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Aus: Ausgabe vom 04.08.2021, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Taliban

Von Jörg Kronauer
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Vom Westen anfangs gepäppelte Repräsentanten einer ultrareaktionären Richtung des Islam: Taliban

Taliban ist kein Eigenname, sondern ein Alltagswort aus der paschtunischen Sprache, die im Süden und im Osten Afghanistans und in den angrenzenden Gebieten Pakistans gesprochen wird; es bedeutet »Schüler« (im Plural). Gemeint waren, als das Wort sich in der ersten Hälfte der 1990er Jahre in eine Bezeichnung für eine bestimmte soziale Bewegung zu transformieren begann, Schüler der Koranschulen, die sich im Jahrzehnt zuvor in den afghanischen Flüchtlingslagern in Pakistan gebildet hatten. Gelehrt wurde dort eine ultrareaktionäre Ausprägung des Islam, die sich mit dem tradierten Rechts- und Ehrenkodex ultrareaktionärer paschtunischer Stämme, dem Paschtunwali, verband. Aus den Flüchtlingslagern wurden mit Mitteln der Vereinigten Staaten und Saudi-Arabiens Kämpfer, Mudschaheddin, gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan rekrutiert – und dafür war die äußerste Reaktion gerade recht.

Dass aus den Taliban eine Bewegung wurde, liegt daran, dass in Afghanistan nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte ein Krieg zwischen zahlreichen Warlords losbrach, die zuvor nur der gemeinsame Feind geeint hatte und deren Milizen nun begannen, sich und die Bevölkerung völlig rücksichtslos zu massakrieren. In dem mörderischen Zerfallschaos boten sich die Taliban als eine Kraft an, die immerhin irgendeine Ordnung schuf – und als sie 1994 in der südafghanischen Großstadt Kandahar auftauchten, einem Zentrum der Paschtunen, da schlugen ihnen durchaus Sympathien entgegen. Die Taliban brachten erst Kandahar, dann immer größere Teile des Landes unter ihre Kontrolle, und im September 1996 eroberten sie Kabul. Berüchtigt wurde ihr Herrschaftssystem: Im Islamischen Emirat Afghanistan herrschte eine sich religiös legitimierende Männerclique mit brutalster Gewalt; abweichende Meinungen wurden nicht toleriert; Frauen wurden Männern bedingungslos unterworfen, Mädchenschulen abgeschafft; Musik, Film, Fernsehen waren streng verboten. Gehorsam wurde mit Körper- und Todesstrafen durchgesetzt.

Dem Westen war das zunächst herzlich egal. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan erkannten das Islamische Emirat sogar diplomatisch an: Es ähnelte ja in so manchem durchaus dem saudischen Herrschaftssystem. Auslöser für den Sturz der Taliban durch die USA im Jahr 2001 war denn auch vor allem, dass sie mit Al-Qaida einer Terrororganisation Zuflucht boten, die den Westen überaus aggressiv bekämpfte. Anfang 2002 schienen die Taliban – jedenfalls von außen betrachtet – am Ende.

Der Schein trog. Spätestens um 2005, als der Unmut über die korrupte Regierung in Kabul und über die westlichen Besatzer anzuschwellen begann, gingen die Taliban zum Aufstand über, setzten sich – zunächst vor allem in paschtunischen Gebieten – Schritt für Schritt wieder fest. Ihnen half, dass Pakistan sich sorgte, die Regierung von Hamid Karsai und später von Aschraf Ghani könne dem Erzfeind Indien größeren Einfluss in Kabul gewähren, und dass deshalb der pakistanische Geheimdienst ISI ihnen unter die Arme griff – nicht ohne Grund hatten sie bereits zuvor in den pakistanischen Grenzgebieten stets zuverlässig Zuflucht gefunden. Das immer wieder rücksichtslose, teils offen verbrecherische Vorgehen westlicher Militärs ist Wasser auf die Mühlen der Taliban gewesen, und als klar war, dass die Vereinigten Staaten ihre Truppen eher früher als später vom Hindukusch abziehen wollten, um sich ganz ihrem Machtkampf gegen China zu widmen, da arbeitete die Zeit für sie. Die Hoffnung, weniger reaktionäre Kräfte könnten sich in Afghanistan nach dem Abzug des Westens gegen sie behaupten, ist schwach. Spekuliert wird aber, ob sie im Zeitalter des Internets und der Smartphones ihr Herrschaftssystem aus den 1990er Jahren wieder in allen Details errichten können: Auch die äußerste Reaktion mag zu gewissen Anpassungen an die globale Entwicklung gezwungen sein.

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