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Aus: Ausgabe vom 31.07.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Hunnentexte

Von Arnold Schölzel
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Anfang kommender Woche schickt die Bundesregierung die Fregatte »Bayern« für sieben Monate Richtung Fernost. FAZ-Parlamentskorrespondent Peter Carstens erläuterte am Freitag, ihre Aufgabe sei, »China zu demonstrieren, dass Deutschland für eine regelbasierte Weltordnung eintritt«. Dessen »kommunistische Machthaber« gingen »mit einer schnell wachsenden Marine über das hinaus, was ihnen internationales Seerecht zubilligt«. Fregatten wie die »Bayern« werden laut Carstens »dort in Großserie produziert«, und China besitzt seit zwei Jahren »den ersten Flugzeugträger aus Eigenbau«. Immerhin erwähnt der Autor, dass neben den USA auch Frankreich und Großbritannien mit ihren Flugzeugträgergruppen »schlagkräftige Streitmächte« in die Region entsenden. Aber bewaffnete westliche Expansion ist von Natur aus regelbasiert und unaggressiv. Nur der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich habe im Zusammenhang mit der »Bayern«-Tour von »wilhelminischem Weltbild« gesprochen. Aber zum Glück habe Außenminister Heiko Maas (SPD) die Länder der Region »über unsere Absichten informiert«, während Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Reden halte, »die an ungute deutsche Zeiten erinnern«.

So kreuzt die deutsche Regierung zwischen Furcht um die Exportquote und Mitmachen beim Kriegvorbereiten und lässt auch die »Bayern« Zickzackkurs fahren: Laut Carstens haben sich USA und andere Europäer »etwas gewundert«, dass Berlin in Beijing anfragte, ob die Fregatte auch dort einen Hafen anlaufen könne, »Shanghai vielleicht oder Qingdao«. Carstens: »Die Patenstadt von Wilhelmshaven war 1898 Ziel eines Kreuzergeschwaders der Kaiserlichen Marine und dann bis 1914 Teil eines okkupierten ›deutschen Schutzgebietes‹.« Heimat sozusagen. Der FAZ-Mann vergisst nicht zu erwähnen, dass aus jener Zeit noch ein Brauereigebäude existieren soll. Da kann er die Apartheidgesetze für Chinesen in der »Musterkolonie« Kiautschou, nach der in Berlin-Wedding noch heute eine Straße benannt ist, oder die »Hunnenrede« des Kaisers am 27. Juli 1900 vorm deutschen China-Expeditionskorps in Bremerhaven weglassen: »Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1.000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen.« Der Chinese sollte sich lediglich regelbasiert verhalten, sonst eben Erhängen, Erschießen, Verbrennen, Vergewaltigen und was sonst als Kollateralschaden bei deutschen Auslands-»Einsätzen« Gewohnheit ist. Im übrigen waren schon damals acht Staaten an dem Feldzug beteiligt, darunter diejenigen, die heute mit Flugzeugträgern vor der chinesischen Küste auftauchen. Leider gab es noch keine Antwort auf die deutsche Anfrage nach einem »Bayern«-Besuch.

Solch schlechtes Benehmen ruft notwendig schwere Bedenken in der Zivilisation, d. h. im Westen, hervor. Die äußerte FAZ-Kommentator Klaus-Dieter Frankenberger am Freitag auf Seite eins der Zeitung. Beijing reagiere »zunehmend gereizt« darauf, dass der Westen seinem »geoökonomischen Expansionismus und territorialen Ausgreifen nicht tatenlos« zusehe. Im Westen sehe man China in der Regel als Partner, Wettbewerber oder Systemrivalen. Aber: »Ehrlicherweise wäre ein weiteres Merkmal hinzuzufügen: China als Feind (›enemy‹), der westlichen Interessen offensiv entgegentritt.« Das klingt nicht wie 1900, meint aber dasselbe. Welch Fortschritt in 121 Jahren.

Bewaffnete westliche Expansion ist von Natur aus regelbasiert und unaggressiv. Nur der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich habe im Zusammenhang mit der »Bayern«-Tour von »wilhelminischem Weltbild« gesprochen.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 3. August 2021 um 11:03 Uhr)
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  • Leserbrief von Joachim Seider ( 2. August 2021 um 12:40 Uhr)
    In den Parks im chinesischen Tsingtau galt zu Zeiten der kaiserlich-deutschen Herrschaft »für Hunde und Chinesen verboten!«
    Arnold Schölzel tat gut daran zu erinnern, welche historischen Wurzeln die heutigen Forderungen an China haben, sich wieder
    kleiner zu machen, als es inzwischen ist. Im Unterschied zu damals soll die Welt nur nicht am deutschen, sondern am amerikanischen Wesen genesen. Notfalls auch mittels eines weltvernichtenden Krieges, wie Joe Biden gerade ganz nebenbei mitteilte. Aus der Geschichte haben solche Leute nichts gelernt.

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