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Aus: Ausgabe vom 13.08.2021, Seite 12 / Thema
Revolutionärer Kriegsgegner

Diener des Proletariats

Vor 150 Jahren wurde Karl Liebknecht geboren. Ihn prägten Herkunft und der Kampf gegen die Kriegspolitik des deutschen Kaiserreichs
Von Arnold Schölzel
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Seine Losung »Burgkrieg, nicht Burgfrieden!« wurde zur Parole der radikalen Kriegsgegner: Karl Liebknecht beim Verlassen des Parlaments in Berlin (Foto undatiert)

Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. (1797–1888) im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles von Duodezfürsten und Hofschranzen zum deutschen Kaiser ausgerufen. Die Bevölkerung nannte ihn seit 1848 »Kartätschenprinz«, nachdem das Militär in Berlin ein Massaker unter revolutionären Demonstranten angerichtet hatte. Das sogenannte zweite Deutsche Reich war durch den Beitritt der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund bereits am 1. Januar 1871 entstanden. Gefeiert wurde aber fortan am 18. Januar, um das besiegte Frankreich zu demütigen. Dessen Großbourgoisie überließ den deutschen Klassengenossen das Elsass und große Teile Lothringens, zahlte eine Kontribution von fünf Milliarden Goldfrancs und durfte dafür gemeinsam mit den deutschen Truppen die Pariser Kommune niederschlagen. Das deutsche Kaiserreich, fasste Karl Marx 1875 zusammen, sei »nichts andres als ein mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem Beisatz vermischter und zugleich schon von der Bourgeoisie beeinflusster, bürokratisch gezimmerter, polizeilich gehüteter Militärdespotismus«.

Am 13. August 1871 wurde Karl Liebknecht in Leipzig als zweiter von fünf Söhnen Wilhelm Liebknechts (1826–1900) und dessen zweiter Ehefrau Natalie, geborene Reh (1835–1909), in diesen Staat hineingeboren. Als er am 15. Januar 1919 von kaisertreuen Soldaten und Sozialdemokraten ermordet wurde, lag das Ende der Monarchie zwei Monate zurück. Er selbst hatte sie mit zu Grabe getragen und am 9. November 1918 von einem Portal des Berliner Hohenzollern-Stadtschlosses aus die »Freie Sozialistische Republik Deutschland« ausgerufen. In heutigen Darstellungen gibt es oft nur die Proklamation der »freien deutschen Republik« durch den SPD-Reichstagsabgeordneten Philipp Scheidemann (1865–1939) aus einem Fenster des Reichstags.

Die DDR ehrte Karl Liebknecht unter anderem durch die Rettung und Restaurierung des Portals des Stadtschlosses. Es wurde in das 1964 eröffnete Gebäude des DDR-Staatrats einbezogen. Vom gleichen Portal aus hatte Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) am Abend des 1. August 1914 den Krieg gegen Russland verkündet. Er hatte den Sozialdemokraten »Vergebung« erteilt und behauptet, er kenne »keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr«, statt dessen seien »wir (…) alle heute deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder«.

Karl Liebknechts Leben dauerte so lang wie dieses Reich, das Otto von Bismarck (1815–1898) mit »Blut und Eisen« zusammengezimmert hatte. Es stand nach innen stets in latentem Bürgerkrieg mit der Arbeiterbewegung, nach außen beanspruchte es aggressiv einen »Platz an der Sonne«. Analogien zu heute ergeben sich zwangsläufig.

Der Revolution erliegen

Karl Liebknechts Vater Wilhelm gehörte gemeinsam mit August Bebel (1840–1913) seit den 1860er Jahren zu den Begründern und Führern der marxistischen deutschen Sozialdemokratie. Er entstammte einer Gelehrtenfamilie, nahm an der Revolution von 1848 teil und wurde im Exil von Marx und dessen Familie in London aufgenommen. Als Karl geboren wurde, stand er gemeinsam mit Bebel an der Spitze der sogenannten Eisenacher, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (SDAP), einer der Vorläuferparteien der 1875 gegründeten SPD.

Am 21. Juli 1870 enthielten sich Wilhelm Liebknecht und Bebel mitten in einer Welle chauvinistischer Hysterie der Stimme bei der Bewilligung der Kredite für den Deutsch-Französischen Krieg, am 28. November lehnten sie weitere ab. Den Hochverratsprozess im März 1872 nutzten sie zu politischen Auftritten. Liebknecht sagte dort zur Zukunft des Deutschen Reichs: »Ein Staat wie das Bismarcksche Preußen-Deutschland ist durch seinen Ursprung mit fatalistischer Notwendigkeit dem gewaltsamen Untergang geweiht. (…) Auf dem Schlachtfeld geboren, das Kind des Staatsstreichs, des Krieges und der Revolution von oben, muss es ruhelos von Staatsstreich zu Staatsstreich, von Krieg zu Krieg eilen und entweder auf dem Schlachtfeld zerbröckeln oder der Revolution von unten erliegen.« Das Gericht verurteilte ihn und Bebel zu je zwei Jahren Festungshaft.

Das Verbot der SPD durch das Sozialistengesetz traf die Liebknechts 1878 besonders hart. Heinz Wohlgemuth schrieb in seiner Biographie Karl Liebknechts 1975, bei diesem habe das alles »tiefe Spuren« hinterlassen. Die Wohnung war Treffpunkt von Genossen. Gendarmen tauchten öfter auf, 1881 erlebte er, wie Bebel und sein Vater aus Leipzig, über das der »kleine Belagerungszustand« verhängt worden war, ausgewiesen wurden. Sie zogen gemeinsam nach Borsdorf vor den Toren der Stadt. Natalie Liebknecht blieb mit den Kindern, die den Schulbesuch nicht unterbrechen sollten, weiter in Leipzig, am Wochenende und in den Ferien besuchte die Familie die »Villa Liebknecht«, ein zerfallenes, kaltes und feuchtes Landhaus, in dem für die siebenköpfige Familie vier Betten zur Verfügung standen. Kohlen waren zu teuer, so dass die Kinder Reisig zu sammeln hatten.

Auch dieses Haus wurde zu einem Zentrum der illegalen Parteiarbeit. 1904 berichtete Karl Liebknecht: »Unter dem Sozialistengesetz, es mag Mitte der 80er Jahre gewesen sein, erschien eines Tages eine Deputation ostpreußischer Landarbeiter bei meinem Vater im Exil in Borsdorf. Sie legten ihm ihre jammervolle Lage ans Herz und baten ihn, er möge doch bei dem deutschen Kaiser ein gutes Wort für sie einlegen, damit ihre Verhältnisse gebessert würden. Es kam in der Unterhaltung mit diesen braven, biederen Leuten ein wahrer Kinderglaube an die Sozialdemokratie, ein wahrer Erlöserglaube, in geradezu überwältigender Weise zum Ausdruck.«

Die Geächteten

Karl Liebknecht besuchte von 1878 bis 1881 zunächst eine Bürgerschule in Leipzig und ab 1881 das Nicolai-Gymnasium. Ferien wurden oft in den Familien befreundeter SPD-Funktionäre verbracht. Das besagte aber auch: Die Familie blieb relativ isoliert oder, wie Natalie Liebknecht 1889 an Engels schrieb: »Wir sind bei dem großen Publikum die Geächteten, nur wenige Freunde haben den Mut, mit uns zu verkehren.«

Als Karl im März 1890 sein Abitur ablegte, war kurz zuvor das Sozialistengesetz gefallen und Bismarck zum Rücktritt gezwungen worden. Am 20. Februar 1890 hatten Reichstagswahlen stattgefunden, bei denen die SPD mehr als 20 Prozent der Stimmen erhielt. Wilhelm Liebknecht übernahm die Chefredaktion des Parteizentralorgans Vorwärts in Berlin. Karl immatrikulierte sich am 16. April 1890 an der Leipziger Universität und am 17. Oktober an der heutigen Humboldt-Universität in Berlin für Rechtswissenschaften. Weil sich Studenten nicht sozialdemokratisch betätigen konnten, nahm er an SPD-Versammlungen nur heimlich teil. Nachdem er sein Abschlusszeugnis erhalten hatte, wurde ihm eine Referendarstelle verweigert: Er sei noch sächsischer Untertan. Engels kommentierte: »Man verzeiht ihm bürokratischerseits nun einmal seinen Vater nicht.«

Als die Hürden überwunden waren, folgte die Einberufung zum einjährigen Wehrdienst. Mitte 1897 promovierte Karl Liebknecht an der Universität Würzburg mit dem Thema »Compensationsvollzug und Compensationsvorbringungen nach gemeinem Recht«, das Prädikat lautete »magna cum laude«. Am 5. April 1899 bestand Karl Liebknecht die große Staatsprüfung zum Gerichtsassessor mit »gut«, ließ sich umgehend aus dem Staatsdienst entlassen und trat als Rechtsanwalt in die Kanzlei seines Bruders Theodor (1870–1948) ein. Das hatte die Familie so geplant. Theodor, der in den 20er Jahren zeitweilig die USPD leitete, sollte sich unter dem Kaiser aus der Politik heraushalten und Geld verdienen.

Ende der Enthaltsamkeit

Die Zeit der politischen Enthaltsamkeit für Karl Liebknecht aber war vorbei. Noch im Sommer 1899 trat er in SPD-Wahlvereinen auf, zum Beispiel am 19. September mit dem Vortrag »Kommunismus und Frauenrecht in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit«. Der war mehr philosophisch als politisch und stieß unter den Anwesenden offenbar auch auf Widerspruch, erregte aber bereits die Aufmerksamkeit der Berliner Politischen Polizei.

Sehr rasch wurde Karl Liebknecht, der im Mai 1900 Julia Paradies (1873–1911) heiratete, öffentliche Person. Ein Grund war die Kriegspolitik des deutschen Imperialismus, gegen die er auftrat. Im Reichstag verkündete Reichskanzler Bernhard von Bülow (1849–1929), der zwei Jahre zuvor die Wendung »Platz an der Sonne« geprägt hatte, im Dezember 1899 »Weltpolitik«: Die Zeiten politischer Ohnmacht und Demut seien vorbei, ein starkes Heer und eine starke Flotte Vorbedingung für die Wohlfahrt des deutschen Volkes. Neun Tage vor der »Hunnenrede« des Kaisers am 27. Juli 1900 in Bremerhaven protestierte Karl Liebknecht auf einer Volksversammlung in Magdeburg gegen das militärische Eingreifen in China. Den Schaden solcher Interventionen trage vor allem die Arbeiterklasse. Er selbst sei noch jung und ohne Erfahrung, aber das Schicksal habe ihn dazu geschmiedet, »dem Proletariat zu dienen«.

Linker »Hitzkopf«

Am 7. August 1900 starb Wilhelm Liebknecht. Bis zu 150.000 Menschen folgten am 12. August dem Trauerzug zum seither so genannten »Friedhof der Sozialisten« in Berlin-Friedrichsfelde, Hunderttausende säumten den Weg. Es war eine Demonstration, wie sie Berlin noch nicht erlebt hatte. Wenige Tage später trat Karl Liebknecht der SPD bei und war von da an rastlos für die Partei als Redner tätig – mit großer Resonanz: am 11. November 1900 in Leipzig zu »Weltmachtpolitik und Sozialpolitik von oben«, am 15. Mai 1901 in Potsdam zu »Die Sozialdemokratie und die bürgerlichen Parteien« vor 400 Zuhörern – um nur zwei Beispiele zu nennen. Bei einer Volksversammlung am 26. August zu einem Kriegsgerichtsverfahren gegen zwei Unteroffiziere, die einen vorgesetzten Offizier, einen Menschenschinder, erschossen haben sollen, nannte der Polizeibericht 3.000 Besucher, der Vorwärts 5.000. Tausende fanden keinen Einlass.

Manchen in der SPD-Führung passte nicht, dass Liebknecht sich auf seiten der Linken in der SPD engagierte. Sie forderten Bebel auf, den »Hitzkopf« zu zügeln. Der dachte nicht daran, und 1902 wurde Liebknecht mit großem Stimmzuwachs für die SPD in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er bis 1913 angehörte.

Unter den Freunden Eduard Bernsteins (1850–1932) auf dem rechten Flügel der Partei machte er sich weiter Feinde. Als der französische Sozialist Jean Jaurès zur Verteidigung des sogenannten Millerandismus, das heißt der Beteiligung von Sozialisten an bürgerlichen Regierungen, einen aus dem Nachlass veröffentlichten Artikel Wilhelm Liebknechts heranzog, veröffentlichte Karl Liebknecht im theoretischen Organ der SPD Die Neue Zeit 1902 einen Artikel, in dem er sich mit der »immer noch modernen ›revisionistischen‹ Aufkläricht-Suppe« auseinandersetzte, insbesondere der Gegenüberstellung von »Demokratie« und »Diktatur des Proletariats«. Die Revisionisten setzten mit wahrem Gottvertrauen »auf eine mystische Wunderkraft, genannt ›Demokratie‹«. Sie unterschätzten aber den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie, zwischen Sozialismus und Kapitalismus und hofften deswegen »auf friedlich glatte Entwaffnung und Gewinnung der Bourgeoisie« durch »Überredung«.

Das friedliche Hineinwachsen in den Sozialismus sei eine Illusion, und die Demokratie könne schon deswegen nicht als Allheilmittel gelten, »weil sie vorläufig in gewissem Sinne noch von der Gnade der herrschenden Klasse abhängt«. Vielmehr müsse das Endziel »stets und überall energisch in den Vordergrund gerückt werden«.

Das stimmte in vielem mit Rosa Luxemburgs gegen Bernstein gerichteter Schrift »Sozialreform oder Revolution« von 1899 überein. Der empörte sich in Abwesenheit Liebknechts auf dem Münchener SPD-Parteitag über den Artikel. Liebknechts hervorragendste Eigenschaft sei bisher gewesen, der Erbe eines großen Namens zu sein. Bebel entgegnete, er habe dem Artikel nur entnommen, »dass der junge Mann eine schneidige Feder führt«, beleidigend aber sei der Text nicht.

Liebknecht steckte zu diesem Zeitpunkt im Wahlkampf. Die Aufgabe schien aussichtslos: Er sollte den Wahlkreis Potsdam-Spandau-Oberhavel, den »Kaiserwahlkreis«, erobern. Behörden und reaktionäre Verbände warfen ihm Knüppel zwischen die Beine. Die SPD fand keine Veranstaltungslokale, Kundgebungen unter freiem Himmel wurden untersagt, speziell wenn Karl als Redner angekündigt war, hagelte es Strafbefehle.

Am 16. Juni 1903 ging die SPD zwar aus dem ersten Wahlgang als stärkste Kraft hervor, in der Stichwahl unterlag Liebknecht aber mit etwas mehr als 200 Stimmen Differenz dem Gegenkandidaten von den Freisinnigen. Doch die Anstrengung sollte sich lohnen: Die SPD und er waren in dem Wahlkreis nun bekannt. 1907 unterlag er erneut, 1912 aber gelang die Sensation, und Karl zog in den Reichstag ein. Nach dem Tod seiner Frau heiratete er in diesem Jahr Sophie Borissowna Ryss (1884–1964).

Antimilitarismus und Agnosis

Karl hatte sich immer wieder einem neuralgischen Punkt des Wilhelminismus gewidmet: Er betätigte sich als Agitator gegen Reichswehr, Rüstungsindustrie und militaristische Erziehung. 1907 erschien seine Schrift »Militarismus und Antimilitarismus«, die sich vor allem an die sozialdemokratische Jugend richtete. Kriegsminister Karl von Einem (1853–1934) erstattete sofort Anzeige, im Oktober fand vor dem Reichsgericht in Leipzig ein Hochverratsprozess statt. Der Kaiser ließ sich laufend berichten, Liebknecht wurde zu eineinhalb Jahren Festungshaft im schlesischen Glatz verurteilt.

Noch vor Beginn des Prozesses hatte er im August 1907 am Kongress der II. Internationale in Stuttgart teilgenommen. Dieser befasste sich ebenso wie der sich anschließende Kongress der sozialistischen Jugendorganisationen mit der wachsenden Kriegsgefahr in Europa. Mit einer Resolution, an der Lenin und Rosa Luxemburg mitgearbeitet hatten, bekannten sich die Parteien aller Länder dazu, im Fall eines imperialistischen Krieges nicht die eigene Regierung zu unterstützen. Liebknecht wurde für drei Jahre zum Präsidenten der ersten internationalen Verbindung der Jugendverbände gewählt. Unmittelbar danach kam es auf dem SPD-Parteitag im September 1907 zu einem Zusammenstoß mit dem Parteirechten Gustav Noske (1868–1946), dem späteren Minister, der die Ermordung Liebknechts anordnete. Noske hatte im Reichstag erklärt, bei dessen Broschüre handle es sich lediglich um die Meinung einer Einzelperson, nicht um die der Partei. Karl Liebknecht warf ihm vor: »Nicht eine Silbe von internationaler Solidarität, als ob die Aufgaben der Sozialdemokratie an den schwarzweißroten Grenzpfählen aufhörten! Die ganze Rede ist ein fortgesetztes Betonen unseres Patriotismus in einer Art Hurrastimmung.« Die Revisionisten, aber auch Bebel nahmen Noske in Schutz.

In der Haft machte sich Liebknecht an eine umfangreiche philosophische Ausarbeitung, deren Grundideen er 15 Jahre zuvor formuliert hatte. Bei seinem zweiten Gefängnisaufenthalt von 1916 bis 1918 im Zuchthaus Luckau setzte er die Arbeit fort. Das unfertige Manuskript wurde postum unter dem Titel »Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung« 1922 veröffentlicht, aber später nicht in die neunbändige Ausgabe von Reden und Schriften Liebknechts in der DDR aufgenommen. Nach seinen eigenen Notizen stelle es »mehr Selbstverständigung als Abschluss« dar. Zentraler Ansatzpunkt war der Versuch, »eine mehr konstitutive, konstruktive Theorie, ein System zu entwickeln – im Unterschied von der Marxschen Theorie, die nur einen Zeitgedanken, wenn auch einen ungemein fruchtbaren, gibt.« Erkenntnistheoretisch stehe er, Liebknecht, »auf dem Boden der Agno­sis«, was auch hieß: nicht auf dem des historischen Materialismus. Liebknecht vereint in dem Manuskript biologische und psychologische Erörterungen, kritisiert aber auch die Marxsche Werttheorie und grenzt sich von »Weltanschauungen« ab. Große Resonanz konnte das Werk schon wegen seiner mangelnden Systematik nicht erreichen, von marxistischen Theoretikern wird es faktisch nicht rezipiert.

Weltkrieg und Widerstand

So seltsam steril diese theoretischen Äußerungen waren, so konsequent und lebendig betätigte sich Liebknecht an der Seite der Linken in der SPD an allen großen Debatten: Massenstreik, Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts in Preußen, abenteuerliche Außenpolitik. Es hieß, neben Bebel sei er »der populärste Mann in der Partei«. Im Juni 1908 wurde er noch während der Haft einer von sieben SPD-Abgeordneten im Preußischen Landtag – bei 24 Prozent Stimmenanteil. Er blieb dort bis 1916, nach der Wahl in den Reichstag arbeitete er zeitweise in drei Parlamenten. Dennoch blieb die Abgeordnetentätigkeit bei allem Fleiß für ihn sekundär. Er wirkte weiter als Rechtsanwalt und verteidigte vor allem deutsche und russische Sozialdemokraten, gab für diese von 1906 bis 1916 sogar ein Russisches Bulletin heraus, das über die Debatten in der russischen Partei berichtete. Als Parteiredner unternahm er Vortragsreisen nach Westeuropa und Dänemark, in die USA, nach Böhmen und Ungarn.

Noch einmal flammte der Hass der Reaktion gegen ihn auf, als er 1913 im Reichstag eine Korruptionsaffäre größten Stils in der Waffenschmiede des Kaisers, bei Krupp in Essen, öffentlich machte. Im gleichen Jahr unterwarf er sich der Fraktionsdisziplin, als die Mehrheit der Reichstagsfraktion entschied, einer Regierungsvorlage zuzustimmen, die das Landheer auf Höchststärke bringen sollte. Mit diesem Beschluss war das Tabu »Diesem System keinen Mann, keinen Groschen« gebrochen. Rosa Luxemburg sprach von einer »schiefen Ebene, auf der es keinen Halt gibt«. Sie sagte voraus, dass die Fraktion auch Kriegskrediten zustimmen werde. Karl Liebknecht war anderer Meinung: Es handele sich nur um eine taktische Frage.

So kam der 4. August 1914: Der imperialistische Krieg, dessen Vorbereitung er und viele andere linke Sozialdemokraten angeprangert und bekämpft hatten, begann. Als die Mehrheit der SPD-Fraktion sich beim Appell des Reichskanzlers Theodor von Bethmann-Hollweg (1856–1921) an die Einigkeit der Nation erhob, verhielt sich Liebknecht unsicher. Er fügte sich trotz seines inneren heftigen Widerstands gegen die Mehrheit erneut der Fraktionsdisziplin. Noch glaubte er an eine rasche Korrektur und verlangte vom Parteivorstand die Organisation von Antikriegsdemonstrationen.

Seine Kampfgemeinschaft mit Rosa Luxemburg, die bereits am Abend des 4. August ihre treuesten Gefährten um sich versammelt hatte, begann erst Ende August, als sie sich zu zweit trafen. Liebknecht näherte sich rasch den Positionen der Bolschewiki gegen die chauvinistischen »Vaterlandsverteidiger« an. Für die Dezembersitzung des Reichstages entwarf er ein Minderheitenvotum, in dem er den Krieg seitens Deutschlands als »einen imperialistischen Krieg reinsten Wassers« charakterisierte. Am 2. Dezember 1914 stimmte er als einziger Abgeordneter gegen die Bewilligung weiterer Kriegskredite.

SPD-Vorstand und Reichsregierung berieten nun gemeinsam, wie Liebknecht mundtot gemacht werden könne. Anfang Februar 1915 rechnete die Fraktion mit ihm wegen »Disziplinbruchs« scharf ab, schloss ihn aber nicht aus. Wenige Tage später erhielt er jedoch einen Stellungsbefehl, womit ihm politische Tätigkeit außerhalb der Parlamente verboten war. Er pendelte vorerst zwischen der Ostfront, wo er zu Schanzarbeiten eingesetzt wurde, und den Sitzungen in Berlin. Ohne sein Mitwirken, aber mit seinem Wissen liefen seit Ende 1914 Vorbereitungen der Linken in der SPD zur Gründung einer illegalen landesweiten Oppositionsgruppe, der »Gruppe Internationale«. Sie wurde die Basis seiner weiteren politischen Aktivitäten.

Am 15. Mai 1915 verurteilte der Reichskanzler im Reichstag den »Treubruch« Italiens, das an der Seite der Gegner in den Krieg eingetreten war. Zur selben Zeit verteilten Vertrauensleute der Gruppe in Berliner Betrieben ein von Liebknecht verfasstes Flugblatt mit dem Titel: »Der Hauptfeind steht im eigenen Land«. Seine Losung »Burgkrieg, nicht Burgfrieden!« wurde zur Parole der radikalen Kriegsgegner.

Am 1. Januar 1916 fand in der Anwaltskanzlei Liebknechts unter konspirativen Umständen eine Reichskonferenz der marxistischen Linken statt. Sie beschloss, regelmäßig »Politische Briefe«, die späteren »Spartakusbriefe«, zu veröffentlichen. Damit war der erste Schritt zur organisatorischen Trennung von der SPD getan.

Die Reaktionen waren entsprechend. Am 1. Mai 1916 wurde Liebknecht bei einer Demonstration in Berlin verhaftet und in zweiter Instanz von einem Militärgericht zu mehreren Jahren Zuchthaus und dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Die Haft verbüßte er im Zuchthaus Luckau (Mark Brandenburg) weitgehend isoliert.

Am 7. Oktober 1918 erklärte Scheidemann als Regierungsmitglied in der Runde der Staatssekretäre: »Liebknechts Märtyrerschaft war ein Fehler. Ist er draußen, so kann man gegen ihn reden. Sonst nicht. Vergeht er sich neu, so wird er wieder eingesperrt. Liebknecht ist ein typischer Bolschewist.« Das kam einem Todesurteil gleich.

Liebknecht wurde amnestiert und bei seiner Ankunft in Berlin am 23. Oktober 1918 von Zehntausenden gefeiert. Er bekannte sich zur Oktoberrevolution und stand damit obenan auf den Todeslisten von Bürgerwehren, Armee und Freikorps. Nach dem Gründungsparteitag der KPD, auf dem Liebknecht das Eröffnungsreferat hielt, erschienen in Berlin Plakate mit der Forderung: »Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben.«

Die antikommunistische Hysterie erreichte ihren Höhepunkt, als vom 9. bis zum 12. Januar 1919 unter Leitung Noskes und »auf Befehl Eberts die Revolution in der Hauptstadt zusammengeschossen« (so der Publizist Sebastian Haffner) wurde. Am 15. Januar 1915 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auf Anordnung der SPD-Führung von Soldaten der Gardekavallerieschützendivision ermordet.

Was mit der Amtseinführung des »Kartät­schenprinzes« zum deutschen Kaiser 1871 begonnen hatte, fand seinen folgerichtigen Abschluss.

Unter dem Titel »Held oder Hassfigur? Der Leipziger Liebknecht« ist seit dem 11. August im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig eine Ausstellung über Karl Liebknecht zu sehen. Sie kann bis zum 30. Januar 2022 von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr im Haus Böttchergässchen des Museums (Böttchergässchen 3, 04109 Leipzig) besucht werden.

stadtgeschichtliches-museum-leipzig.de

Arnold Schölzel schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. August 2020 über die Hegel-Rezeption bei Marx, Engels, Lenin und Lukács.

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