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Aus: Ausgabe vom 12.08.2021, Seite 2 / Inland
Arbeitskampf

Gedränge am Gleis

Streik: Lokführergewerkschaft GDL legt Personenverkehr weitgehend lahm
Von Oliver Rast
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Volle Züge: Nervt einige, viele Fahrgäste sind dennoch solidarisch mit den Streikenden (Hamburg, 11.8.2021)

Anzeigetafeln auf den Bahnsteigen kündigen es an: »Zug fällt aus.« Anders formuliert: Der Streik wirkt. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatte am Dienstag mittag nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Urabstimmung Mitglieder und Anhänger zum befristeten Ausstand aufgerufen. Von Mittwoch morgen bis Freitag morgen werden der Personenverkehr samt der Betriebe der Bahninfrastruktur bestreikt. Bereits am Dienstag abend stand der Güterverkehr nahezu still.

»Die DB kann nicht garantieren, dass alle Reisenden heute wie gewünscht an ihr Ziel kommen«, hieß es am Mittwoch aus deren Pressestelle. Konkret: Im Fernverkehr mit ICE, Intercity und Eurocity fuhr nach Bahn-Angaben etwa jeder vierte Zug. Im Regional- und S- Bahn-Verkehr schwankte das Angebot örtlich stark. »Ein Streikschwerpunkt liegt in den östlichen Bundesländern«, erklärte die DB weiter. Nach dem GDL-Beschluss am Dienstag hatte die Bahn 75 Prozent ihrer Fernzüge gestrichen. Priorität hätten demnach oft genutzte Verbindungen zwischen Berlin und dem Rhein-Ruhr-Gebiet, zwischen Hamburg und Frankfurt am Main sowie die Anbindung wichtiger Bahnhöfe und Flughäfen.

Die GDL fordert ein verhandelbares Tarifangebot seitens des Staatskonzerns DB. Zündstoff gibt es reichlich: Laufzeit des Vertragswerkes und Zeitpunkte der Entgelterhöhungen. Ferner lehnen die Gewerkschafter eine Nullrunde ab. Im Hintergrund schwelt der Konflikt um das Tarifeinheitsgesetz. Danach zählt in einem Betrieb nur der Tarifabschluss der mitgliederstärksten Gewerkschaft. Und das ist in der Mehrzahl jener der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Die GDL unter ihrem Vorsitzenden Claus Weselsky fürchtet um Einfluss und Macht im Konzern, sieht sich gar in ihrer Existenz bedroht. Auch deshalb der Arbeitskampf.

Der Fahrgastverband »Pro Bahn« monierte am Mittwoch wiederholt die kurze Ankündigungsfrist für die Arbeitsniederlegungen. Mehr noch: Der Streik richte sich nicht nur gegen das Unternehmen, »sondern auch gegen weite Teile der Bevölkerung, die als Fahrgäste nicht ausweichen können«, meinte ein Vertreter. Und Sören Bartol, Vizevorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, mahnte gegenüber jW »mehr Mäßigung und Sachlichkeit in der Auseinandersetzung« an. Dabei griff er den GDL-Chef frontal an, dieser ziehe eine »One-Man-Show« durch.

Hingegen betonte Susanne Ferschl, Vizevorsitzende der Bundestagsfraktion von Die Linke, am Mittwoch gegenüber jW: »Ob gestreikt wird oder nicht, entscheiden grundsätzlich die Gewerkschaftsmitglieder und niemand sonst.« Zudem seien die Verzichts- und Unzeitdebatten durch die DB durchsichtige Ablenkungsmanöver. »Den richtigen Zeitpunkt für einen Streik gibt es nicht, nur eine Notwendigkeit«, so Ferschl. Und die sei angesichts rasant steigender Verbraucherpreise jetzt gegeben.

Die DB hofft, am Freitag wieder im Regelbetrieb fahren zu können. Auf die Bremse tritt Weselsky, denn weitere Streiks seien möglich. »Das entscheiden wir nächste Woche«, machte er im ZDF-»Morgenmagazin« klar.

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  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue (12. August 2021 um 12:05 Uhr)
    »Rechtsstaatliche« Medien finden, der GDL-Streik grenze an gewerkschaftliche Willkür. Oder ist viel anderes zu der demokratischen Entscheidung organisierter GDLer zu hören? Werden berechtigte Forderungen der GDLer ebenso eindringlich vermittelt, so dass vom Streik Betroffene sie verstehen können? Mitgefühl, Tränen für Bahnreisende, Pendler, Betroffene: Das bekannte Heucheleispiel wird zelebriert. Stimmungsmache gegen GDLer, die nichts als ein Grundrecht im angeblichen Rechtsstaat wahrnehmen, ihr einzig bleibendes Recht gegen die Konzernmacht der Bahn. Nach Einheitsgewerkschaft Rufende und Mahnende wollen nichts anderes als eine »Einheit«, die alle diszipliniert, die nicht demütigst der Einheit mit dem Kapital (Solidarpakt) folgen, wollen eine weitere Entsolidarisierung und Ruhigstellung Lohnabhängiger, dass sie sich unterordnen, eine Einheit, die gegenseitig ausspielt. Der Einheitsgedanke der Gewerkschaften ist einmal ein ganz anderer gewesen, wie man wissen kann. Neben reißerischen Beiträgen gegen die GDLer findet sich vielleicht auch mal ein Beitrag, der berechtigte Forderungen nennt. Vielleicht auch mal ein Bericht zum Tun und Handeln der Bahn-Bosse, zu den Rentiers, das heißt den Profiteuren auf Kosten der Beschäftigten, und auch den Reisenden, zum Service, zu den Preisen, die nicht wegen der GDLer explodieren. Beiträge, die mal den Zustand der privatisierten Bahn, die Ergebnisse der privaten Ausschlachtung des Verkehrsmittels, beschreiben, was heute so wichtig angesichts des Klimawandels sein könnte. Mal Arbeitsbedingungen der GDLer beschreiben, Ausbildung, Arbeitszeiten, Nachwuchs, Fachpersonal usw., wovon das Wohl und Wehe der Reisenden, Pendler und Betroffenen mehr abhängt als von den tränengerührten Bahn-Bossen und Politikern oder auch Medien. Wir können hinschauen, wo wir wollen in Zeiten der Krisen an allen Ecken; im Wege ist allein dieses System, das nur das Mantra Profitabilität, Wachstum, Untergrabung eigner Existenzgrundlagen kennt. Eine kleine, kämpferische GDL ist wichtig, noch wichtiger eine kämpferische Einheitsgewerkschaft, eine politisch streikbereite Gewerkschaft der Millionen.
  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue (12. August 2021 um 11:18 Uhr)
    Claus Weselsky von der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) ist wieder mal die mediale Unperson. Was ist sein Verbrechen? Was ist seine Unverschämtheit, wie es heißt? Um wessen Gier geht es wirklich? Für alle Betroffenen des Streiks soll es eine Frechheit sein, soll es unverständlich sein? Wofür die GDL in den Streik getreten ist, wird in den offiziellen Berichten oft vergessen. Sie wollen nur die »Neidschiene« bedienen, wollen Missgunst bis Hass säen. Tränen für alle Betroffenen, die sonst niemand interessieren, wenn es um Service, Preise, Zustand der Bahn und vieles andere mehr geht. Macht sich immer gut, mal Löhne der Lokführer einzublenden, was alle in Wut und Zorn versetzt, die mit Hungerlöhnen abgespeist werden. Denen fällt dann nicht ein, sich bei ihren sogenannten »Wohltätern«, den »Arbeitgebern«, bemerkbar zu machen. Betroffene, die sich angesichts der Mitleidstränen wohlfühlen dürfen, könnten sich an ihre eigenen Berufe vielleicht in Klinik und Pflege erinnern, wie mit ihnen umgegangen wurde als Sytemrelevante. Beifallklatschen am Bahnsteig hätte es auch getan? So haben es die in den Konzernetagen gern, solche Streiks finden sie klasse – von einer total entsolidarisierten Klasse. Was hat die laufende Berichterstattung zur GDL den Wahlsprüchen einer AfD voraus, die uns mit Milliardenkosten für Asyl in Angst und Schrecken versetzt? Warum wird bei dem Streik, einem Grundrecht, einer legitimen Auseinandersetzung, wie alle wissen sollten, nur die Unverschämtheit der eine Seite beleuchtet? Die Kapitalseite bleibt immer in der Rolle der Wohltäter, und das bahnfahrende, reisende Volk solidarisiert sich angeblich mit dem Bahn-Konzern. Streiks sind Grundrecht, aber nur, solange in Konzernetagen darüber gelacht und gescherzt werden kann. Wie wäre es mit Solidarität am Gleis, Solidarität aller Ausgebeuteten? Die GDL hat die Zustände der Klasse und des DGB nicht herbeigeführt, hat die Entsolidarisierung nicht zu verantworten. Bevor wir Kritik üben, sollten wir daran einmal denken.

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