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Aus: Ausgabe vom 14.08.2021, Seite 1 / Titel
Arbeitskampf

GDL bleibt in Fahrt

Tarifkonflikt: Lokführergewerkschaft zieht positive Streikbilanz. Politischer Gegendruck nimmt zu. Protestkundgebung der Bahner in Berlin angekündigt
Von Oliver Rast
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Mitten im Pulk protestierender Mitglieder – Gewerkschaftschef in Aktion (Berlin, 11.8.2021)

Sein Blick ist entschlossen, seine Stimme fest: Claus Weselsky trat am Freitag in Berlin vor Journalisten. Der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bilanzierte den zweieinhalbtägigen Arbeitskampf seiner Aktiven. »Die Eisenbahner haben Flagge gezeigt«, mehr noch, »dem Arbeitgeber samt Agitpropabteilung Paroli geboten«, sagte er zu Beginn der Pressekonferenz. Er lasse sich den großen Erfolg des Streiks bei der Deutschen Bahn (DB) nicht kleinreden. Schließlich stand nicht nur der Personen- und Güterverkehr gebietsweise komplett still. Zu Arbeitsniederlegungen kam es ferner in den Werkstätten und den Stellwerken – »auch in der DB-Verwaltung«, betonte Weselsky.

Und die Gegenseite? Nur rund 5.400 der insgesamt 19.700 Lokführer hätten sich am Ausstand beteiligt, sagte ein DB-Sprecher am Freitag gegenüber dpa. Und bei den Zugbegleitern rund 1.800 von 12.000 Beschäftigten. Fazit aus Bahn-Sicht: »Die GDL hat ihr Arbeitskampfziel nicht erreicht.« Taschenspielertricks, befand Weselsky vor den Pressevertretern. Er nannte ein Beispiel: Etwa zwei Drittel der Lokführer waren gar nicht im Dienst. Sie hatten Ruhezeiten oder Urlaub.

Dennoch, der Streik, ein Flop? Wohl kaum. Belege liefert die DB selbst. Deren Sprecher teilte mit, während des Streikhöhepunktes von Mittwoch morgen bis Freitag morgen seien in den Regio-Netzen rund 40 Prozent der Züge unterwegs gewesen, im Fernverkehr etwa 25 Prozent. Viel Ausfall also. Mehr noch: »Auch das Versprechen eines stabilen Ersatzfahrplans hat die DB gebrochen«, sagte Weselsky.

Es ist ein Streik mit Vorlauf. Im Juni hatte die GDL die Tarifgespräche nach vier Runden für gescheitert erklärt. Die Konfliktpunkte: Laufzeiten eines Vertragsabschlusses, Zeitpunkte der Entgelterhöhungen, Schutz der Betriebsrenten und nicht zuletzt Tarifverträge für alle GDL-Mitglieder. Dabei tritt die GDL moderat auf. Sie fordert ein Einkommensplus von 3,2 Prozent bei 28 Monaten Laufzeit und eine Coronaprämie von 600 Euro. Blaupause ist der jüngste Tarifabschluss des öffentlichen Dienstes. Fakt ist: Sollte die GDL ihre Forderungen durchsetzen, bliebe unter dem Strich immer noch ein Reallohnverlust. »Müssten Sie angesichts einer Inflationsrate von knapp vier Prozent nicht drauflegen, Herr Weselsky?« fragte jW nach. »Eigentlich ja, mindestens einen Inflationsausgleich.« Nun sei der Forderungskatalog indes fix. Auch die Beschäftigten akzeptierten, so Weselsky, »dass wir uns am Level des öffentlichen Dienstes orientieren«.

Gegendruck für rebellische Bahner gibt es trotzdem. Einige Parlamentarier bezichtigen die GDL, einen »illegalen politischen Streik« zu führen, der Bahnbeauftragte der Bundesregierung, Enak Ferlemann (CDU), etwa. Und der Chef der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Klaus-Dieter Hommel, meinte am Freitag, der GDL fehle es an »Augenmaß«, sie wolle den Bahn-Konzern schwächen. Susanne Ferschl, Vizevorsitzende der Bundestagsfraktion von Die Linke, sagte hingegen gleichentags gegenüber jW: »Die in der GDL organisierten Beschäftigten haben durch den Streik ihrer Forderung nach mehr Lohn wirksam Ausdruck verliehen.«

Wie geht es weiter, Herr Weselsky? »Am Dienstag protestieren wir auf dem Potsdamer Platz in Berlin«. Vis-a-vis dem DB-Tower. Und weitere Streiks? »Wir verlangen ein verbessertes Angebot seitens des DB-Managements.« Erst dann werde weiterverhandelt. Falls das nicht kommt? »Arbeitskampfmaßnahmen, zeitnah nach der Protestkundgebung«, versicherte der GDL-Chef. Denn die Wut der Eisenbahner wachse, stündlich.

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