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Aus: Ausgabe vom 07.08.2021, Seite 8 / Inland
Kampf dem Atomtod

»Atomwaffenmächte rüsten auf und ›modernisieren‹«

76 Jahre Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis: Friedensbewegte und Atomkraftgegner mobilisieren. Ein Gespräch mit Angelika Claußen
Interview: Gitta Düperthal
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Alt und Jung: Menschenkette von Zehntausenden Atomkraftgegnern von Stuttgart nach Neckarwestheim (12.3.2011)

Die atomare Vernichtung Hiroshimas durch das US-Militär jährte sich am Freitag zum 76. Mal, an diesem Montag der Atombombenabwurf der USA auf Nagasaki. Für Sonntag ruft ein Bündnis aus deutschen und niederländischen Antiatomkraft- und Friedensinitiativen zu Fahrradsternfahrten und zur Kundgebung an der Urananreicherungsanlage Gronau auf. Haben diese Angriffe noch genügend mahnende Wirkung?

Die haben sie. Weltweit protestieren Friedensbewegte gegen die wachsende Atomkriegsgefahr. Wir, die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, und die von uns mitgegründete Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, ICAN, kämpfen seit etwa zehn Jahren dafür, willige Staaten zu finden, um unser Ziel in der UNO vorzubringen und mit dieser Gefahrenlage endlich Schluss zu machen.

Welche Erfolge konnten Sie verzeichnen?

Die japanische Antiatomwaffenbewegung ist aktiv im internationalen Netzwerk. Setsuko Thurlow, japanisch-kanadische Überlebende des Atombombenabwurfs von Hiroshima am 6. August 1945, reist herum, berichtet in Schulklassen. Sie hat 2017 zusammen mit der ICAN-Direktorin Beatrice Fihn den Friedensnobelpreis für ICAN entgegengenommen. Hiroshimas Bürgermeister Matsui Kazumi gründete die »Mayors for Peace«, Bürgermeister für den Frieden, mit. Dem Netzwerk gehören mehr als 8.000 Städte und Gemeinden aus 163 Ländern weltweit an; in der BRD haben sich mehr als 120 dem ICAN-Städteappell zur nuklearen Abrüstung angeschlossen. Sie fordern die Bundesregierung auf, für den Atomwaffenverbotsvertrag einzutreten. Auch die Bundesländer Rheinland-Pfalz, Berlin, Bremen und Hamburg haben sich angeschlossen.

Wie ist der Stand der globalen atomaren Aufrüstung?

Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea verfügen über nukleare Waffen. Die Atomwaffenmächte rüsten auf und »modernisieren«, um Herrschaftsverhältnisse zu sichern. Mehr als 90 Prozent aller Atomsprengköpfe besitzen die Supermächte USA und Russland, weltweit sind es etwa 13.000. Die Einsatzmöglichkeiten sind schneller geworden, Vorwarnzeiten beim Angriff geringer. Wissenschaftler warnen: Jederzeit könne es einen Atomkrieg aus Versehen geben. Ex-US-Präsident Donald Trump kündigte alle Verträge zur Sicherheit und Abrüstung auf. Nun will man offenbar die Kontrolle zurück. Es gibt Gespräche zwischen Nachfolger Joseph Biden und seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin.

Die erste Staatenkonferenz des Atomwaffenverbotsvertrags in Wien ist für Januar 2022 geplant. Was erwarten Sie davon?

Das Bündnis ICAN hat mit mehr als 500 Nichtregierungsorganisationen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene lange darauf gedrängt. Mit dem österreichischen Botschafter Alexander Kmentt, der den Vorsitz hat, engagiert sich ein wichtiger Partner mit uns gemeinsam für die Abrüstung der Atomwaffen.

Und welche Rolle spielt die Bundesrepublik dabei?

In Büchel in der Eifel lagern etwa 20 US-Atomwaffen, jeweils mit einer 26fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Sie werden durch zielgenauere Lenkwaffen ersetzt, womit die Hemmschwelle für einen Einsatz sinkt. Die Kosten für diese Aufrüstung kalkulieren die USA bis 2025 auf vier Milliarden US-Dollar; auch ein Grund, um von Deutschland höhere Militärausgaben zu verlangen. Wie auch die Friedensbewegten in den Niederlanden, Belgien und Italien wirken wir auf den Abzug der Nuklearwaffen auf den europäischen NATO-Stützpunkten hin. Es gilt, den Klimawandel zu stoppen, ohne die Welt zusätzlich durch einen Atomkrieg zu gefährden.

Wie kann die Friedensbewegung den Schulterschluss mit jungen Bewegungen wie »Fridays for Future« und »Ende Gelände« schaffen?

Bei den Ostermärschen beteiligten sich junge Aktivistinnen und Aktivisten; insgesamt aber denken wir als Bewegungen noch zu sehr in jeweils »eigenen« Kategorien. Bei der Demo an diesem Sonntag fordern wir: »Kein atomares Wettrüsten – militärische und zivile Urananreicherung sofort beenden!«

Angelika Claußen ist Europavorsitzende der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges

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  • Leserbrief von Hans-Helmut Heinrich (10. August 2021 um 11:09 Uhr)
    Die vollständige atomare Abrüstung ist überfällig! Die Aussagen und die Botschaften dieses Interviews mit Angelika Claußen kann ich als Physiker nur unterstreichen. Es sollte allen Menschen bewusst werden, in welcher Gefahr wir leben: Mit den rund 13.000 Kernsprengköpfen, die heutzutage im aktiven militärischen Bestand der Atommächte einsatzbereit sind, könnte jederzeit ein Atomkrieg mit nachfolgendem nuklearen Winter ausgelöst werden. Das gesamte tierische und pflanzliche Leben auf der Erde würde an radioaktiver Verseuchung zugrunde gehen. Niemand würde einen solchen Atomkrieg überleben. Im Interview heißt es: »Es gilt, den Klimawandel zu stoppen, ohne die Welt zusätzlich durch einen Atomkrieg zu gefährden.« Meine These ist: Ohne atomare Abrüstung wird die Menschheit die gigantischen Aufgaben des Klimawandels wie auch die globale Trinkwasser-, Nahrungs- und Energieversorgung, nicht zuletzt die Ressourcenschonung der Erde, nicht lösen können. Es ist bekannt, dass ein Bruchteil der weltweit eingesetzten Militärbudgets ausreichen würde, um die globale Versorgung mit Trinkwasser zu sichern und den Hunger zu beseitigen. Selbst die Energieressourcen, die in den Kernwaffen stecken, könnten die Energieversorgung der Menschheit für die nächsten zehn Jahre sichern. Die militärisch gebundene Wissenschaft und Forschung könnte sofort für den globalen Klimawandel eingesetzt werden.
    Aber wie handelt unsere Bundesregierung? Sie will beispielgebend sein für den Klimawandel in der Welt, aber dem Atomwaffenverbotsvertrag tritt sie nicht bei. Wie zum Hohn aller Friedensbewegten gründete Annegret Kramp-Karrenbauer ein Weltraumkommando der Bundeswehr und schickte die Fregatte »Bayern« ins ostchinesische Meer. Beides verschärft die internationalen Konflikte. Annegret Kramp-Karrenbauer und Heiko Maas halten an den Kernwaffen in Büchel fest und machen damit die ganze Bevölkerung der Bundesrepublik zu Geiseln der Atomkrieger. Der US-Stützpunkt in Ramstein und die aggressive NATO-Politik gegen Russland und jetzt auch China machen Deutschland zum ersten Angriffsziel des atomaren Krieges mit der gleichen geringen Vorwarnzeit wie für Russland und China.
    Ich kann nur appellieren, dem ganzen Wahnsinn ein Ende zu machen und in der kommenden Bundestagswahl nur die Parteien zu wählen, die die bedingungslose und vollständige atomare Abrüstung aller Atommächte glaubwürdig im Programm haben. Alle anderen Parteien sind – um des Überlebens willen – nicht wählbar! Für alle anderen Fragen in der Bundesrepublik gibt es Experten aus dem bürgerlichen Lager, für die atomare Abrüstung gibt es nur den politischen Willen der Arbeiterklasse und der Friedensbewegten!

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