Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Donnerstag, 21. Oktober 2021, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 16.08.2021, Seite 2 / Inland
Asylpolitik

»Sie wollen mich politisch abstrafen«

BAMF droht Geflüchtetenaktivisten mit Abschiebung. Behörde unterstellt erfundene Fluchtgeschichte. Ein Gespräch mit Alassa Mfouapon
Interview: Kristian Stemmler
Fluechtling_klagt_ge_68423986.jpg
Klagt gegen Polizeieinsatz in Ellwangen: Alassa Mfouapon vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart (18.2.2021)

Sie sind Aktivist beim »Freundeskreis Flüchtlingssolidarität in SI«. Nun ist Ihr Asylantrag abgelehnt worden. Wann haben Sie diese Mitteilung erhalten?

Am Freitag vergangene Woche kam das Schreiben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, BAMF, bei der Kanzlei meines Rechtsanwalts an. Ich soll innerhalb einer Woche das Land verlassen, sonst würde ich abgeschoben.

Mit welcher Begründung hat das Bundesamt den Antrag abgelehnt?

Es wurden mehrere Gründe genannt, warum mein Antrag »offensichtlich unbegründet« ist. Sie glauben meine Angaben nicht, behaupten einfach, das sei eine erfundene Geschichte. So sagen sie, mein »angeblicher Sohn« sei »angeblich ertrunken« im Mittelmeer, was aber »nicht glaubhaft« sei. Auch die Folter in Libyen soll ich nur erfunden haben. Als Vorwand nehmen sie, dass sie meiner Exfrau unterstellen, sie habe mal irgendwo gesagt, zu dieser Zeit schon in Italien gewesen zu sein. Sie wissen aber genau, dass ihr Fingerabdruck erst später bei der Einreise nach Italien genommen wurde. Die Argumente sind an den Haaren herbeigezogen. Sie wollen mich einfach politisch abstrafen, weil ich mit meinen Freunden und Genossen Erfolge gegen Innenminister Horst Seehofer und seine rechte Flüchtlingspolitik errungen habe.

Sie waren in Ihrer Heimat Kamerun wegen einer »religiös gemischten« Ehe verfolgt worden und haben das Land 2014 verlassen.

Ja, so war es, aus Gründen der Religion und Tradition. Meine Exfrau ist Christin, und ich bin muslimischen Glaubens. Das BAMF stellt Kamerun als sicheres Herkunftsland dar. Sie leugnen einfach, dass es dort kriegerische Konflikte gibt.

Beim Protest gegen die Polizeirazzia in der Landeserstaufnahmeeinrichtung Ellwangen im Mai 2018 waren Sie einer der Sprecher, sind inzwischen ein landesweit bekannter Flüchtlingsaktivist. Glauben Sie, dass das eine Rolle spielt?

Ja, sicher. Es geht darum, mich loszuwerden. Ich bin ja kein normaler Flüchtling in dem Sinne. Ich bin Sprecher des »Freundeskreises Flüchtlingssolidarität in SI«, habe 2020 erfolgreich die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel wegen falscher Behauptungen über mich verklagt, vorher schon die Bild-Zeitung. Auch meine Klage gegen das Land Baden-Württemberg wegen des Einsatzes in Ellwangen habe ich in weiten Teilen gewonnen.

Sie vermuten also, dass die Entscheidung des BAMF politische Gründe hat.

Genau das glaube ich. Die Ablehnung meines Antrags entspricht der Politik der Bundesregierung, alle Asylanträge von Flüchtlingen aus Afrika abzulehnen. Immer mit der Begründung, ihre Heimatländer seien »sichere« Herkunftsstaaten. Ich habe erst vor kurzem mit anderen Flüchtlingen aus Afrika gesprochen, die jetzt mit einer ähnlichen Begründung abgeschoben werden sollen. Wenn Kamerun ein »sicheres« Land ist, warum fliehen die Menschen dann? Warum setzt sich jemand, wie ich es getan habe, in ein Boot und riskiert auf dem Mittelmeer sein Leben, wenn er in seinem Land »sicher« leben kann?

Gehen Sie juristisch gegen die Ablehnung Ihres Asylantrags vor?

Meine Anwälte haben Berufung gegen den Bescheid eingelegt, weil die Fluchtgründe falsch bewertet worden sind. Dann stellen sie gerade noch einen Eilantrag ans Gericht in Sigmaringen.

Sie werden von vielen Seiten unterstützt. Wie sieht das konkret aus?

Auf der Homepage des Freundeskreises und unter unserer Mailadresse sind schon zig Solidaritätsschreiben angekommen, zum Beispiel von den Flüchtlingsräten Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Die Montagsdemo in Gelsenkirchen hat kurzfristig eine Protestaktion angesetzt, zu der 80 Menschen gekommen sind, auch meine Arbeitskollegen von der Mediengruppe Neuer Weg. Die Solidarität ist groß.

Bereuen Sie es, dass Sie damals nach der Razzia in Ellwangen am 3. Mai 2018 als Sprecher der Geflüchteten aufgetreten und auch später gegen die Behörden vorgegangen sind?

Nein, auf keinen Fall. Wenn ich wieder in einer solchen Situation wäre, würde ich ganz genau dasselbe tun. Damals in Ellwangen hat uns die Polizei mitten in der Nacht ohne jede Rechtsgrundlage überfallen, Leute aus den Betten gerissen und durchsucht. Es ging und geht dabei um Menschenrechte, das ist für mich unverhandelbar.

Alassa Mfouapon aus Kamerun kam 2014 in die BRD und ist Sprecher des »Freundeskreises Flüchtlingssolidarität in SI«

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • Möglichst unauffällig: Landesweite Sammelabschiebung am Baden-Ai...
    04.08.2021

    EGMR stoppt Abschiebung

    Verfügung gegen geplanten Flug von Österreich nach Afghanistan. EU-Gericht verweist auf Sicherheitslage. BRD hält an Praxis fest
  • Gefahrengebiet: Polizeieinsatz in der Landeserstaufnahmeeinricht...
    19.02.2021

    Flüchtling verklagt Staat

    Kameruner vor Gericht gegen Land Baden-Württemberg wegen Polizeieinsatzes in Ellwangen 2018
  • Kampagnen lohnen sich: Logo von Bild Plus, der Abovariante der d...
    09.01.2019

    »Bild hat gezielt falsch berichtet«

    Boulevardblatt will im Fall Alassa M. mit Diffamierung und Kriminalisierung ein Exempel statuieren. Gespräch mit Frank Stierlin

Regio: