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Aus: Ausgabe vom 05.08.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Mit letzter Lust der großen Krise

Dominik Graf verfilmt Erich Kästners Roman »Fabian«
Von Felix Bartels
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»Und was kommt nach dem Untergang?« – Dominik Graf und Tom Schilling bei den Dreharbeiten zu »Fabian« in Görlitz (8.8.2019)

Die Nachricht, dass die Verfilmung von Erich Kästners bedeutendem Roman »Fabian« in die Kinos kommen wird, konnte auch durch den Beititel »Der Gang vor die Hunde« nicht getrübt werden. Der machte deutlich, worauf Regisseur Dominik Graf den Akzent legen würde: die sinnlichen mehr als die sinnreichen Momente. Denn Kästner hatte jenen Titel für die ursprüngliche Fassung seines Romans gewählt, aus der die Zensur dann die allzu anstößigen Stellen strich.

Im Geschehen folgt der Film dem Buch recht treu. Der Werbetexter ­Jakob Fabian (Tom Schilling) lebt zu Beginn der dreißiger Jahre in Berlin. Die Weimarer Republik hat ihre Sachlichkeit hinter sich gelassen und gibt sich mit letzter Lust der großen Krise hin. Die Nazis fingern am Steigbügel, Fabian scheint das wenig zu kümmern. An der Seite seines Freundes Labude (­Albrecht Schuch) säuft und schläft er sich durch die Kneipen und Bordelle. Dieser Lebenswandel scheint ihm durch die Haltung des distanzierten, ironischen Beobachters (der er als Mittuender natürlich nicht sein kann) erträglicher zu werden. Auch in einer anderen Hinsicht täuscht sich Fabian über sein Leben. Als er ­Cornelia (­Saskia Rosendahl) trifft und in Schockliebe fällt, glaubt er an eine Zukunft mit ihr. Sie aber, die Schauspielerin werden will, unterhält eine Zweckliaison mit dem »Film­fabrikanten« Makart (­Aljoscha Stadelmann) und versucht, Fabian davon zu überzeugen, dies sei auch zu seinem Vorteil. Als sein Freund Labude in den Selbstmord getrieben wird, flieht ­Fabian nach ­Dresden. Dort nähern Cornelia und er sich wieder an. Auf dem Weg zurück nach Berlin versucht er einen vermeintlich ertrinkenden Jungen zu retten. Da Fabian nicht schwimmen kann, ertrinkt er, während der Junge heulend ans Ufer schwimmt.

Wie bei deutschen Filmen mittlerweile üblich ist auch dieser hier viel zu lang. Die fast drei Stunden Laufzeit ergeben sich aber nicht nur aus dem Bestreben, die Romanhandlung möglichst vollständig zu bewahren. Die Adaption will große Erzählung sein und tiefe Charakterstudie, zugleich gedankenvolles Konversationsstück und bildsprachliches Meisterwerk und platzt deshalb aus den Nähten, obwohl sie dramaturgisch gut organisiert, irgendwie beinahe episodisch wirkt.

Der Film ist effektvoll und dabei nicht gefällig: ambitionierte Kamera, körnige Bilder, blendendes Gegenlicht, kluges Spiel mit 4:3-Format und Stummfilm-Zwischentiteln, eine Kamerafahrt durch eine U-Bahn-Station der Jetztzeit, die die Treppe hinauf zum Tageslicht im Berlin der Zwanziger führt (gewissermaßen ein »Match Cut« ohne »Cut«). Alles schwankt zwischen Kulinarischem und Verstörendem und soll damit offenkundig das Fluidum der Weimarer Zeit evozieren.

Gedanklich bleibt diese Zeit allerdings kaum erfasst. Der Film folgt hier bloß dem Roman, dessen Stärken gewiss woanders liegen. Weimar als Sündenpfuhl, Faschismus als national-asketische Gegenbewegung, mehr kommt da nicht. Doch es gibt auch politische Momente der Vorlage, die ohne Not gestrichen wurden. Etwa Fabians Verwicklung in eine nächtliche Schießerei zwischen Nazis und Kommunisten, bei der deutlich wird, dass politisch mit ihm nicht gerechnet werden kann. Oder jene Formel, mit der Fabians Chef (bzw. im Roman der Zeitungsredakteur Münzer) die strukturelle Lüge des Medienbetriebes auf den Punkt bringt: »Meldungen, deren Unwahrheit nicht oder erst nach Wochen festgestellt werden kann, sind wahr.«

Den Schwerpunkt setzt die Adaption dann ganz zeitgemäß. Die Cornelia-­Fabel brüllt den aktuellen Bezug regelrecht herbei. Der Film hat hier seine stärksten Momente, er zeigt, dass die freie Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft, wo sie ja erst (wieder-)­erfunden wurde, punktuell schon wieder unmöglich geworden ist. Zwar werden Ehen immer seltener arrangiert und kaum noch aus traditionellen, politischen, ökonomischen Zwecken heraus, aber der soziale Notstand, den der Kapitalismus in derselben Geschwindigkeit produziert wie den Reichtum, schafft eine neue Sorte Zwang. Beziehungen zerbrechen, als modernes Gegenstück zur Mesalliance, an ungleichem Einkommen, Erfolg oder sozialem Status der Partner. (Der Film macht den Zusammenhang überdeutlich durch die Anspielung auf den viermal verfilmten »A Star is born«-Stoff.) Berufliches Vorankommen wird zudem oftmals abhängig von sexueller Gefälligkeit. Und es ist fast immer die Frau, die sich beugen muss, und fast immer der Mann, der die Macht ausübt. Die Makart-Story gleicht eklatant der von Harvey Weinstein, und man begreift, dass wir heute kaum einen Meter weiter sind.

Überhaupt tut sich die Liebe schwer. Fabians Freund Labude leidet daran, dass seine Frau ihn zwar gern gehabt, aber nie wirklich geliebt hat. Bei ­Fabian entwickelt sich der umgekehrte Fall. Alles ist voller Liebe, doch der Alltag hält nicht stand. Nicht nur in dieser Hinsicht sind Charakter und Geschick von Fabian und Labude gespiegelt. Zusammen machen sie ein ganzes Halbes. Labudes politisches Engagement ist nur scheinbar über Fabians moralischen Eskapismus hinaus. Er agiert desorganisiert und ohne die Machtfrage zu stellen, will die Menschen erziehen, statt die gesellschaftliche Einrichtung anzugreifen. Auch er scheint kaum mehr als ein Moralist zu sein, wenngleich sein Ansatz durchaus mit dem Kollektiven rechnet, während Fabian alle Lösung in sich selbst sucht. Nun kann aber, wie eingangs angedeutet, auch Fabians Eskapismus nicht als echter verstanden werden – am Sündenfest Berlins teilnehmen, aber mit Distanz und Ironie, diese Paradoxie lebt er, ganz unironisch. Er glaubt gewissermaßen, mittendrin darüberstehen zu können.

Noch in beider Art zu sterben spiegeln sich die Freunde. Sie gehen nicht tragisch ab, absurde Missverständnisse führen zu ihrem Ableben. Labude wird zum Narren gehalten mit einer vorgeblichen Ablehnung seiner Habilitationsschrift und bringt sich dann um. Fabian versucht einen Jungen, der schwimmen kann, aus dem Wasser zu retten, obwohl er selbst nicht schwimmen kann. Man ahnt die Schlagzeile des nächsten Tages: Nichtschwimmer ertrinkt bei Rettung von Schwimmer. Dem Helden dieser Geschichte, der nie handeln wollte, gelingt es, das eine Mal, dass er dann doch handelt, dies an der Stelle zu tun, an der er nun gar nicht zuständig ist. Aus demselben Spleen heraus, der ihn glauben macht, sich aus allem heraushalten zu können, bringt er ein Opfer, das weder notwendig noch möglich war. Fabians Tod ist komisch.

»Fabian oder Der Gang vor die ­Hunde«, Regie: Dominik Graf, BRD 2021, 176 Min., Kinostart: heute

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