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Aus: Ausgabe vom 18.08.2021, Seite 15 / Antifa
Linke Literatur attackiert

Anschlag auf Kulturgut

Berlin: Sachbeschädigungen an antifaschistischen Büchern in Zentralbibliothek. Auf Entsetzen folgt Solidaritätswelle
Von Markus Bernhardt
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Unbekannte schnitten im Bezirk Tempelhof-Schöneberg Seiten aus Werken linker Autorinnen und Autoren (Berlin, 13.8.2021)

Die perfiden Angriffe von ­extremen Rechten aus dem Spektrum sogenannter Reichsbürgerinnen und Reichsbürger nehmen an Dreistigkeit weiter zu. Am vergangenen Mittwoch hatte Boryano Rickum, Leiter der Stadtbibliotheken des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg, über den Kurznachrichtendienst Twitter öffentlich gemacht, dass es in der jüngsten Vergangenheit in der Zentralbibliothek des Bezirks zu Sachbeschädigungen an Büchern von Antifaschistinnen und Antifaschisten sowie linken Autorinnen und Autoren gekommen war. Betroffen von der Zerstörungswut seien unter anderem Werke von Wolfgang Wippermann (»Denken statt denkmalen: Gegen den Denkmalwahn der Deutschen«), Lou Zucker (»Clara Zetkin – eine rote Feministin«), Patrick Stegemann und Sören Musyal (»Die rechte Mobilmachung: Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen«) sowie Andreas Speit (»Völkische Landnahme: Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos«) gewesen. Die Bücher waren bereits im Juli zerschnitten auf der Toilette der Bibliothek gefunden worden. Am 27. Juli habe man Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet.

»Zunehmende Agressivität«

Matthias Steuckardt (CDU), zuständiger Bezirksstadtrat für Kultur, hatte dem Tagesspiegel die Sachbeschädigungen bestätigt und über anhaltende Probleme mit extremen Rechten berichtet. So komme es bereits seit Jahren zu Schmierereien in den Innenräumen der Bibliothek, wo auch immer wieder Flyer »aus dem rechten Spektrum« gefunden würden. Auch auf dem Gehweg vor der Einrichtung hätten Rechte öfter Schmierereien hinterlassen. »Die zunehmende Aggressivität dieser Angriffe« bezeichnete Steuckardt am vergangenen Donnerstag gegenüber dem Blatt als »schockierend«. Bibliotheken seien »Leuchttürme des Wissens und der Freiheit«, die es zu verteidigen gelte. »Wir werden uns den Feinden der Demokratie gemeinsam und entschlossen entgegenstellen«, kündigte der CDU-Politiker an.

Die Sachbeschädigungen an den Büchern führten unterdessen offensichtlich zum Gegenteil von dem, was sich die Täter erhofft haben dürften. Weit über die Stadtgrenzen Berlins hinaus gab es eine Welle der Solidarität mit der Bildungs- und Kultureinrichtung. Der Deutsche Bibliotheksverband (DBV) zeigte sich auf Twitter »fassungslos und schockiert über die mutwillige Zerstörung linker Literatur in der Bezirksbibliothek in Berlin Tempelhof«. Bibliotheken seien »Orte der Demokratie und der Informationsfreiheit« und müssten als solche geschützt werden.

Am Dienstag mischte sich auch die Berliner Linke-Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch in die anhaltende öffentliche Debatte ein. »In der Zentralbibliothek des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg sind Bücher mutwillig zerstört worden. Menschen, die so etwas tun, haben Angst vor der Wahrheit«, meinte Lötzsch gegenüber jW. »Sie wollen sich nicht mit Andersdenkenden intellektuell auseinandersetzen. Sie wollen die Wahrheit zerstören, um ihre menschenfeindlichen Theorien zu verbreiten.« Das sei nichts Neues. »Das haben die Nazis schon 1933 getan. Sie haben auf dem Bebelplatz in Berlin und in 21 weiteren Universitätsstädten Bücher verbrannt. Trotzdem ist es ihnen nicht gelungen, die Wahrheit aus den Büchern auszulöschen«, erinnerte die Linke-Politikerin.

Aufstand ausgeblieben

Auch aus diesem Grund veranstalteten die Linke-Bundestagsfraktion und davor die Linke-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus nunmehr seit mehr als 25 Jahren das »Lesen gegen das Vergessen« auf dem Bebelplatz. »Wir lesen aus Büchern von Autorinnen und Autoren, die von den Nazis verboten wurden. Doch sie haben nicht nur Bücher verbrannt. Sie haben auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller getötet und aus dem Land verjagt. Wenn wir eine Wiederholung dieser Barbarei verhindern wollen, dann müssen wir jetzt handeln«, forderte Lötzsch. Der »Aufstand der Anständigen« dauere schon viele Jahre, ein Aufstand der Zuständigen sei hingegen bisher ausgeblieben.

»Im Gegenteil, wir müssen feststellen, dass immer häufiger Staatsbedienstete, die eigentlich unsere Verfassung verteidigen müssten, unverhohlen faschistisches Gedankengut teilen«, sagte sie. »Der Fisch stinkt immer zuerst vom Kopf her. Eine Kanzlerin, die 16 Jahre regiert hat, muss sich die Frage stellen, was sie gegen diesen Rechtsruck getan hat. Die Kanzlerin sollte zusammen mit der ganzen Bundesregierung ein Zeichen setzen und der Bibliothek in Tempelhof-Schöneberg einen Solidaritätsbesuch abstatten«, forderte Lötzsch am Dienstag.

Bibliotheksleiter Rickum sprach sich hingegen dafür aus, die Bücher der betroffenen Autorinnen und Autoren nun erst recht zu lesen. »Lasst uns gemeinsam aus diesem Vorfall einen wunderschönen Akt prodemokratischer Bewusstseinsbildung machen, indem wir Bücher lesen und reflektieren, statt sie zu zerstören«, schrieb er auf Twitter.

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