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Aus: Ausgabe vom 31.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

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Mehr als ein gelungenes Alterswerk: Das neue Album von Joan Armatrading
Von Hannes Klug
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Immer noch auf der Suche nach dem perfekten Song: Joan Armatrading

Auch im zarten Alter von 70 Jahren ist Joan Armatrading noch unterwegs. Das gilt nicht nur für ihre Konzerte und Touren, bei denen sie zuverlässig kleine bis mittlere Hallen an eine treue Fangemeinde ausverkauft, sondern auch sinnbildlich für ihre Musik, mit der sie nach wie vor »versucht, richtig gut zu werden«, wie sie über sich selbst vor kurzem in einem Interview sagte. Auf ihrem neuen Album »Consequences« beweist sie, dass sie auf der Suche nach dem perfekten Song letztlich ziemlich viele Lieder schreibt, die diesem Ziel recht nahekommen.

Seit fast 50 Jahren macht Arma­trading Musik, debütierte 1972 und wurde 1976 mit ihrem dritten Studioalbum bekannt, das schlicht ihren Namen trug und sie allein mit akustischer Gitarre auf dem Cover zeigte. Mit »Down to Zero« und »Love and Affection« enthielt es zwei ihrer größten Hits, die heute zu ihren bekanntesten Stücken zählen. Joan Armatrading wurde auf der karibischen Insel St. Kitts geboren und wuchs ab ihrem siebten Lebensjahr in Birmingham in England auf. Ein Fluch, aber auf lange Sicht wohl auch ein Segen für ihre Karriere war, dass sie sich nie einordnen ließ: Was sich anfangs noch nach einer schwarzen Folksängerin anhörte, wurde bald von ihr selbst fortwährend revidiert: Ihre Stimme klang nach Soul, rauh und tief, aber gleichzeitig entpuppte sie sich auf der Bühne als virtuose Instrumentalistin, deren Gitarrensoli auch die ausgewiesenen Monster des Rock verblassen ließen und die sie dem ­Publikum um die Ohren schmetterte. Das ist heute immer noch so.

Gleichzeitig ist ihr Songwriting von großer Zärtlichkeit erfüllt und kreist vor allem um das unerschöpfliche Thema Liebe: Wer sagt, dass man mit 70 nicht noch genauso verletzlich ist, genauso mit Einsamkeit ringt und genauso leidenschaftlich begehrt wie mit 25? »To Be Loved« lautet die Song gewordene Sehnsucht nach einer verwandten Seele, die hier jedoch glücklich erfüllt worden ist: »You melt my heart like icecream in the sun / You make the best great times / I wonder how I ever found you / Against all odds.« Dies ist nicht der einzige Titel, der auf »Consequences« einen Hang zum Hymnischen aufweist und sich zumindest indirekt an ihre Lebensgefährtin Maggie Butler richten dürfte, mit der sie seit zehn Jahren verheiratet ist: Auch die erste Single-Auskopplung »Already There« betet die große Liebe an, die schließlich in eine glückliche Partnerschaft mündet: »Let me tell you my ­secret / I’ve never said it before / When you were falling in love with me / I was already there.« Im Video dazu sitzt Armatrading altersweise, aber keineswegs unterkühlt auf einem roten Plüschsessel und singt, sanft lächelnd, in die Kamera, während hinter ihr ein junges Paar einen furiosen Tanz aufführt, der einen ganzen Ballsaal beansprucht.

Der Rolling Stone nennt ihr Album von 1976 in einer kürzlich erschienen Hommage in einem Atemzug mit anderen Meilensteinen desselben Jahres wie Carole Kings »Tapestry«, Van Morrisons »St. Dominic’s Preview«, Al Green’s »Livin’ for You« oder Joni Mitchells »For the Roses«. Doch Joan Armatrading erlangte nie den Superstarstatus der anderen drei, sie blieb eine Einzelgängerin, die stoisch Jeans und Sweatshirt trug und für die es als lesbische ­schwarze Rockgitarristin in den 1970ern kein Label gab. Sie fand ihre Identität als introvertierte Individualistin, die oft unter dem Radar einer breiten Öffentlichkeit dahinsegelte. Armatrading veröffentlichte Jazz- und Blues-Alben, inkorporierte Reggae und Ska in ihr Werk. Im Laufe ihrer musikalischen Laufbahn wurde sie vollends zur biographischen Ausnahmeerscheinung, die ihresgleichen sucht. Oder wie sonst soll man den Umstand beschreiben, dass sie auch jetzt noch alles Gewesene hinter sich lässt und sich ständig weiterentwickelt, während andere Größen der 70er oder 80er Jahre sich bequem auf ihren alten Hits ausruhen und sich vor allem selbst zitieren?

Zumindest der Song »City Girl«, der von 1972 stammt, hat es ja tantiementrächtig in die Rotation von Kaufhausmusik geschafft. Für »Consequences« schrieb Joan Armatrading nicht nur alle Songs, sie produzierte das Album auch selbst und spielt darauf sämtliche Instrumente. »I’m choosing to be ­happy / I’m living like I love it«, singt sie in dem Stück »Like«, das ein komplizierter Drum-’n’-Bass-Breakbeat antreibt. »Consequences« ist nicht nur ein bemerkenswertes Alterswerk, sondern ein musikalisch aktuelles Album, das obendrein eine sehr tröstliche, zeituntypische Zuversicht verströmt. Möglicherweise stellt sie das Fazit eines gelungenen Lebens dar.

Joan Armatrading: ­»Consequences« (BMG)

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