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Aus: Ausgabe vom 03.08.2021, Seite 6 / Ausland
Libanon

Recht statt Rache

Libanon: Fünf Menschen bei Angriff auf Trauerzug für Hisbollah-nahe Gruppe getötet
Von Wiebke Diehl
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Menschen bringen sich vor dem Angriff in Khaldeh in Sicherheit (Beirut, 1.8.2021)

Mindestens fünf Personen, darunter drei Anhänger der Hisbollah, sind am Sonntag in Khaldeh während der Teilnahme an einer Beerdigung getötet worden. Der Angriff im Süden Beiruts durch Angehörige der sunnitischen Ghosn-Familie erfolgte mit Maschinengewehren und Panzerfäusten. Zahlreiche Menschen wurden bei der Auseinandersetzung verwundet, darunter nach Angaben der libanesischen Armee auch ein Soldat. Unter Fußgängern und Anwohnern brach Panik aus. Nach Aussage eines Korrespondenten des libanesischen Fernsehsenders Al Mayadeen ermöglichte die Zurückhaltung der anwesenden Hisbollah-Mitglieder der Armee, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Der Trauermarsch galt Ali Shibli, Mitglied einer Hisbollah-nahen Gruppierung, der auf einer Hochzeitsfeier am Samstag abend ebenfalls von einem Angehörigen der Ghosn-Familie getötet worden war. Laut der Familie des Mörders übte dieser Rache für die Tötung seines 15jährigen Bruders vor einem Jahr. Beweise für eine Täterschaft Shiblis sind allerdings bislang nicht vorgelegt worden.

Die Hisbollah nannte den Angriff einen geplanten Hinterhalt und rief die libanesische Armee auf, die Sicherheit wiederherzustellen. Panzer fuhren in Khaldeh auf, die Armee erklärte, auf jeden Schützen in der Gegend schießen zu wollen. Soldaten mussten zudem die Familie Shiblis befreien, die mit dem Leichnam in einem Haus Zuflucht gesucht hatte. Alle Zufahrtsstraßen wurden gesperrt, um eine Ausweitung der Kämpfe zu verhindern. Staatspräsident Michel Aoun, der designierte Premierminister Nadschib Mikati und der geschäftsführende Premier Hassan Diab zeigten sich alarmiert und baten die Armee, ihre Sicherheitspräsenz in der betroffenen Gegend zu erhöhen.

Angesichts der derzeitigen schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise in der libanesischen Geschichte, in deren Folge bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt, und der Mitte Juli gescheiterten Regierungsbildung durch Expremier Saad Hariri ist die Lage im Zedernstaat äußerst angespannt. Der Machtkampf um Kabinettsposten war in den letzten neun Monaten von schweren gegenseitigen Anschuldigungen geprägt. Insbesondere Hariri hat wiederholt die Stimmung gegen den Hisbollah-Verbündeten Aoun und dessen Schwiegersohn Gebran Bassil aufgeheizt. Dass die Verantwortlichen für die Explosion von 2.750 Tonnen unsachgemäß gelagertem Ammoniumnitrat im Hafen Beiruts, die sich am Mittwoch jährt, bis heute nicht bestraft und viele Schäden nicht behoben wurden, lässt die Wut und Verzweiflung der Bevölkerung zusätzlich steigen.

In einem Interview mit Al Mayadeen warnte der Hisbollah-Abgeordnete Hassan Fadlallah, die Ereignisse von Khaldeh stellten einen gefährlichen Wendepunkt dar. Es sei aber falsch, von »Aufruhr« oder gar von »Streit zwischen Konfessionen« zu sprechen. Das Problem liege sicher nicht »zwischen der Hisbollah und den Stämmen, sondern zwischen diesen Banden und dem libanesischen Staat«. Die Sicherheitskräfte wüssten, dass es sich bei den Mördern um Kriminelle handele, die seit geraumer Zeit ihr Unwesen an der Autobahn Beirut-Süd trieben und mit den ehrenhaften Familien nichts zu tun hätten. Ihnen müsse der libanesische Staat das Handwerk legen, nicht die Hisbollah. Oberste Priorität habe die Verhinderung interkonfessioneller Auseinandersetzungen. »Sowohl die Familie des Märtyrers Ali Shibli als auch die Hisbollah haben gestern menschlich gehandelt und wir haben Shiblis Mörder den Sicherheitskräften übergeben«, so Fadlallah weiter. »Wir wollen nicht, dass sich die Sprache der Rache durchsetzt, sondern die Sprache des Rechts, um die Verbrecher entsprechend zu bestrafen.«

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