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Aus: Ausgabe vom 04.08.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Unerklärlicher Reichtum

Manfred Karge und Hermann Wündrich scheitern an den Widersprüchen des DDR-Theaters
Von Kai Köhler
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Die Arbeit am Theater: Helfer beim Wiederaufbau der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Anfang der fünfziger Jahre

Das Theater ist eine flüchtige Kunst. Auch wenn wir es angesichts der Streams, die seit Monaten als Ersatz angeboten werden, fast vergessen haben: Es zielt auf den einen Abend, an dem es stattfindet, und auf die körperliche Anwesenheit von Publikum und Akteuren. Theatergeschichtsschreibung hat nie das Ereignis selbst zur Verfügung, aber immerhin den Dramentext, Regie­bücher, vielleicht eine Aufzeichnung der Inszenierung; sie kann aus Erinnerungen, Kritiken und sonstigen Quellen schöpfen.

In der Schlussphase der Intendanz Claus Peymanns am Berliner Ensemble, von 2013 bis 2017, leiteten der Regisseur und Autor Manfred Karge sowie der Dramaturg Hermann Wündrich eine Reihe szenischer Stück­lesungen. Am Ende hatten sie 44 ­Werke präsentiert, die in der DDR oder mindestens mit engem Bezug auf sie entstanden waren. Manche von ihnen waren, wie etwa Heiner Müllers »Die Umsiedlerin«, zum Anlass politischer Auseinandersetzungen geworden, die in die Literaturgeschichte eingegangen sind. Andere waren zwar erfolgreich, sind aber heute kaum mehr bekannt: zum Beispiel Regina Weickers »Die Ausgezeichneten«. Wieder andere gelangten gar nicht erst auf die Bühne: etwa ­Lothar Walsdorfs »Schneckenhaus«.

In ihrem Buch »Erstürmt die Höhen der Kultur! Umkämpftes Theater in der DDR« stellen Karge und Wündrich viele dieser Stücke und Autoren vor. Das Buch hat sowohl Stärken als auch Probleme. Die Länge der Abschnitte reicht von der knapp dreiseitigen ­Skizze bis zu einem siebzehnseitigen Kapitel zum Streit über Heinar ­Kipphardt; dagegen ist nichts zu sagen, Stoffe sind unterschiedlich ergiebig. Eindrucksvoll zeigt die Sammlung, welch reiches Theaterleben es in der DDR gab, sowohl hinsichtlich der neuen Stücke als auch der Umsetzung. Szenenfotos, Abbildungen von Plakaten, Reproduktionen von Zeitungs­artikeln unterstreichen dies.

Allerdings bleibt völlig offen, wie dieser Reichtum entstehen konnte. Schon die Betitelung der Lesereihe 2013 verweist auf das Problem: »Verbotene und vergessene Theaterstücke der DDR«. Doch während die BE-Veranstaltungen immerhin die Texte in den Mittelpunkt stellten, geht es in dem nicht zufällig von der »Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur« geförderten Band fast durchgehend darum, wie Autoren und Theater von politischer Gängelung geplagt wurden. Das ist die Schwäche der Publikation.

Dieser Einwand heißt nicht, dass es eine solche Gängelung nicht gab, dass sie nicht auch überzeugte Sozialisten getroffen hätte, dass Probleme manchmal administrativ verdrängt statt durch inhaltliche Auseinandersetzung gelöst wurden. All dies gehört zur Theatergeschichte der DDR, also auch zu einer Theatergeschichtsschreibung. Hier aber sind die Akzente falsch gesetzt.

Ein Beispiel unter vielen: Von Günther Rücker, einem ganz zu Unrecht vergessenen Autor, stellen Karge und Wündrich »Harlekin und Colombine« von 1956 vor. In dieser Verwechslungskomödie lernt ein junges FDJ-Paar, dass nicht allein der Kampf für die richtige Linie zählt, sondern die beiden auch eine Sprache für ihre Gefühle finden müssen. Die Aufführung an der Volksbühne war erfolgreich, das Neue Deutschland lobte. Offensichtlich wusste man in der DDR 1956, dass es ein ­Privatleben gab und geben sollte, das nicht von politischer Agitation bestimmt war. Doch fragen Karge und Wündrich, ob Rücker einen »subjektiven Freiheitsimpuls« hatte. Und sie mögen auch nicht auf einen in diesem Zusammenhang sachlich völlig überflüssigen Schlussabsatz verzichten: Auch sei Rücker »Stasi«-IM gewesen, habe als solcher aus der Akademie der Künste berichtet und 1981 eine von Franz Fühmann geplante Anthologie mit Texten junger Autoren schroff abgelehnt.

Nun könnte man fragen, weshalb jemand, der 1956 Möglichkeiten zur Individualisierung erhoffte, ein Vierteljahrhundert später die scheinbar entgegengesetzte Position bezieht. Hatte sich Rücker gewandelt? Oder hatte sich die DDR gewandelt, waren die privaten Räume erweitert und sah Rücker, der sich früher gegen die eine Einseitigkeit gewandt hatte, nun die Gefahr der gegenteiligen Einseitigkeit?

Dafür aber müsste man die Entgegensetzung von mutiger Kunst einerseits, politischer Gängelung andererseits überwinden. Man müsste fragen, weshalb Leute, die den Sozialismus wollten, aufgrund ihrer verschiedenen Funktionen und entsprechenden Perspektiven aufeinanderprallten; und was mit den Künstlern ist, die danach den Sozialismus nicht mehr wollen oder ihn nie wollten. Auf einer solchen Grundlage wäre eine Theatergeschichte der DDR denkbar, die die Fülle des Erreichten nicht lediglich als dem System abgetrotzt begreift, sondern als etwas, das nur innerhalb einer sozialistischen Staatlichkeit möglich war. Karge und Wündrich haben wertvolles Material für eine solche Theatergeschichte zusammengestellt, die es noch weiter zu durchdringen gilt.

Manfred Karge/Hermann ­Wündrich: Erstürmt die Höhen der Kultur! Umkämpftes Theater in der DDR. Ventil-Verlag, Mainz 2021, 328 Seiten, 30 Euro

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  • Leserbrief von Rainer Döhrer aus Barchfeld/Werra ( 5. August 2021 um 11:33 Uhr)
    Der Verfasser Kai Köhler wirft im letzten Teil seiner Rezension zur Neuerscheinung des Buches »Erstürmt die Höhen der Kultur!« sehr interessante und kritische Fragestellungen auf, die ich als Leser gern als Anregung zum Weiterdenken verstehe. Erst mit deren Betrachtung und Beantwortung wäre eine umfassendere wie auch insgesamt ehrliche Darstellung der Theatergeschichte der DDR möglich. Ausdrücklich stimme ich der Auffassung zu, dass die Fülle des vom Theater in der DDR Erreichten, das weltweit anerkannt wurde, nur innerhalb einer sozialistischen Staatlichkeit möglich war. An einer solchen Darstellung wird jedoch die »Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur«, die die Herausgabe dieses Bandes gefördert hat, keinesfalls ein Interesse haben. Denn man weiß doch allzugut: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing! Warum sollte das auch in diesem Falle nicht gelten? Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass das Foto zum Wiederaufbau der Berliner Volksbühne aus den schweren Anfangsjahren eine gelungene Illustration zum Beitrag darstellt. Und noch eines, auch wenn es direkt nichts mit dem von ihm verfassten Buch zu tun haben sollte: Manfred Karge selbst hat in seiner Filmrolle des Wolzow im Defa-Film »Die Abenteuer des Werner Holt« nach dem gleichnamigen Roman von Dieter Noll einen tiefen Eindruck hinterlassen und die antifaschistische Prägung der jungen Generation vor fast 60 Jahren in der DDR innerhalb sozialistischer Staatlichkeit mitgeprägt. Zu jener Zeit prägten viele tausend alte Nazis in hohen und mittleren Ämtern die kapitalistische Staatlichkeit in der BRD.

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