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Aus: Ausgabe vom 04.08.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitsniederlegungen

Streikwelle ausgelöst

Tarifkonflikt: Lebensmittelgewerkschaft NGG mobilisiert Beschäftigte bei Europas größtem Tiefkühlkosthersteller Aryzta in Thüringen und Sachsen-Anhalt
Von Oliver Rast
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Reizschwelle ist überschritten: Arbeiterwut im Osten gegen Lohndumping (Eisleben, 3.8.2021)

Ein, zwei Knopfdrücke durch Beschäftigte – und schon stand die Produktion still. So ist das beim Streik. Auftakt war am Dienstag morgen, Punkt 4.30 Uhr. Die Nachtschichtler beim Tiefkühlkosthersteller Aryzta im sachsen-anhaltinischen Eisleben zogen vor die Werkstore, trafen auf die Frühschichtler. Die machten mit. Etwa 200 Beschäftigte versammelten sich, alle in signalfarbener Warnweste ihrer Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). Einige waren kreativ, malten Protestschilder – auf einem stand: »2021 – Mitarbeiter bei Aryzta. 2041 – Rentner und Sozialfall«. Auf einem weiteren: »Nehmt uns verdammt noch mal ernst!«

Der Unmut ist echt – denn für die Plackerei im Drei- oder Vierschichtsystem gibt es oft nur karge Löhne. 10,81 Euro pro Arbeitsstunde für Beschäftigte in der untersten Lohngruppe etwa. Die NGG fordert hingegen 13 Euro, stufenweise. Die Begründung: »Wir brauchen Entgelte, von denen man heute leben kann«, betonte der NGG-Geschäftsführer der Region Leipzig-Halle-Dessau, Jörg Most, am Dienstag im jW-Gespräch. Verhindert werden muss ferner das: der direkte Übergang von der Erwerbsarbeitszeit in die Altersarmut. Und es ist eine Frage von Lohngerechtigkeit im Osten und Westen der Republik. »Das Niedriglohnsystem Ost muss endlich ein Auslaufmodell sein«, so Most. Nach Angaben der Lebensmittelgewerkschaft werden am unterfränkischen Aryzta-Standort in Gerolzhofen höhere Löhne gezahlt, deutlich höhere sogar.

Der Konzern mit Hauptsitz in der Schweiz zählt mit einer weltweiten Belegschaft von 19.000 Mitarbeitenden zu den größten der Bäckereibranche. Mehr noch: Aryzta ist europäischer »Marktführer« für Tiefkühlbackwaren. In den ostdeutschen Betrieben arbeiten derzeit über 1.800 Beschäftigte, davon 160 im Thüringer Nordhausen und knapp 1.700 in mehreren Werken in der Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt. Dort werden TK-Backwaren für die Handelsriesen Lidl, Aldi und Edeka produziert.

Die Zeit für den Ausstand war reif. Vier Gesprächsrunden mit der Gegenseite um einen neuen Entgelttarifvertrag endeten ergebnislos. Bereits am Montag traten Aryzta-Beschäftigte in Nordhausen in den Warnstreik. Ein Firmensprecher meinte am Dienstag zu jW, die Zuspitzung der Situation sei kontraproduktiv. »Jede Lohnsteigerung setzt einen erwirtschafteten Ertrag voraus.« Und der fehle. Aryzta habe bereits »ein sehr attraktives Angebot« gemacht. Eines, was indes nicht verhandelbar sei, so NGG-Vertreter Most. 1,5 Prozent Lohnplus »nach mehreren Leermonaten«, weitere mickrige 1,5 Prozent, falls die ­Umsatzrendite stimme. Unter dem Strich bliebe für die Mehrwertproduzenten eines: Reallohnverlust.

Zumal es auch anders geht: Für andere Backwarenproduzenten in den ostdeutschen Bundesländern existiert der Flächentarifvertrag »Brotindustrie Ost«. Dieser sehe in der untersten Lohngruppe derzeit einen Stundenlohn von 13,40 Euro vor, berichtete die NGG. Eine klare Orientierung also.

Unterstützt werden die Streikenden von vielen, verbal zumindest. »Gerade internationale Konzerne stehen in der Verantwortung, gutes Geld für gute Arbeit zu zahlen«, teilte die Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt, Katja Pähle, am Dienstag auf jW-Anfrage mit. Und der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Ulrich Thomas, sagte gleichentags gegenüber dieser Zeitung: Angesichts des Fachkräftemangels könne sich kein Unternehmen »schlecht bezahlte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer leisten.« Vor allem: Gleiche Löhne innerhalb eines Unternehmens seien das mindeste, so Cornelia Lüddemann, Vorsitzende der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Einen Wunsch formulierte Daniel Feuerberg, Direktkandidat zur Bundestagswahl der Partei Die Linke: »Maximale Erfolge für die NGG im Tarifkonflikt.«

Die mehrstündigen Warnstreiks am Montag und Dienstag an den Produktionsstätten seien Etappen, kein Endpunkt des Arbeitskampfes, versicherte Gewerkschafter Most. Nur: Wie lange kann das Aktionslevel gehalten werden? Most: »Die Belegschaften sind hochmotiviert, wollen nicht nachgeben.« Schließlich hätten sie eine nie dagewesene Streikwelle bei Aryzta ausgelöst.

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