hingegen würde »mehr Schaden als Nutzen bringen«, wetterten Ifo-Präsident Clemens Fuest und der Leiter der Dresdener Niederlassung, Marcel Thum, gegen Einschränkungen der Marktlogik auf Kosten der Rendite. »Wenn Schäden ausgeglichen werden, ohne dass Versicherungsprämien erhoben werden, deren Höhe den Risiken entspricht, fehlt der Anreiz, besonders gefährdete Gebiete zu meiden«, heißt es in einem am Mittwoch veröffentlichten Papier.

»Starkregen und Überflutungen, aber auch Stürme wird es aufgrund des menschengemachten Klimawandels zukünftig häufiger geben«, hatte im Juli die Kovorsitzende der Partei Die Linke, Susanne Hennig-Wellsow, argumentiert. Dagegen müssten sich »alle Menschen zu erschwinglichen Kosten versichern können«. Das sei heute nicht möglich, »weil Versicherungen für Gebäude in Risikolagen zum Teil sehr hohe Beiträge verlangen oder die Versicherung ganz ablehnen«. Auch aus den Reihen der SPD und der Grünen war nach der Flut die Forderung nach einer Pflichtversicherung lauter geworden, die auch die Absicherung von Schäden in Risikolagen ermöglicht.

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