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Stadtnatur

Von Helmut Höge
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Rendezvous mit Tieren: Günter Tembrock

In Berlin entdeckt man die Natur in der Stadt. Der Ökologe Josef Reichholf fand bereits vor Jahren, dass die Dörfer sich der Natur verschließen und die Städte sich ihr öffnen. Gemeint waren mit »Natur« all jene Pflanzen und Tiere, die sich quasi in die Stadt trauen, bei den Tieren etwa Wildschweine, Füchse, Waschbären, Falken. Und dann dort eine Art »Duldungsstatus« bekommen, aber im Bestand von den Stadtjägern »reguliert« werden.

Nun mehrt sich auch die Beschäftigung der anderen Künste damit. Genannt seien die »Urania«-Reihe »Stadt-Natur. Berlin ökologisch denken«, das Magazin 36 der Bundeskulturstiftung »Cohabitation« und die mit »Stadterkundungen« verbundene Veranstaltung der Zeitschrift Arch + mit dem Titel »Cohabitation: Manifest für Solidarität von Tieren und Menschen im Stadtraum«. Deren diesjährige Ausstellung gliederte sich in die Bereiche »Anthropocity«, »Ecocity« und »Zoopolis«. In einem der Texte erklärte der Wiener Ökophilosoph Fahir Amin: »Cohabitation heißt ›Leben mit‹, was nicht immer angenehm, unschuldig, schön oder frei von Gefahr ist. ›Leben mit‹ befördert die Entwicklung von Nachbarschaften.«

In einer der Diskussionen darüber erwähnte jemand den Architekten Rahul Mehrotra aus Bombay, dessen Bürogemeinschaft im Auftrag der Regierung von Rajasthan ein Dorf für 100 Elefanten und ihre Mahuts sowie deren Familien baute. Das Geld verdienen dort die Elefanten – mit dem Transport von Touristen zum nahen Stadtpalast von Jaipur und zurück. Im Haus der Kulturen der Welt geht es zum Jahresende weiter mit »Community Building«.

Die »Stadtnatur«-Forschung entstand in der DDR, berühmt wurde der Fuchsforscher der Humboldt-Universität, Günter Tembrock, der seine Füchse u. a. im »Fuchszimmer« seines Instituts am Naturkundemuseum hielt. »Professor Tembrocks Rendezvous mit Tieren« hieß eine Sendereihe im DDR-Fernsehen. 2014 widmete der SWR dem Zoologen eine Sendung, in der man O-Töne von ihm vernahm: »Wir haben Ende der 40er Jahre mit der Verhaltensforschung begonnen und mit den Füchsen«, sagte Tembrock da. »Die Füchse standen im Mittelpunkt unserer Forschung, und ich verdanke ihnen auch meine Habilitationsschrift und damit gewissermaßen die höhere Weihe als Wissenschaftler.«

Bis Mitte der 60erJahre war er nicht nur ein weltweit anerkannter Fuchsforscher, der sich auf ihre »Sprache« konzentrierte, sondern auch ein Experte für Bioakustik. Dann überholten ihn aber die US-Amerikaner mit neuer Abhörtechnik. Er hinterließ das größte Tierstimmenarchiv der Welt. Neuerdings werden die Berliner »Stadtfüchse« von der Biologin Sophia Kimmig am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung erforscht. Der Vorläufer wurde in den 50er Jahren zusammen mit dem Tierpark im Osten Berlins gegründet, heute öffnet es seine Türen regelmäßig in der »Langen Nacht der Wissenschaften« oder am »Mädchenzukunftstag: Girls Day«.

In Westberlin erschienen nach 1989 zwei Bücher über Tiere in der Stadt von den Biologen Cord Riechelmann und Bernhard Kegel. 2020 veröffentlichte der US-amerikanische Musiker David Rothenberg ein Buch über die »Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound«, in dem der Autor sich speziell um einige Nachtigallen im Treptower Park bemühte. In vielen Kinos laufen im Sommer Naturfilme. Meine Empfehlung: »Die Wiese« von Jan Haft (gibt es auch als Buch und als Schulfilm). Im Berliner Botanischen Garten befassen sich die Veranstaltungen meist mit einzelnen Pflanzengruppen, z. B. mit Giftpflanzen. An vier Abenden findet aber auch eine »Botanische Nacht« mit dem Titel »Zauber über Botania« statt. Die städtische Verzauberung geschieht vor allem durch eingeschleppte oder hergewehte Pflanzen. Am weitaus erfolgreichsten ist der chinesische Götterbaum – schon fast eine botanische Pandemie. Erforscht haben ihn die Ökologen der TU.

Als der Wissenssoziologe Bruno Latour verkündete: Es gibt keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische, erntete er wenig Widerspruch. Es stimmt ja auch, dass die Ökologiebewegung – inklusive Parteien, Gesetze, Verordnungen, Forschungsinstitute, Lehrstühle, NGOs, Naturschutzbeauftragte, Umweltbundesamt und -ministerien – eine enorme »Karriere« gemacht hat. Der Sozialpsychologe und Soziologe Harald Welzer gibt jedoch zu bedenken: Gleichzeitig werde jedes Jahr »ein neues Weltrekordjahr im Material- und Energieverbrauch« angezeigt.

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