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Aus: Ausgabe vom 13.08.2021, Seite 6 / Ausland
Spanien

Kein Urlaub für Erwerbslose

Spanien: Besonders Frauen und Junge ohne Lohnarbeit – trotz teilweiser Erholung der Wirtschaft
Von Carmela Negrete
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Spanien ist eines der europäischen Länder, die von Corona besonders hart getroffen wurden (Barcelona, 4.3.2021)

In Spanien ist Ferienzeit, auch für den Regierungschef. Doch bevor Ministerpräsident Pedro Sánchez vom sozialdemokratischen PSOE sich zu seiner Sommerresidenz auf der Kanareninsel Lanzarote aufmachte, betonte er am Dienstag vergangener Woche die Erfolge seiner Regierung im Kampf gegen die Erwerbslosigkeit. Über Twitter beteuerte er, die Erholung der Wirtschaft habe nach dem Einbruch durch die Pandemie »in Spanien Fahrt aufgenommen«. Dazu gehöre auch, dass die Erwerbslosenquote im Juli »so stark wie nie in der Geschichte« gesenkt werden konnte. »Wir arbeiten weiter für die wirtschaftliche, soziale und territoriale Wiederbelebung des Landes.«

Ein wohlverdienter Urlaub also? Viele Mütter in Spanien dürften das anders sehen. Für sie klingt Urlaub eher wie Wunschdenken. Nur 66 Prozent aller Frauen zwischen 25 und 54 Jahren mit Kindern gingen laut einer am Montag vom Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) veröffentlichten Statistik im vergangenen Jahr einer Lohnarbeit nach. Diese Situation hat sich auch 2021 nicht gebessert. Im Gegenteil, denn nach Zahlen des spanischen Arbeitsamts INE stieg ihre Erwerbslosigkeit in den vergangenen drei Monaten im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 3,8 Prozent, während sie bei den Männern um 5,2 Prozent zurückging. Auch für Jugendliche ist die Situation durchaus dramatisch: Mehr als eine halbe Million der unter 25jährigen ging bis Juni keiner geregelten Beschäftigung nach. Das entspricht rund 40 Prozent – der Höchstwert in der EU.

Dass die Gesamtzahlen täuschen, ist nicht neu. Nachdem zunächst in der im Rahmen der Coronapandemie beschleunigten Krise viele Arbeitsplätze gestrichen worden waren, erholt sich die Wirtschaft nun dank der voranschreitenden Impfkampagne wieder. Mittlerweile steigen immer mehr Unternehmen aus der Kurzarbeit aus und stellen neue Arbeitskräfte ein. Ein Großteil der neuen Verträge ist allerdings befristet, die Jobs im Tourismussektor sowie in der Landwirtschaft sind ohnehin meist saisonal.

Von einem Durchbruch kann also keine Rede sein, das weiß auch Arbeitsministerin Yolanda Díaz von der Kommunistischen Partei. Bereits im Juni appellierte sie an die Unternehmerseite, sich »zu verpflichten, die Unternehmenskultur zu ändern, um eine qualitativ hochwertige Beschäftigung« zu erreichen. Dass junge Menschen mit Verträgen von unter 500 Euro ausgestattet würden, werfe »ein schlechtes Licht auf die spanischen Unternehmen«.

Bei Appellen soll es allerdings nicht bleiben. So plant Díaz’ Ministerium, Befristungen von Verträgen künftig schwerer umsetzbar zu machen. Anfang Juni erklärte die Arbeitsministerin: »Das aktuelle Modell ist sehr brutal, und daher werden wir eine tiefgreifende Reform durchführen.« Künftig soll es Unternehmen nur dann möglich sein, Verträge zu befristen, wenn es einen »berechtigten Grund« dafür gibt. Jungen Menschen möchte die Regierung mit Hilfe eines Programms individuelle Wege aus der Erwerbslosigkeit aufzeigen. Dies soll mit rund fünf Milliarden Euro aus dem Europäischen Wiederaufbaufonds finanziert werden. So sollen alle Erwerbslosen zwischen 16 und 29 Jahren ein Angebot für einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle erhalten. Das Programm soll noch 2021 starten.

Die jetzigen Erwerbslosenzahlen besonders bei Müttern und jungen Menschen sind auch eine Folge der jahrelangen Kürzungspolitik, die aufgrund der starken Verschuldung immer größere Ausmaße annahm. Auch unter PSOE-Regierungen wurden staatliche Ausgaben eingestampft. Darüber, wie die Konditionen für die Kredite aus dem Wiederaufbaufonds der EU aussehen, sprechen in Spanien derzeit nur wenige.

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