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Aus: Ausgabe vom 31.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Sachbuch

Was durch die Hirne fließt

Dauerschreiber Markus Metz und Georg Seeßlen behandeln in ihrem Buch »Beute und Gespenst« die Ökonomisierung der »Seele«
Von Tina Manske
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»Der arbeitende Kunde holt sich Postsendungen selbst in Packstationen ab, besorgt sich Tickets an Automaten oder über Smartphone und checkt am Flughafen elektronisch ein« (Markus Metz / Georg Seeßlen)

In ihrem Band »Kapitalistischer (Sur)realismus« von 2018 unterzogen Markus Metz und Georg Seeßlen das neoliberale System einer genauen Analyse und stellten dabei – mit Bezug auf die Arbeiten von Mark Fisher – das surreale Element in den Blickpunkt. Der Neoliberalismus, so ihre These, habe sich vollständig ästhe­tisiert, somit von der Wirklichkeit entkoppelt und mache daraus auch gar keinen Hehl mehr.

In ihrem aktuellen Buch »Beute und Gespenst« gehen die beiden einen Schritt weiter und beschreiben sehr genau die Lebensweise der Menschen im Neoliberalismus unserer Tage, wie dieser »das Sehen, Hören und Em­pfinden durchdringt«. Die Autoren beleuchten dabei verschiedene Facetten der Gesellschaft, von der Arbeit über die Sprache und Körpersprache bis hin zum Verfall der Demokratie. Auch die Coronakrise hat bereits Einzug in das Buch gefunden. Die Pandemie hat die vorgestellten Mechanismen nur noch verstärkt. Alles wird für den modernen Menschen zu einer Ware, zu einer »Beute«, die, einmal verbraucht, zu einem die Gesellschaft heimsuchenden »Gespenst« mutiert. Der Kapitalismus ist schon immer darauf angewiesen gewesen, etwas zu erobern – Körper, Länder, Produktionsstätten. Im jetzigen Stadium des Systems erkennen die Autoren eine »innere Landnahme«. Beute sind nun natürliche Ressourcen wie Luft und Wasser oder immaterielle Werte wie Träume und Information. Kurzum, die Seele wird ökonomisiert. Es gibt kein Entkommen. Kein Zufall, dass Apokalypsen die heutige Bilderwelt durchdringen.

Noch 2018 schrieben Metz und Seeßlen: »Im Surrealismus wird nicht abgebildet, was war oder ist, sondern was durch die Hirne fließt.« »Beute und Gespenst« beschreibt nun näher, was durch diese Hirne fließt. Es geht um die »rich images«, bei denen die Kosten, die zu ihrer Entstehung aufgebracht werden müssen, Teil ihres Selbst sind: Megablockbusterkino oder die Hochzeitsshow, die wichtiger ist als die Heirat selbst. Der »Consumer« hat sich in einen »Prosumer« verwandelt, »der zugleich produziert und konsumiert«. Es ist der Kunde, der dafür arbeitet, Kunde sein zu können. Der arbeitende Kunde »entwirft selbst seine Ware, die mit Know-how und Kontrollen in der menschenleeren Fabrik on demand gefertigt wird, holt sie sich an der Packstation ab und bezahlt sie mit einem bargeldlosen Banking«.

Die Wirklichkeit, so die Autoren, ist im kapitalistischen Surrealismus völlig egal. »Durch die Beteiligung der vielen wird die Ware unwirklich. Das Marketing muss die mehr oder weniger unfreiwilligen Helfer, deren es sich bedient, auch wieder austricksen, um ihr Beharrungsvermögen zu überwinden. Produktivität und Kreativität verlieren ihre Bindungskräfte aneinander (…) Hier muss das Vergangene zur Sensation werden (der Luxus ›handgemachter‹ Musik, der Luxus, sich von einem Menschen und nicht von einer Maschine bedienen zu lassen).«

Markus Metz und Georg Seeßlen: Beute und Gespenst. Lebenswelten im Neoliberalismus. Verlag Bertz + Fischer, Berlin 2021. 192 Seiten, 14 Euro

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