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Aus: Ausgabe vom 07.08.2021, Seite 5 / Inland
Medienmarkt

Ramschware Illustrierte

RTL Group übernimmt Magazingeschäft der Bertelsmann-Tochter Gruner und Jahr. Journalistenverband von Verdi befürchtet Stellenkürzungen
Von Gerrit Hoekman
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Soll Medienberichten zufolge »leicht euphorisch« sein: Bertelsmann-CEO Thomas Rabe. (Berlin, 26.3.2019)

Knaller auf dem Medienmarkt: Das Medienunternehmen RTL Group übernimmt zum 1. ­Januar 2022 das Magazingeschäft der Bertelsmann-Tochter Gruner und Jahr. Der Kaufpreis wird nach Angaben von RTL 230 Millionen Euro betragen. Bar aus der Portokasse. Die 25-Prozent-Beteiligung an der Spiegel-Gruppe und die 60 Prozent Anteile an der DDV-Mediengruppe, zu der die Sächsische Zeitung gehört, bleiben bei Gruner und Jahr.

Gemeinsam sollen sie der wachsenden Konkurrenz von Netflix, Amazon oder Disney Paroli bieten, die mit ihren Angeboten im Internet besonders die junge Generation ansprechen. Das gängige Fernsehen wird immer mehr zum Auslaufmodell. »Die Coronakrise, die als Katalysator der Digitalisierung gilt, hat die Lage für RTL verschärft. Nicht nur die Zuschauer, auch die Werbekunden orientieren sich neu«, orakelte das Handelsblatt am 9. Juli.

Noch nagt das Unternehmen aber nicht am Hungertuch. Im ersten Halbjahr 2021 erzielte die börsennotierte RTL Group einen Rekordgewinn von 929 Millionen Euro, der Umsatz stieg um 13 Prozent auf drei Milliarden Euro, berichtete das Handelsblatt am Freitag. Im Vergleich dazu wirken die 1,1 Milliarden Umsatz von Gruner und Jahr im letzten Jahr beinahe wie Peanuts, um im Managerjargon zu sprechen.

Seit Monaten herrscht bei den rund 2.500 Beschäftigten von Gruner und Jahr große Unsicherheit, wie es mit dem Verlag weitergeht. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalistenunion (DJU) in Verdi forderte die Geschäftsführung am Freitag in einer Pressemitteilung auf, »sich unmissverständlich öffentlich für eine Beschäftigungssicherung auszusprechen sowie Tarifbindung und Betriebsvereinbarungen zu bewahren«. Die Konzernentscheidung sei offenbar rein zahlengetrieben. Dies »darf nicht dazu führen, dass neben herausragenden Zeitschriften- und Medienmarken auch die Beschäftigten auf der Strecke bleiben«, sagte DJU-Bundesgeschäftsführerin Monique Hofmann.

RTL kommt mit der Übernahme in den Besitz von Titeln wie Stern, Geo, Brigitte, Essen & Trinken, Schöner wohnen und Gala. Im Prinzip handelt es sich aber nur um eine Umstrukturierung unter demselben Dach, denn die Bertelsmann AG besitzt 60 Prozent an der RTL Group, die laut dpa den vergleichsweise größten Anteil am Umsatz von Bertelsmann hat. Der Luxemburger Thomas Rabe ist nicht nur Vorstandsvorsitzender bei Bertelsmann, sondern auch Chef der RTL-Gruppe.

In der alten BRD schwatzten Bertelsmanns Vertreter Passanten in Fußgängerzonen vor allem eine Mitgliedschaft im Buchklub auf, die man nur schwer wieder loswurde. Auf dem Höhepunkt 1992 waren sechs Millionen Bundesbürger Klubmitglied. Dann sank das Interesse. Am 31. März 2015 schlossen die letzten beiden Buchklubfilialen, eine am Firmensitz in Gütersloh, die andere in der Nachbarstadt Rheda-Wiedenbrück.

Heute spielt die Bertelsmann AG auf vielen Feldern. Über die hundertprozentige Tochter BMG Management mit Sitz in Berlin hält sie beispielsweise Rechte an Werken von David Bowie, Iggy Pop oder den Rolling Stones. Zuletzt unterzeichneten Carlos Santana und Bryan Adams bei BMG.

Das Handelsblatt bezeichnet die Kaufsumme von 230 Millionen Euro am Freitag als »sehr niedrig«. Gruner und Jahr war früher ein Gigant auf dem europäischen Zeitschriftenmarkt. Zeichen der »Marktmacht«: Als der Verlag 1990 in sein neues Pressehaus umzog, war es das größte Bürogebäude in der Hamburger Innenstadt. »Unter dem langjährigen Vorstands- und Aufsichtsratschef Gerd Schulte-Hillen, genannt ›Bela‹ – der am Mittwoch im Alter von 80 Jahren verstorben ist –, war die Heimstatt von Stern, Brigitte und Geo einst zu Europas Champion aufgestiegen«, erinnerte das Handelsblatt an die große Zeit.

In den 1990ern gründete Gruner und Jahr in den neuen Bundesländern die Tageszeitungen Dresdner Morgenpost und Chemnitzer Morgenpost. 1991 kauften die Hamburger das Sächsische Druck- und Verlagshaus. 1992 übernahmen sie den Berliner Verlag, in dem die traditionsreiche Berliner Zeitung erschien, die nur zwei Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet der späteren DDR gegründet wurde. Gruner und Jahr hat mittlerweile seine Ambitionen in mehreren europäischen Ländern aufgegeben. Und nun übernimmt RTL.

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