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Aus: Ausgabe vom 10.08.2021, Seite 5 / Inland
Kahlschlagsplan

Airbus ohne Rumpf

Französisch-deutsches Flugzeugunternehmen steht vor »Konzernumbau«. IG Metall sieht Standorte in Augsburg und Varel gefährdet – und kündigt Widerstand an
Von Oliver Rast
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Stehen beschäftigungspolitisch im Abseits – verwarnen deshalb ihre Bosse (Augsburg, 18.5.2021)

Die Pläne liegen seit dem Frühjahr im Schubfach: Die Bosse des französisch-deutschen Flugzeugbauers Airbus wollen den Konzern kräftig umkrempeln – zuvorderst die zivile Sparte der sogenannten Strukturfertigung. Die Standorte im bayerisch-schwäbischen Augsburg und im niedersächsisch-friesländischen Varel dürfte es besonders hart treffen. Das geht aus einem Papier des Managements für den Betriebsrat und die IG Metall (IGM) hervor, über das die Nachrichtenagentur Reuters am Sonntag berichtete. Sie stützt sich dabei auf eine nicht namentlich genannte Quelle.

Demnach seien rund 1.000 von 2.800 Arbeitsplätzen in der Kleinteilefertigung bei der Airbus-Tochter Premium Aerotec GmbH (PAG) akut bedroht. Vor allem in Augsburg. Was hat der Konzernvorstand vor? Während die Herstellung von Großkomponenten bei Airbus verbleiben soll, soll der Bau von Einzelteilen ausgelagert werden – sprich an einen »Investor« verkauft werden. Über einen Interessenten wird in Branchenkreisen bereits spekuliert: die Schweizer Montana Aerospace. Ferner soll es eine neue Airbus-Tochtergesellschaft für die Strukturmontage geben.

Stimmung machen Firmenvorständler längst. Ende Juni hatte Airbus-Betriebsvorstand Michael Schöllhorn die Kahlschlagspläne bei PAG verteidigt: »Das Unternehmen häuft seit zwölf Jahren Verluste an«, hatte er gegenüber der Augsburger Allgemeinen gesagt. Und die lägen im Milliardenbereich. An den Standorten hierzulande könne man »nicht einfach so weitermachen«. Laut Airbus liegen die Kosten der Einzelteilfertigung bei der PAG angeblich etwa 25 bis 30 Prozent höher als bei »Marktkonkurrenten«. Ein Unternehmenssprecher wollte die Reuters-Meldung am Montag auf jW-Nachfrage nicht kommentieren, sagte aber: »Das Zeitfenster für eine Neuaufstellung mit strategischem Investor ist jetzt«.

Wie reagiert die IG Metall (IGM)? Die Haltung von Airbus sei unverständlich, es gebe ein Konzept zur Abwendung der Zerschlagung, sagte Johann Horn, IGM-Bezirkleiter Bayern, am Montag gegenüber dpa. »Doch die Manager lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie wollen das Unternehmen zerschlagen und gefährden damit Arbeitsplätze.« Am Ende werde die Produktion womöglich nach Osteuropa verlagert. Und es sei nicht auszuschließen, »dass dies langfristig das Aus für das PAG-Werk in Augsburg sein könnte«.

In Augsburg werden bislang Rumpfteile, Fußbodenquerträger und Komponenten für Ladeklappen gefertigt. Allein in Schwaben sind etwa 2.200 Arbeiter beschäftigt. Eine Demontage hätte enorme Auswirkungen für die Stadt und die Region, sagte Michael Leppek, Erster Bevollmächtigter und Geschäftsführer der IGM Augsburg, am Montag gegenüber jW. Airbus wolle sich der »Problemtochter« PAG einfach nur »billig entledigen«.

Die konzerninterne »Umbauoffensive« betrifft gleichfalls den Standort Varel mit etwa 1.300 Beschäftigten. Jürgen Bruns, Betriebsratsvorsitzender des friesländischen PAG-Werks, ist verärgert. »Wir sind überzeugt, dass es andere Lösungen gibt«, betonte er und forderte »konstruktive Gespräche« seitens der Unternehmensführung. Zumal der Vorwurf, Varel sei nicht ausreichend konkurrenzfähig, bis dato unbelegt sei. Das bestätigte Katharina Volk, zuständig für die Luftfahrtindustrie bei der IGM Küste, am Montag im jW-Gespräch. »Das Zahlenwerk, mit dem der Arbeitgeber den Konzernumbau begründet, ist ungenau.« Und dennoch stünden Hunderte Arbeitsplätze zur Disposition. Auf Sicht, so Volk, könnte der Standort – analog zu Augsburg – gefährdet sein. Die Gewerkschafterin beklagte vor dem PR-Besuch des SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz am Montag in Varel zudem das mangelnde Engagement der Bundesregierung. Der Bund sei schließlich einer der Hauptanteilseigner der Airbus-Gruppe.

Deutlicher wurde Pascal Meiser: »Es ist skandalös, dass die Airbus-Chefs mit aller Gewalt Outsourcing und Lohndrückerei bei PAG durchboxen wollen, statt auf Augenhöhe mit der Arbeitnehmerseite über die Zukunft des Unternehmens zu verhandeln«, sagte der gewerkschaftspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion von Die Linke am Montag zu jW. Wieder einmal räche sich, dass es bei zentralen Konzernbeschlüssen keine »harten Mitbestimmungsrechte« für die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften gebe.

Die Metaller stört noch etwas. Sie werfen der Konzernspitze vor, deutsche Standorte schlechter als französische zu stellen. »Während in Frankreich die Tochter Stelia eins zu eins zu Airbus zurückgeführt wird«, so Leppek, »soll PAG in Deutschland zerlegt werden.« Hier werde im gemeinsamen Unternehmen mit zweierlei Maß gemessen. Der Augsburger IGM-Vertreter nahm kein Blatt vor den Mund: »Sollte Airbus an den Zerschlagungs- und Verkaufsplänen festhalten, werden wir dies mit allen gewerkschaftlichen Mitteln bekämpfen.«

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