Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Dienstag, 26. Oktober 2021, Nr. 249
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 10.08.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Das komplette Bild

Eine illustrierte und kommentierte Neuausgabe von Heinrich Manns Roman »Der Untertan« zeigt dessen überraschende Aktualität
Von Jan Decker
011326_Mann_Der_Untertan_055.jpg
»Ein neues Ziel, eine neue Rückkehr, eine neue Uniform, und wieder Diederich, und wieder jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie hatte Diederich ein schöneres Leben gekannt« (Heinrich Mann, »Der Untertan«)

Heinrich Manns Roman »Der Untertan«, zuerst 1918 im Kurt-Wolff-Verlag erschienen, kann in diesem schwierigen Jahr 2021 ganz neu gelesen werden. In der Coronakrise wird Bürgern ihr Dasein als Untertanen neu bewusst, werden doch per Gesetz Ausgangssperren und weitere Freiheiteinschränkungen angeordnet. Gut möglich, dass sich der Reclam-Verlag deshalb zu einer Neuausgabe ausgerechnet dieses Klassikers von Heinrich Mann entschloss, die als zusätzlichen Kaufanreiz zahlreiche locker dem Handlungsverlauf folgende Illustrationen des Comiczeichners Arne Jysch enthält. Aber natürlich, vordergründiger Anlass für die Veröffentlichung war der 150. Geburtstag von Heinrich Mann am 27. März.

Zu weit sollte der Tropus vom Deutschen als Untertan allerdings auch nicht gefasst werden. Dazu ist die Wendung in dem Roman allzu konkret gestaltet. Darin geht es um das, was man heute Selbstoptimierung nennen würde. Exemplarisch dafür ist der Lebensweg seines Protagonisten Diederich Heßling, der genau jenen sprichwörtlichen Untertan der späten Kaiserjahre personifiziert, der aufsteigen will. Einer der vielen Deutschen kurz vor dem Ersten Weltkrieg also, die der Provinz entstammen und nach Weltherrschaft streben, die dem ehrenwerten Bürgertum angehören und auf dessen zunehmende Verteilungskämpfe mit einer Radikalisierung zum Völkischen hin reagieren. Heßling hat dabei stets seinen Kaiser Wilhelm II. im Blick, den Emporkömmling mit Krone, könnte man sagen, und beide werden auf ihre Weise jeweils dann auch zu Wegbereitern des Faschismus.

Man kennt das Buch allerdings noch immer recht gut. Und trotzdem erfreut man sich erneut an der lakonischen, bis heute frischen Sprache des Autors. Man bewundert nicht zum ersten Mal Heinrich Manns dramaturgische Effizienz, wenn er etwa die Annäherung des jungen Diederich Heßling, Fabrikantensohn aus dem fiktiven brandenburgischen Netzig, an eine dumpfe Burschenschaft in wenigen Absätzen hinbekommt. Und man erkennt vielleicht zum ersten Mal Hitler als den Nachäffer eines bereits übel völkisch schäumenden Kaisers Wilhelm II.

Wie das Kaiserdouble Heßling im politischen Leben Netzigs bald mit Konservativen, bald mit Sozialdemokraten aneinandergerät und dann doch zum gegenseitigen Vorteil mit ihnen paktiert, das ist die sprichwörtliche deutsche Misere des 20. Jahrhunderts. Dass sich die Arbeiter in Heßlings Papierfabrik in ihrer Not von niemandem vertreten fühlen, macht das Bild dann komplett.

Auch die Wirtschaftsanalyse in Heinrich Manns Roman ist überraschend aktuell. Eines hätte man ohne die Neuausgabe fast schon wieder vergessen: Ideologisch folgt der Untertan aus Netzig – bis hin zum affigen Zwirbelbart – seinem Idol, dem renommiersüchtigen Kaiser Wilhelm II. Ökonomisch aber ist er und das gesamte aufstrebende Bürgertum auf immer abstraktere Finanzierungsformen, immer risikoreichere Spekulationspapiere angewiesen, um überhaupt noch Profite machen zu können. Was uns heute ja auch nicht ganz unbekannt ist. In ihrem Nachwort zu dieser Ausgabe kommentiert die Bamberger Germanistikprofessorin Andrea Bartl diesen Umstand trocken: »Netzig ist überall.«

Tun die Illustrationen von Arne Jysch da überhaupt noch not? Gegen sie ließe sich zweierlei einwenden: Gute Literatur muss gar nicht bebildert werden und Comicillustrationen werden seit einigen Jahren – wohl um ein übersättigtes Literaturpublikum irgendwie zum Lesen zu animieren – so inflationär eingesetzt, dass sie eher abschrecken als einladen. Aber Jysch macht seine Sache gut. Wenn Diederich Heßling als Schuljunge »den einzigen Juden seiner Klasse hänselt«, sprich, in den Schwitzkasten nimmt, natürlich unter dem tosenden Beifall seiner Klassenkameraden, ist das schön eindringlich gezeichnet: schräge Bildperspektive, grimmige Kindergesichter zukünftiger Herrenmenschen, während in der Stuckkante des Klassenzimmers bereits ein feiner Riss zu bemerken ist.

Heinrich Mann: Der Untertan. Hrsg. v. Werner Bellmann, illus. v. Arne Jysch, Nachw. v. Andrea Bartl, Reclam-Verlag, Leipzig 2021, 494 Seiten, 36 Euro

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Mehr aus: Feuilleton

Die XXVII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz findet am 8.1.2022 als Präsenz- und Livestreamveranstaltung statt. Informationen und Tickets finden Sie hier.